Am letzten Dienstag haben die Birmenstorfer Winzer und ihre Helfer die ersten weissen Trauben gelesen. «So früh wie dieses Jahr waren wir noch nie mit der Ernte», sagt Alice Wiederkehr. «Der heisse Sommer hat die Trauben schneller reifen lassen.» Die 33-Jährige ist die neue Kellermeisterin der Weinbaugenossenschaft Birmenstorf. Der erste Erntetag war sozusagen ihre Feuertaufe. Im Weinkeller unter der Trotte, im Dorf unten, hat sie vor zwei Wochen neue Weinleitungen legen lassen. Jetzt ist sie in der Trotte für das Pressen, später für das Umfüllen und das Gären des Weins zuständig.

Sie fühlt sich sichtlich wohl an ihrem neuen Arbeitsplatz. Die «Wümmet» im Rebberg ist indes nichts Neues für sie. Alice Wiederkehr ist auf einem Bauernhof im Birmenstorfer Oberhard aufgewachsen, zusammen mit drei Schwestern. Ihre Eltern haben früher zur Hälfte Landwirtschaft, zur Hälfte Weinbau betrieben. «Wir haben schon als Kinder immer bei der Weinlese mitgeholfen und unsere Kistchen gegen ein Sackgeld an die Genossenschaft verkauft», sagt sie und lacht. Das habe ihr immer viel Freude gemacht.

Winzerin, Malerin, Kellermeisterin

Als sich Alice Wiederkehr nach der Schulzeit in Birmenstorf für eine Lehre entscheiden musste, wollte sie entweder Winzerin lernen, oder Malerin. Sie entschied sich für den Weinbau. Das erste Lehrjahr machte sie in Würenlos, das zweite in Zeiningen, das dritte in Stäfa am Zürichsee. «Es waren drei ganz verschiedene Jahre», sagt Wiederkehr. «Aber alle waren spannend.»

Nach dem Lehrabschluss konnte sie in Birmenstorf die ersten sieben Aren im Rebberg pachten. Einen Job als Winzerin in der Region zu finden, war dagegen nicht einfach. «Ich hätte ins Welschland oder ins Ausland gehen müssen.» So entschied sie sich, doch noch eine Lehre als Malerin anzuhängen, bei Maler Wind in Baden. Den Weinbau führte sie als Hobby weiter.

Als sie 2007 mit der Lehre fertig war, blieb sie im Betrieb und konnte gleichzeitig ihren Rebberg auf 20 Aren erweitern. Die 2000 Quadratmeter grosse Fläche bewirtschaftete sie mit Unterstützung der Eltern. «Wir setzen zusammen Reben, mein Vater hilft mir beim Spritzen. Die Zusammenarbeit ist toll», erzählt sie und zeigt ihre eigenen Weinstöcke, am Sonnenhang über Birmenstorf, an denen jetzt schwere, dunkelblaue Trauben hängen. Nach dem Lehrabschluss ist Alice Wiederkehr viel gereist: Sie war mehrmals in Kanada, 2011 war sie fünf Monate in einem Praktikum auf einem Weingut in Neuseeland. Danach war sie in einer Kellerei im Staat New York, wo sie auch für den Wein zuständig war. «Das war eine super Erfahrung», sagt Wiederkehr. Nicht nur, weil sie die englischen Fachausdrücke im Weinbau lernte, sondern auch viel über die Weintechnologie.

Mittlerweile hat Alice Wiederkehr zu Hause in Birmenstorf 35 Aren Reben, auf denen etwa zweieinhalb Tonnen Trauben wachsen. Als sie von der Genossenschaft letztes Jahr gefragt wurde, ob sie Kellermeisterin werden möchte, hat sie nach kurzem Überlegen zugesagt. Ihr Pensum bei der Lack- und Farbenfirma Monopol Colors in Fislisbach wird sie im Oktober auf 50 Prozent reduzieren.

Was ist es denn, das ihr so viel Freude macht beim Weinbau? «Am schönsten ist die Ernte jetzt im Herbst. Man pflegt das ganze Jahr die Reben und schaut, dass es ihnen gut geht. Dann ist die Weinlese ein schöner Lohn.» Und es sei einfach schön, in der Natur zu arbeiten und die Jahreszeiten hautnah mitzubekommen. Körperlich sei die Arbeit im Rebberg nicht zu unterschätzen: «Der Rebberg braucht Kraft.»

Nur ein Glas Wein

Eine gute Ernte ist keine Selbstverständlichkeit. «Letztes Jahr sah es schlimm aus nach dem Frost im Frühjahr», sagt Wiederkehr. «Aber wir hatten Glück, es gab doch einen guten Ertrag.» Die junge Kellermeisterin weiss, was sie will: «Wir wollen bei unseren Weinen Qualität, nicht Quantität.» Die 57 Winzer der Weinbaugenossenschaft Birmenstorf produzieren etwa 60'000 Liter Wein im Jahr: Riesling-Silvaner, Sauvignon Blanc, Pinot Noir, ein wenig Dornfelder und ein wenig Cabernet Jura. Wiederkehrs Favorit ist der Classique Pinot Noir. Mehr als ein Glas trinkt sie aber selten: «Ich bin nicht die grosse Weintrinkerin. Bis zur Ausbildung mochte ich keinen Wein. Aber heute mag ich auch einmal einen kräftigen Roten.»

Was Alice Wiederkehr weniger gern macht im Rebberg: das Ausbrechen der überzähligen Schosse im Frühjahr. «Aber nach dem Ausbrechen im Frühling ist es schön zu sehen, wie wieder alles wächst.» Ihr Vorgänger Marcel Biland, der ihr jetzt in der Anfangszeit als Kellermeisterin noch zur Seite steht, hat den Keller über 40 Jahre geführt. «Ob ich es auch so lange mache, weiss ich nicht», sagt Wiederkehr. «Aber wenn alles gut läuft, warum nicht?» Jetzt ist sie erst einmal eingespannt beim Keltern. Es gibt viel zu tun – 2018 dürfte nach diesem Sommer ein sehr guter Jahrgang werden.