Das neuste Fluglärmmonitoring für den Aargau zeigt: In den letzten acht Jahren hat sich die Anzahl der erfassten Fluglärmereignisse in der ersten Nachtstunde (22 bis 23 Uhr) mehr als verdoppelt. Die jahresdurchschnittliche Lärmbelastung nahm um zwei bis drei Dezibel zu. In der zweiten Nachtstunde zwischen 23 und 24 Uhr erhöhte sich die Anzahl der erfassten Fluglärmereignisse um rund 40 Prozent (AZ vom 15. 6.).

Der Verein für erträglichen Fluglärm (VefeF) Sektion Baden-Wettingen bezeichnet diese Entwicklung als unhaltbar. «Die Nachtstunde wird immer mehr ausgedehnt. Wir werden regelmässig bis Mitternacht mit lärmigen Starts beglückt und aus dem Schlaf geholt», sagt Armin Zimmermann, Co-Präsident des VefeF. Manchmal würden auch Flugzeuge nach Mitternacht die Gemeinde Wettingen überfliegen. Das sei beispielsweise am 27. März der Fall gewesen, als nach halb eins Uhr morgens noch ein Flugzeug zu hören war. «Die Verspätungen sind kalkuliert und systematisch», sagt Zimmermann. Auch ärgere man sich über die «unkorrekten Auskünfte», welche die Anlaufstelle Lärmmanagement und Anwohnerschutz des Flughafens Zürich dem VefeF erteile. So habe sich einmal beim zweiten Nachhaken herausgestellt, dass der Grund für einen verspäteten Start nicht bei den widrigen Wetterbedingungen lag, sondern bei einem technischen Defekt der Maschine.

Brief kommentarlos weitergeleitet

Dies und die Befürchtung, dass die Anzahl verspäteter Starts weiter zunehme, hat den VefeF veranlasst, sich Anfang April mit einem Brief an den Wettinger Gemeinderat zu wenden. «Wir sind der Meinung, dass es auch Aufgabe der Exekutive ist, dafür zu sorgen, dass die Bewohner Recht auf Nachtruhe haben.» Sie baten ihn, bei Bundesrätin Doris Leuthard, mit Kopie ans Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl), eine Beschwerde einzureichen. Doch: «Den Brief hat der Gemeinderat kommentarlos an die kantonale Abteilung Raumentwicklung weitergeleitet, ohne in Bern zu intervenieren», sagt Zimmermann und fügt an: «Wir sind sehr enttäuscht und hätten uns mehr Unterstützung gewünscht. Schliesslich ist es ja auch im Interesse der Gemeinde, für Nachtruhe zu sorgen.» Zudem steige der Druck, je mehr betroffene Orte sich gegen Fluglärm starkmachen.

Weshalb hat der Gemeinderat den Brief kommentarlos weitergeleitet? «Der Kanton Aargau vertritt mit entsprechender Vehemenz die Interessen seiner Gemeinden in der Sache Flughafen Zürich-Kloten», teilt er in einer Stellungnahme mit. «Der Gemeinderat sieht seine Aufgaben nicht darin, die Einhaltung des Nachtflugverbots zu kontrollieren. Entsprechend wenig erfolgsversprechend hat er eine Einzelintervention beim Bazl respektive der Departementsvorsteherin betrachtet.» Die Exekutive betont, es sei selbstverständlich auch in ihrem Interesse, dass die Nachtruhe gewährleistet sei und dass die Rahmenbedingungen des Betriebsreglements eingehalten würden.

Das aber tut die Gemeinde, um die Bevölkerung vor Fluglärm zu schützen? «Der Gemeinderat hat sich im Rahmen seiner gesetzlichen Möglichkeiten in den verschiedenen Rechtsmittelverfahren für den Erlass der Regelungen für den Flughafen Zürich eingebracht.» Zudem sei der Gemeinderat Mitglied des VefeF.

Kürzlich hat die kantonale Abteilung Raumentwicklung Stellung zum Schreiben des VefeF genommen. Sie teilt dem Verein unter anderem mit, dass man die aktuellen Daten des Flughafens Zürich nochmals unter die Lupe genommen habe. «Eine leicht zunehmende Tendenz der Nachtflüge in den letzten 15 Monaten ist zwar zu erkennen, aufgrund der grossen monatlichen Schwankungen ist diese jedoch wenig aussagekräftig.» Bezüglich der Verspätungen der Nachtflugbewegungen schreibt die Abteilung Raumentwicklung, dass mit der Teiländerung des neuen Betriebsreglements (BR 2014), das im Mai vom Bazl gutgeheissen wurde, Besserung in Sicht sein dürfe. So würden unter anderem die Rollwege verkürzt, was wiederum der Reduktion der Verspätung diene. «Wir haben vollstes Verständnis für ihren Ärger und versichern Ihnen, dass sich der Kanton Aargau auch weiterhin vehement für die Interessen seiner Bevölkerung einsetzen wird.»

Petition für Nächte ohne Fluglärm

Armin Zimmermann ist mit der Antwort nicht zufrieden. «Ich bin erstaunt, wie viel Hoffnung die Aargauer Regierung auf die Umsetzung des Betriebsreglements 2014 setzt, denn dieses bringt der Ostregion im Aargau wohl kaum eine Entlastung, höchstens eine leichte Umlagerung.» Ausserdem hätte er sich gewünscht, dass die Beschwerde auch zum Bazl gelangt. Nun hofft der Verein, dass möglichst viele die Petition für Nächte ohne Fluglärm unterschreiben, die Mitte Mai lanciert wurde. Darin fordert die Koalition Luftverkehr, Umwelt und Gesundheit (KLUG), dass der Bund Massnahmen ergreift, um an allen Schweizer Flughäfen und konzessionierten Flugplätzen eine Nachtruhe von 22 bis 7 Uhr zu gewährleisten. «Ich denke, dass die Aargauer Bevölkerung, die vom nächtlichen Fluglärm betroffen ist, sehr gerne unterzeichnet», ist Zimmermann überzeugt. Die Petition kann noch bis 31. August unterzeichnet werden, auch online unter «Petition – KLUG» oder «VefeF – aktuell».