Es sei ein emotional schmerzhafter Entscheid gewesen, sagt Geschäftsführer Thomas Schmid. Der Verwaltungsrat der Oederlin Giesserei AG hat an seiner letzten Sitzung beschlossen, den Betrieb per Ende Jahr einzustellen. «Seit 1858 wurde auf dem Oederlin-Areal Metall gegossen. Diese Tradition aufzugeben, fiel mir und dem Verwaltungsrat nicht leicht», sagt Schmid. 13 Mitarbeitern wurde gekündigt, einige von ihnen sollen im Zusammenhang mit den Rückbauarbeiten vorübergehend weiterbeschäftigt werden.

Der zuletzt massive Rückgang der Aufträge sowie mangelnde Zukunftsaussichten der Branche sind die Hauptgründe für die Stilllegung des Betriebs im Obersiggenthaler Ortsteil Rieden. «Unsere Kunden, hauptsächlich die schweizerische Maschinenindustrie, bestellte seit Sommer 2014 massiv weniger Guss», erklärt Thomas Schmid.

Die Giesserei fertigte in erster Linie Teile an, die danach zur Herstellung von Produkten wie beispielsweise Obstpressen oder Pumpengehäusen verwendet wurden. «Warum die Nachfrage im zweiten Halbjahr 2014 derart stark sank, ist nicht ganz klar. Ich vermute, es hat mit den politischen Spannungen in Russland und den damit verbundenen Wirtschaftssanktionen der Europäischen Union zu tun. Denn viele Produkte, in denen Oederlin-Teile enthalten waren, hatten zuvor allem auch in Osteuropa guten Absatz gefunden», sagt Schmid.

So sah das Oederlin-Areal im Jahr 1867 aus.

So sah das Oederlin-Areal im Jahr 1867 aus.

Nachdem die Nationalbank diesen Januar den Euro-Mindestkurs aufgehoben hatte, tätigten langjährige Oederlin-Kunden ihre Einkäufe vermehrt im günstigeren Ausland. «Dies führte kontinuierlich zu einem Rückgang des Auftragseingangs. Die Zukunftsaussichten beurteilen wir aufgrund der strukturellen Veränderungen der Branche als sehr verhalten.» Die Mitarbeiterzahl war in den vergangenen Jahren bereits kontinuierlich reduziert worden.

400 Angestellte zu Spitzenzeiten

Die Oederlin Giesserei AG, die Ende Jahr schliesst, wurde unter diesem Namen 1985 gegründet; allerdings war auf dem Areal bereits seit Mitte des vorletzten Jahrhunderts ununterbrochen Stahl gegossen worden. Die Brüder Karl und Friedrich Oederlin gründeten 1858 am Limmatufer eine Fabrik zur Produktion von Metallwaren wie Bügeleisen, Öllampen und Töpfe. Die Wasserkraft ermöglichte eine kosteneffiziente Massenproduktion.

Das Unternehmen entdeckte mit der Herstellung von Wasserhahnen und Armaturen eine Marktnische und wuchs bis zum Ende des 1. Weltkrieges zu einer Grossfirma mit über 400 Angestellten heran. Als die Armaturen-Industrie Ende der 1970er-Jahre in eine schwere Krise schlitterte, trennte sich Oederlin schrittweise von Teilbereichen; ab 1988 blieb einzig die traditionsreiche Giesserei übrig. «Ende dieses Jahres wird das letzte Stück gegossen – wohl ein Tisch, auf dem die Namen der Mitarbeiter eingraviert werden», sagt Schmid.

Platz für vier Botta-Bäder

In den kommenden Jahren wird Thomas Schmid das Areal mit seiner «Oederlin AG» in ein metropolitanes Quartier verwandeln, wobei die historischen Bauten wie etwa die Fabrikhallen für die Giesserei erhalten werden. Die bebaubare Arealfläche beträgt rund 27 000 Quadratmeter. Zum Vergleich: Das Botta-Thermalbad, das auf der gegenüberliegenden Flussseite gebaut wird, hätte darauf vier Mal Platz. In einem ersten Schritt soll bis 2018 das Architekturprojekt «Zackenbarsch» realisiert werden: Direkt an der Limmat werden 110 Wohneinheiten und mehrere Stadtvillen gebaut. Investitionssumme: rund 100 Millionen Franken. Thomas Schmid betont, es bestehe kein Zusammenhang zwischen der Schliessung der Giesserei und des Projekts «Zackenbarsch».