Baden

Die Pilzkontrolle ist eine Institution – nun muss sie umziehen

Hinter der Badener Pilzkontrolle steckt sehr viel Leidenschaft und Herzblut. Bei ihr erhält man Tipps für die Küche – und manchmal werden auch Leben gerettet.

Bischofsmütze, Habichtspilz, Täubling, Haarschleierling und Semmelstoppel: Sie tragen poetische Namen, die Pilze auf dem Kontrolltisch der Badener Pilzkontrolle. Im hölzernen «Pilzhüsli» am Schadenmühleplatz warten an diesem Donnerstagabend Reni Sibold und André Schnellmann auf Sammlerinnen und Sammler, die ihre Fundstücke begutachten lassen wollen.

Sie engagieren sich beide im Pilzverein Region Baden. Als amtliche Kontrolleure sind sie aber von der Stadtpolizei angestellt. «Heute ist nicht viel los», sagt Schnellmann. «Zuerst hatten wir Föhn, jetzt geht die Bise. Der Wind und die Wärme trocknen den Waldboden aus, es schiessen weniger Pilze aus dem Boden.»

Nach kurzer Zeit kommt doch ein Sammler: Robert Stucki aus Würenlos war am Pfannenstiel im Zürcher Oberland unterwegs. Er kennt sich eigentlich gut aus mit Pilzen. «Sonst sammle ich nur, was ich kenne. Diesmal habe ich aber ein paar besondere Exemplare dabei, die ich aus Interesse prüfen lassen möchte», sagt Stucki.

Es duftet nach Waldboden und nach feuchten Tannennadeln, als Sibold und Schnellmann die Pilze anschauen und unter die Nase halten. Sie probieren, riechen, erfassen das Gewicht und tragen alle Sorten auf einem Kontrollblatt ein – mit einem Vermerk, ob der Pilz essbar, ungeniessbar oder giftig ist.

«Vieles läuft bei uns über die fünf Sinne», erklärt Schnellmann. «Aber es braucht auch ein grosses Fachwissen. Wir geben hier nicht nur Tipps für die Küche, wir retten auch Leben.» Er zeigt einen Stachelschirmling, der giftig ist und nach alten Autopneus oder Gummistiefeln riecht.

«Einen Schleierling ohne Kontrolle zu essen, wäre zu gefährlich»: Warum Robert Stucki aus Würenlos ausnahmsweise zur Pilzkontrolle kommt.

«Einen Schleierling ohne Kontrolle zu essen, wäre zu gefährlich»: Warum Robert Stucki aus Würenlos ausnahmsweise zur Pilzkontrolle kommt.

So viele Pilzvergiftungen in der Schweiz wie noch nie

Diese Woche war in der «NZZ» zu lesen, dass es noch nie so viele Pilzvergiftungen gab in der Schweiz wie in den vergangenen beiden Jahren. 580 Vergiftungen waren es allein im Jahr 2018. In den vergangenen 25 Jahren starben in der Schweiz zudem fünf Menschen an Pilzen, meistens weil sie Knollenblätterpilze assen.

Ohne Pilzkontrollstellen wären diese Zahlen wohl noch viel höher. «Vor einiger Zeit kam ein Sammler mit rund 3 Kilo Pilzen und sicher zehn Knollenblätterpilzen», erzählt Sibold. «Wer die isst, kommt spätestens 48 Stunden später auf die Intensivstation und wird für den Rest des Lebens zum Dialysepatienten. Wenn er es überhaupt überlebt.»

Dass es im Aargau noch eine amtliche Pilzkontrolle gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. Im Zuge des Sparpakets des Kantons war sie 2014 vor dem Aus. Früher waren Polizisten als Pilzkontrolleure ausgebildet, heute übernehmen diese Arbeit die ausgebildeten Kontrolleure der Vereine im Stundenlohn.

Sie bekommen zwar finanzielle Hilfe der Gemeinden, aber es steckt auch viel Herzblut und ehrenamtliche Arbeit dahinter. Der Pilzverein Region Baden hat rund 150 Mitglieder. Nachwuchssorgen bei den Kontrolleuren gibt es aber immer.

Es ist eine nicht zu unterschätzende Arbeit: Die Pilzkontrolle Baden deckt derzeit 13 Gemeinden ab. Seit Ende August bis Ende Oktober ist das Pilzhüsli jeden Abend offen. Während viele Kantone eine Mengenbeschränkung (meistens zwei Kilo) kennen, darf man im Aargau so viel sammeln, wie man möchte.

Wie die meisten Kantone hat der Aargau auch keine Schonzeit mehr. «Wenn es feucht ist, haben wir im Herbst manchmal eine lange Schlange vor dem Pilzhüsli», erzählt Schnellmann. «Die Leute sind oft sehr dankbar, um unser geschultes Auge und unseren Rat.»

Wo kommt die Pilzkontrolle nach dem Abbruch unter?

Es gibt neben den Nachwuchssorgen noch eine Ungewissheit: Mit dem geplanten Neubauprojekt für ein Mehrfamilienhaus am Schadenmühleplatz (die AZ berichtete), ist unklar, wo die Pilzkontrolle unterkommt.

Denn das Pilzhüsli – ein altes Funkerhaus – steht auf einem Grundstück der Stadt, das diese an private Bauherren abgeben will. Die Baracke wird wohl in naher Zukunft abgebrochen. «Wir werden schon eine neue Bleibe finden», ist Schnellmann zuversichtlich. «Wir prüfen verschiedene Möglichkeiten. Die Stadt unterstützt uns dabei sehr.»

Als Hobby können beide ihr Amt nur weiterempfehlen: «Die Arbeit im Verein und als Kontrolleurin macht viel Spass», sagt Sibold. Auch wenn es gerade jetzt im Herbst manchmal sehr zeitintensiv sei.

«Die Welt der Pilze ist so vielfältig. Gerade unter dem Mikroskop zeigt sich die wunderbare Schönheit der Natur». Eine gute Gelegenheit, diese Welt kennen zu lernen, gibt es am Sonntag im Untersiggenthaler Wald: Die diesjährige Pilzausstellung bietet eine Vielzahl an Pilzen zum Beschnuppern, Bestaunen und zum Probieren – roh oder als Pilzschnitten.

Mehr Informationen zur Pilzkontrolle der Region Baden.

Meistgesehen

Artboard 1