Tauben sitzen zwischen den alten Fensterläden und gurren. Der Putz bröckelt, es riecht nach Schwefel und nach Erde am Badener Kurplatz. Im Limmatknie heben Bagger die Baugrube für das neue Thermalbad aus. Unmittelbar daneben, nur von ein paar Eisengittern getrennt, ist ein ebenso grosses Bauvorhaben in vollem Gang: Im Verenahof-Geviert, das aus den drei historischen Badhotels Bären, Ochsen und Verenahof besteht, werden ab 2021 Kurpatienten in der neuen Klinik für Prävention und Rehabilitation ein und aus gehen.

Derzeit sind die drei Hotels, die im Inneren alle miteinander verbunden sind, nicht mehr wiederzuerkennen.

«Wir sind am Auspacken», sagt Architekt Christian Lang (55). Er ist mit seinem Basler Büro Villa Nova Architekten seit Dezember 2017 für den Umbau des Verenahof-Gevierts zuständig, während der Tessiner Mario Botta das neue Thermalbad sowie das Ärzte- und Wohnhaus am Kurplatz plant.

In diesen Wochen würden in den historischen Hotels die Weichen für die Zukunft gestellt, sagt Christian Lang. Er zeigt ein kleines Scharreisen neben dem Hauptportal des «Verenahofs», das er unbedingt erhalten möchte. An dem Eisen haben sich früher die Kurgäste nach der Reise oder nach einem Spaziergang durch die Badener Wälder den Dreck von den Stiefeln gekratzt.

«Es sind diese kleinen Dinge, die am Schluss die Stimmung in einem historischen Gebäude ausmachen.» Ein Bauteil sei in seinen Augen viel authentischer, wenn es immer an seinem angestammten Ort bleibt und nicht herausgenommen und dann wieder eingesetzt wird, erklärt Lang.

«Es ist eine grosse Freude, das berühmte Bäderquartier zu neuem Leben zu erwecken»

«Es ist eine grosse Freude, das berühmte Bäderquartier zu neuem Leben zu erwecken»

Drei Fragen an Christian Lang, der mit seinem Basler Büro Villa Nova Architekten seit Dezember 2017 für den Umbau des Verenahof-Gevierts zuständig ist.

Rund um den «Verenahof» graben die Bagger immer mehr Erdreich ab, das altehrwürdige Hotel steht wie auf einem Podest über der Baugrube, wo früher der Staadhof stand. «Wir sind langsam eine historische Insel im Ozean», sagt Lang und lacht. Und etwas ernster fügt er hinzu: «Der Baugrund ist schwierig, nicht nur wegen der Quellen und der sensiblen Gesteinsschichten.»

Im Inneren des «Verenahofs» ist es in diesen warmen Februartagen kälter als draussen. Im Eingang liegt eine dicke Staubschicht auf den Marmorfliesen. Unter dem Staub erahnt man, wie wertvoll und wie geschichtsträchtig dieses Haus ist.

Das Entrée soll nach dem Umbau wieder möglichst authentisch aussehen – so wie nach dem Umbau anno 1873. Ein behindertengerechter Eingang zur neuen Klinik wird ebenerdig zur Bäderstrasse hin entstehen, sodass das Eingangsportal am Kurplatz in seiner historischen Gesamtheit erhalten bleibt.

Das Gebäude muss atmen

«Wir befreien das Gebäude Tag für Tag von Ballast», sagt Lang. «Und das Gebäude kann von Tag zu Tag besser atmen.» Das muss es buchstäblich: Während die Hotels jahrelang leer standen, drangen Regenwasser und Pilze in die Gemäuer ein. Der gefrässige Hausschwamm – ein schnell wachsender, aggressiver Pilz – wurde mittlerweile schon komplett entfernt, ihm fielen einige Holzwände und Tapeten zum Opfer. Jetzt müssen die Mauern durchlüften und austrocknen.

Aus der Vogelperspektive: ein Flug über die Badener Bäderquartier-Baustelle

Aus der Vogelperspektive: ein Flug über die Badener Bäderquartier-Baustelle

(September 2018)

Es gibt derzeit keine Heizung und keinen festen Stromanschluss im Haus. Die Fenster in den oberen Stockwerken stehen weit offen, um frische Luft hineinzulassen. Im Erdgeschoss ist es dunkel und kühl. In einer Ecke stecken alte Holztüren. «Die wertvollsten Stücke sind alle in einem Depot sicher eingelagert. Wir sind dabei, alles zu inventarisieren», erklärt Lang. «Das war teilweise eine Detektivarbeit. Wir mussten Bauteile vergleichen und können so die Baugeschichte Stück für Stück erforschen.»

Das Verenahof-Geviert besteht eigentlich aus einer Vielzahl alter Häuser, mit Gängen und Höfen dazwischen. «Wie ein kleinräumiges Altstadtquartier», sagt Lang, als er die Besucher durch die alte Hotelküche und einen verwunschenen Innenhof führt.

Licht in die Hotelpaläste

Die Lichthöfe sind typische Merkmale der Schweizer Hotelpaläste aus dem 19. Jahrhundert. Sie gibt es beispielsweise im «Trois Couronnes» in Vevey, im Hotel des Bergues in Genf oder im Grand Hotel Les Trois Rois in Basel, das von 2004 bis 2006 ebenfalls von Villa Nova Architekten restauriert und erweitert wurde.

