Was für Andere ein Ort der Besinnung und Geborgenheit darstellt, nennt Mario Stöckli seinen Arbeitsplatz. Der 28-jährige Theologe macht zurzeit eine Ausbildung zum Pastoralassistenten in der Pfarrei St. Sebastian in Wettingen. Zu seinen Aufgaben zählen die Vorbereitung und Durchführung von Gottesdiensten, die Leitung von Firmkursen, das Unterrichten von Religion in Schulen und die Seelsorge. Was ihn von einem Pfarrer unterscheidet, ist die Priesterweihe: Diese ermächtigt den Pfarrer, Dinge wie Taufen und Eheschliessungen vorzunehmen.

Mario Stöckli ist einer von wenigen jungen Schweizern, die sich für eine Karriere bei der katholischen Kirche entschieden. Denn diese Branche hat seit längerem schon mit Nachwuchs zu kämpfen. «Das Theologiestudium fasste in meinem Studiengang 15 Studenten, davon waren zirka ein Drittel über 30», erinnert sich Stöckli.

Dies möchte Thomas Leist ändern. Er ist Leiter des Werbeprojekts «Chance Kirchenberufe» das vor fast vier Jahren von Schweizer Bischöfen ins Leben gerufen wurde. Rund 300 000 Franken fliessen jährlich aus Kirchen-, Stiftungs- und Spendengelder in die Werbeaktion. Mit dem Geld versucht die Kirche, über verschiedene Kanäle Jugendliche und Quereinsteiger zu mobilisieren: «Wir sind an Messen wie der Muba Basel vertreten, führen eine Homepage, besuchen Schulen und betreiben seit Neustem eine professionelle Facebook-Seite», sagt Leist. «Ausserdem porträtierten wir junge Kirchenarbeiter in Ausbildung und hängten die Plakate im öffentlichen Verkehr auf.»

«Unwissende» Bevölkerung

Auch Mario Stöckli zierte eines dieser Werbe-Plakate. Der Luzerner gelangte auf Umwegen zu seinem Beruf, wollte er doch ursprünglich Psychologie studieren: «Da es das Studium an der Universität in Luzern aber nicht gibt und ich noch nicht bereit war, auszuziehen, entschied ich mich für ein Theologiestudium in Luzern mit Nebenfach Geschichte.»

Nach einem einjährigen Auslandaufenthalt in Ecuador nach Abschluss des Studiums begann der Hobbyfussballer dann mit seiner Ausbildung zum Pastoralassistenten. Heute lebt er mit seiner Freundin in Wettingen. Seine Tätigkeit in der Kirche löste in seinem Umfeld verschiedene Reaktionen aus. «Die meisten stutzten zuerst, aber als ich ihnen Genaueres über meinen Beruf erzählte, änderten sie ihre Meinung», sagt Mario Stöckli. Inzwischen sei es gar kein Thema mehr und werde akzeptiert. «Der Beruf des Pfarrers kam für mich aber nie infrage, da ich später eine Familie gründen möchte.»

Dass Mario Stöckli nach dem Theologie-Studium kein Pfarrer ist, mag viele überraschen. Thomas Leist macht diese «Unwissenheit» der Bevölkerung mitverantwortlich für das Nachwuchsproblem. «Die Schweizer sind sich über die Vielfalt an kirchlichen Berufen nicht bewusst», sagt er. Denn zu einer Kirchgemeinde gehören neben dem Priester auch Sozialarbeiter, Altersseelsorger, Religionslehrer und mehr. Aber Leist, der neben dem Projekt die «Fachstelle Information Kirchenberufe» leitet, berate immer wieder Menschen, die meinen, Priester werden zu müssen, um in der Kirche arbeiten zu können.

Mario Stöckli wuchs in einer gläubigen Familie auf und besuchte regelmässig die Kirche. Er selber bezeichnet sich nicht als besonders stark gläubig und ist deshalb der Meinung, dass auch Jugendliche, die nicht stark religiös sind, für Berufe in der Kirche geeignet sind. «Wichtig ist, dass man gerne mit Menschen zusammen ist und ihnen zuhört», sagt er. Ulrike Zimmermann, Gemeindeleiterin der beiden Wettinger Pfarreien St. Anton und St. Sebastian, bestätigt dies: «Die persönliche Seelsorge spielt eine wichtige Rolle in den kirchlichen Berufen», sagt sie. «Wir sind Ansprechpersonen für Menschen in Not und Trauer und probieren, sie in dieser schwierigen Phase zu begleiten. Da passiert es schnell, dass die Grenzen zwischen psychologischem Dienst und Seelsorge verfliessen.» Die Kirche arbeite deshalb eng mit den Diensten zusammen.

Das «Projekt Chance Kirchenberufe» trägt bereits Früchte: Die Studienzahlen seien stabil geworden, sprich, sie haben nicht mehr abgenommen, sagt Thomas Leist. «Vor allem dort, wo öffentlich geworben wurde, konnten wir einen Anstieg der Beratungen registrieren.» Seit einer Woche findet man deshalb wieder Plakate in öffentlichen Verkehrsmitteln. Dass die Kirche neuerdings gross Werbung macht, scheint niemanden zu stören, wie Leist sagt: «Bis auf wenige kritische Stimmen erhielten wir ausschliesslich positive Rückmeldungen.»