«Ja, Unglaubliches ist geschehen durch und an Peter Welti», schreibt ein unbekannter Augenzeuge, der am 4. September 1834 die Szenen mitverfolgte, die sich beim Landvogteischloss abspielten. Peter Welti, ehemaliger Pfarrer von Wohlenschwil, wurde an jenem Donnerstag vor 180 Jahren hingerichtet.

Im Winter zuvor hatte eine Serie von Postkutschenüberfällen und Brandstiftungen in Wohlenschwil für Aufruhr gesorgt. Gleich zweimal wurde die Postkutsche Aarau–Zürich ausgeraubt, erbeutet wurden erst 1100 Franken und wenige Wochen später 300 Franken. Am 10. Januar brannten in der Nähe des Pfarrhauses zwei Häuser nieder, ein zehnjähriger Knabe verlor sein Leben. Vier Wochen später ging erneut ein Haus in Flammen auf, diesmal im benachbarten Mägenwil, eine 35-jährige Frau kam ums Leben. Bald zweifelte niemand mehr an Brandstiftung – und der Verdacht richtete sich immer mehr gegen den 35-jährigen Pfarrer von Wohlenschwil: Peter Welti.

Plötzlich verfügte er über Geld

Nach der Befragung von über 120 Zeugen sowie der Sichtung von Indizienbeweisen wurde Peter Welti am
1. März ins Gefängnis nach Baden gebracht, wo er durch das Bezirksgericht verhört wurde. Die Indizien gegen Welti seien erdrückend gewesen, schreibt Urs Holderegger in seinem Aufsatz «Pfarrer, Räuber und Brandstifter: Der Fall Peter Welti in Wohlenschwil als historisches Ereignis». Welti war hoch verschuldet, als er seine erste Stelle als Kaplan antrat, denn sein Vater hatte sein ganzes Vermögen verloren. Doch nachdem die Postkutschen überfallen worden waren, verfügte Welti plötzlich wieder über Geld, um seine Schulden zu bezahlen. Die Zahlungen erfolgten gar mit denselben Geldsorten, wie sie in den beraubten Kutschen vorhanden waren. Die Brandstiftungen, so wurde damals vermutet, habe er zwecks Versicherungsbetrug begangen.

Welti versuchte mehrmals zu fliehen, leugnete seine Taten hartnäckig und brachte seine Verhörrichter manchmal fast zur Verzweiflung. Er hatte sich zwar jeweils in der Nähe der in Brand geratenen Häuser aufgehalten – doch Feuer legen sah ihn nie jemand. Er gestand lediglich, seine Köchin geschwängert zu haben, die 22-jährige Anna Maria Fischer; das Kind verstarb kurz nach der Geburt im Elsass, wohin Welti sie geschickt hatte.

Den Widerstandsgeist Weltis zermürbte erst die verschärfte Haft unter Wasser und Brot im alten Gefängnisturm von Baden. Er bat um ein Verhör, und erklärte: «Ich bin der Verbrechen, deren ich angeklagt wurde, leider aller schuldig, und bereue sie aus Herzensgrund, und bitte den Richter, es dem mächtigen Gefühl der Selbsterhaltung zuzurechnen, dass ich bisher geleugnet habe; auch bitte ich ihn, mir dieses Leugnen verzeihen zu wollen.»

Schulden und Wehmut

Als Welti gefragt wurde, weshalb er die Postkutsche überfallen hatte, antwortet er: «Grosser Geldmangel, vielseitige Schulden, die von Familienverhältnissen herrührten und die mich oft in Wehmut versetzten.» Früher habe er schon, als er noch in Solothurn studierte, heftige Anfälle von Schwermut und Tiefsinn gehabt, die sich von Zeit zu Zeit wieder erneuerten. «Wirklich müssen diese Handlungen, die ich leider begangen, in solchartigen Augenblicken geschehen sein, wobei freilich nicht zu leugnen ist, dass sie aus einem bösen Herzen kamen.»

Am 5. August verkündete das Bezirksgericht Baden das Urteil gegen den ehemaligen Pfarrer: das Todesurteil wegen fortgesetzter Brandstiftung mit Todesfolge. Gemäss eines Aufsatzes im Buch «Ennetbaden – Geschichten und Geschichte» wäre ihm als letzte Möglichkeit ein Gnadengesuch an den Grossen Rat offengeblieben, um die Todesstrafe in lebenslange Kettenstrafe umzuwandeln. Doch Welti verzichtete.

Der eingangs erwähnte Augenzeuge berichtet: «Die Kunde von dem über Welti verhängten Todesurteil verbreitete sich mit Blitzesschnelle in die schweizerischen Gaue und angrenzenden Ortschaften des Auslandes. Auf der Richtstätte und deren nächster Umgebung bot sich dem Auge der imposante Anblick von mehr als 10 000 dicht ineinander gedrängten Menschenköpfen dar, welche wie eine Saat die amphitheatralisch aufsteigende Anhöhe bedeckte, ungerechnet die vielen Hundert und Hundert Personen, welche sich jenseits der Limmat in einzelnen Lagen der Stadt, beim Kirchhofe, der Promenade und der in die Bäder führenden Strasse gruppiert hatten.» Der Gerichtspräsident verlas das Urteil mit lauter, vernehmlicher Stimme. Peter Welti benahm sich dabei gemäss dem Augenzeugen ganz ruhig, ohne eine Miene zu verändern, und er verriet durch sein Äusseres weder Bangigkeit noch Übermut oder Trotz, sondern vielmehr eine vollkommene Hingebung in sein Schicksal.

Kniend ein kurzes Gebet

Mutvoll habe Welti die Richtstätte betreten, die sich in der Nähe des ehemaligen Landvogteischlosses befand. Er verrichtete noch kniend ein kurzes Gebet und liess nach seinem Aufstehen den Landjäger Schatzmann zu sich rufen, um diesem für das menschenfreundliche Benehmen zu danken, während er Wache gehalten hatte. Welti übergab ihm folgende Zeilen: «Willst du gut und selig sterben / sollst du fromm und christlich leben / es verschwindet der Erde blendender Schimmer / nur treue Liebe besteht, die Liebe stirbt nimmer.» Dann setzte er sich mit einer bewundernswerten Ruhe und Seelenstärke auf den Richtstuhl, «und empfing den meisterhaft geführten Schwertstreich, welchen ihm der 68-jährige Scharfrichter Mengis von Rheinfelden mit sicherer Hand und ohne alle Affektion gab. Schauder und Mitleid bemeisterte sich aller Gemüter.»

Warum sorgte der Kriminalfall Welti für so grosses Interesse, dass Tausende Menschen die Hinrichtung mitverfolgten? Holderegger erwähnt Weltis Funktion als Priester. «Nicht die Brandstiftung war das herausragende Ereignis, sondern die Tatsache, dass ausgerechnet ein katholischer Pfarrer der Täter war. Indem Welti diese Taten beging, verletzte er die charakteristischen Strukturen, die seinen Stand ausmachten.» Welti sei ein geselliger Mensch gewesen, der aber, wie sein Studium beweist, durchaus hart arbeiten konnte. «Seine Tragik war, dass er schon als Kind in eine Karriere gedrängt wurde, der er zwar intellektuell durchaus gewachsen war, die ihm als Mensch aber nur bedingt zusagte», schreibt Holderegger. Die Erkenntnis, dass das lange und entbehrungsreiche Studium keinen Ausweg aus der ökonomischen Krise bringen konnte, habe bei Welti in eine tiefe Sinnkrise geführt, die zuletzt in einem psychopathologischen Verhalten mündete.