Aber auch das benachbarte Atrium-Hotel Blume am Badener Kurplatz hat einen prächtigen Innenhof. Der «Verenahof» hat gleich zwei Lichthöfe, die bemerkenswerterweise nicht aus derselben Zeit stammen. Ein glasüberdachter Säulenhof entstand beim Neubau 1844/45, der zweite bei der Erweiterung 1873.

Mit dem Umbau kommt nun ein dritter, offener Lichthof hinzu. Auch für die geplante Klinik ist die Lichthof-Architektur ideal, weil sie Tageslicht bis in die unteren Stockwerke bringt. Neben den Lichthöfen, den drei prächtigen Sälen, den Treppenhäusern und den Fassaden soll auch das Hesse-Zimmer im «Verenahof» erhalten werden, in dem der Dichter während seiner zahlreichen Badener Kuren wohnte.

Derzeit wird geprüft, ob mit dem Umbau das gesamte Gebäudeensemble integral unter Denkmalschutz kommen soll. Bisher stehen zwar die Fassaden, die Lichthöfe, der Elefantensaal und weitere kleinere Bereiche sowie einige Quellen der Badehotels unter Schutz – nicht aber das ganze Geviert.

Ein Höhepunkt der jüngsten Arbeiten ist der gerade wiederentdeckte Ochsensaal. «Ich bin immer wieder aufgeregt, wenn ich ihn betrete», sagt Christian Lang begeistert. Der Festsaal im zweiten Stock wurde in den 1920er-Jahren durch den Einbau von fünf Hotelzimmern kleinräumig unterteilt. Man ging nicht gerade zimperlich vor dabei: Durch die Stuckdecke etwa wurden gnadenlos Ablaufrohre getrieben, Zwischenwände aus Holz und Gips wurden hochgezogen.

Der Saal ist auf den ersten Blick in einem desolaten Zustand: Die prächtigen Stuckaturen an der Decke bröckeln, die sogenannten Bekrönungen und die Pilaster rund um die Fenster sind abgeschlagen. Man sieht noch ihre Formen als schablonenhafte Abdrücke an den Wänden. Erstmals seit knapp 100 Jahren ist der Ochsensaal jetzt wieder sichtbar. Hier wird nach dem Umbau ein grosszügiges Patientenzimmer – mit historischer Ambiance, aber auch mit allem modernen Komfort – entstehen.

Kein nostalgischer Kitsch

Überhaupt soll die Klinik nicht «historisierend» oder sogar kitschig-nostalgisch werden. Es wird moderne Badezimmer geben, die Rücksicht auf das Historische nehmen werden. Die Technik im Hintergrund wird ebenfalls hochmodern sein. Die verfallenen Fensterläden werden renoviert, dahinter wird es moderne Markisen als Sichtschutz geben. «Das Jahr 2021 wird in dem Gebäude nach dem Umbau auch eine sichtbare Rolle spielen», sagt Lang und lächelt: «Aber eine feine Rolle.»

Bau-Projektleiter Christian Dill (44), der Mitglied der Geschäftsleitung von Villa Nova Architekten ist, ergänzt: «Wir müssen von Raum zu Raum schauen, was statisch machbar ist.» Zwar wurde das gesamte Gebäude bis auf den Zentimeter vermessen. «Aber es braucht hier gute Leute vor Ort. Es gibt immer wieder Unerwartetes, und man muss oft kurzfristig entscheiden.»

Im zweiten Stock des alten «Bären» zeigt Dill einen massiven, 24 Meter langen Balken aus Tannenholz. Der Balken wird auch weiterhin fester Bestandteil der Tragkonstruktion sein, ebenso wie der hölzerne Dachstuhl. Die Holzbalken sind eine solide Basis für eine gute Raumakustik und Atmosphäre in der neuen Klinik.

«Ein europäisches Wunder»

Der «Bären» war in früheren Projekten bis auf die Neo-Renaissance-Fassade komplett zum Abbruch freigegeben. Kaum vorstellbar, was das für ein Verlust gewesen wäre für die Badener Bäder: «Wir haben hier eigentlich perfekte Bausubstanz», sagt Dill. Die Balkone in der Fassade des «Bären» waren einst mit pompeji-roten Wandmalereien verziert. Die prächtigen gusseisernen Geländer konnte man im 19. Jahrhundert ab Katalog bestellen.

Abbau und Umbau gehen jetzt Hand in Hand – in einem ständigen, ausgezeichneten Dialog mit der kantonalen Denkmalpflege, wie Lang betont. «Wir kämpfen mit Leidenschaft für dieses Gebäude, wir wollen seine Seele hierbehalten», sagt er. «Wir stehen auf einem schier unglaublichen historischen Untergrund. Hier haben Römer und Habsburger gebadet. Die Badener Quellen sind einzigartig, ja eigentlich ein Wunder – man könnte sagen ein europäisches Wunder.»

Auch der Elefantensaal, der jetzt restauriert wird, sei ein wichtiger Zeitzeuge für die Schweizer Hotellerie. «Meine Eltern haben hier noch gefrühstückt, als sie in Baden zu Gast waren. Der Elefantensaal war immer etwas Besonderes.» Und Christian Lang sagt: «Hier, wo man über Jahrhunderte in Baden gebadet hat, soll man wieder baden können. Oder nach Demokrit: Jedes Bad ist eine leibliche Wiedergeburt.»