Kolumne

Die Leiden der Klugen

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Daniel Cortellini über das Lösen eines Zugbilletts – und wieso das aggressiv macht.

Der Kluge fährt im Zuge», wird gern zusammengereimt, weshalb ich in der Hoffnung einer möglichen IQ-Steigerung bewusst möglichst viel Zug fahre! Claro, nicht die Zugfahrt an sich steigert den IQ, der Ticketshop! Hier liegt das grosse Potenzial: für mehr digitalisierte Lebenserfahrung!

7.30 Uhr – ich sitze noch am Zmorge und sollte nach Mailand. Punkt 8 Uhr muss ich die Wohnung verlassen, damit ich pünktlich auf den Zug komme. Zeit fürs Billettlösen somit 30 Minuten, also voll easy ... Sofort auf SBB.ch, Baden–Milano, erste Klasse eingegeben.
Wähle Zug und Sitzplatz – abschicken, erledigt ... oder fast!

7.32 Uhr – Rückmeldung: Auslandtickets können nicht über das Fahrplanportal gelöst werden ... Hoppla! Aber kein Problem, hab ja noch 28 Minuten. Sofort auf SBB.ch Auslandreisen klicken, wieder wähle ich Zug, Abteil, Fensterplatz und die optische Beschaffenheit meiner möglichen Zugsnachbarin ... senden!

7.38 Uhr – Aufforderung, das Ticket am einfachsten über das Swisspass-Login zu lösen ... Hab ja die Daten, also sofort in Swisspass loggen. Passwort ungültig. Mooooment, ich kenn doch noch mein eigenes Passwort ... Versuch 2 scheitert auch, aber automatisch verbinden tut er. Also greife ich in die Trickkiste der grossen Programmierer und suche im Computer-Schlüsselbund nach dem Passwort. SBB oder Swisspass leider nicht existent ...

7.45 Uhr – ich werd bitz nervös ... Kann ja auch ohne Swisspass lösen, wieder auf SBB.ch, Auslandreisen, Baden–Milano, Fensterplatz mit Blondine schräg vis-à-vis – bitte über 40, bin nicht mehr der Jüngste! – senden, mit Mastercard bezahlen, Nummer eingeben, abdieposcht!

7.48 Uhr – Die Mastercard hat eine neue App – bitte diese zuerst aktualisieren, Zahlungen sind sonst nicht mehr möglich! Herrjesses!!! Die App etwas hektisch runtergeladen, den Kaffee umgeworfen! (meine Brunette wird schimpfen, weil schön aufputzen liegt jetzt nicht mehr drin!) There we go! Passwort eingeben.... Scheiii... geht nicht!! Sofort die Vertrauensfrage auslösen: Lieblingsrebsorte, das ist klar – aber der Programmierer von Master will den Pinot Noir einfach nicht akzeptieren.

7.55 Uhr – ich habs geschafft! Meine Batzeli wurden irgendwie zu den SBB gebeamt! Habs bei der Secure-App erfolgreich bestätigt. Billett am Schalter abholen – chasch vergässe! Aber selber ausdrucken, das geht!

8.00 Uhr – Wackelkontakt in der Druckerschublade, Papierstau! Das war genau der Moment, wo ich schreiend, tobend, wütend und sirachend durch die Wohnung rannte und meine Brunette dabei aufweckte, welche die Welt nicht mehr verstand ... Kanns Dir später erklären, rufe ich fluchend und rennend zurück, auf dem Weg zur Busstation, unter dem Arm mein Zug-Ticket und die halbe Druckerschublade – soll doch der Kondukteur das Billett selber herausnifelen oder darauf verzichten!

Was mir im Bus siedend heiss eingefallen ist: herrjesses nomol, ich hab kein Busbillett. Dem Kontrolleur hätt ich die Schublade um die Ohren gehauen!

Und die Moral von der Geschichte: Zugfahren macht vielleicht klug – aber auch ganz schön aggressiv!

*Daniel Cortellini betreibt an der Rathausgasse in Baden ein Fachgeschäft für Schweizer Weine. Er ist in Baden aufgewachsen und war während fünf Jahren Präsident der Unteren Altstadt Baden.

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