«Es gibt viel zu wenig Plattformen für Streetart in der Schweiz», sagt Gabriela Domeisen und fügt hinzu: «Was in London und Berlin als Kunstrichtung anerkannt ist, wird hierzulande geradezu stiefmütterlich behandelt.»

Mit ihrer markanten, wasserstoffblonden Frisur erinnert die quirlige Zürcherin etwas an einen weiblichen Andy Warhol. Seit 2011 mietet die Galeristin sich für eine begrenzte Zeit in freistehende Räumlichkeiten ein und stellt unter dem Label «Streetart.Limited» vielversprechende Newcomer und arrivierte Persönlichkeiten im Bereich Strassenkunst aus. Den bisher leerstehenden Raum an der Mellingerstrasse 2B bespielt sie ab jetzt ein Jahr lang und ist über ihr neues 250 Quadratmeter grosses Pied-à-terre sichtlich glücklich. «Die kahlen Betonwände sind ideal um die Werke in ihrer Vielfalt, Wildheit und Flüchtigkeit zur Geltung zu bringen», meint sie.

Eyecatcher ist eine riesige 3-D-Graffiti-Installation von Nadib Bandi aus Genf, die wie ein chaotisches Feld von Trümmern wirkt und sich an der Wand in explosiven Farborgien fortsetzt.

Aus der hiesigen Region sind «Keep Watching Project» und «Iceroc» mit kleineren Exponaten vertreten. Baden habe eine ganze Reihe guter Streetart-Künstler, die im Verlaufe des Ausstellungsjahres noch zum Zuge kommen würden, erklärt Domeisen. Seit 2006 hält sie europaweit die vor allem an öffentlichen Bauten oft vergänglichen Werke mit ihrer Kamera fest und stellt sie ins Internet. Ihr Fotoarchiv ist eines der Umfangreichsten weit und breit.

Zum Auftakt von «Streetart.Limited» in Baden präsentiert sie vor allem Kreative, die sie für die Ausgabe 2016 ihres jährlich erscheinenden Kalenders ausgewählt hat. Internationale Grössen wie der in London lebende Chilene Otto Schade sind darunter. Sein Bild von einem kleinen Mädchen im Mondschein mit einem Blumenstrauss, dessen Blüten aus Radioaktiv-Zeichen bestehen, bleibt nachhaltig in Erinnerung. Christoph Hüppi verleiht dem HIV-Virus mit elektronenmikroskopischer Vergrösserung und Neonfarben eine geradezu bizarre Schönheit.

Oben auf der eingebauten Toilette steht ein rosaroter Pilz aus Baustoffschaum, den Christiaan Nagel aus London im Verlaufe der Ausstellung in eine Skulptur integrieren wird. «Wir sind ständig im Wandel und es gibt im Verlaufe des Jahres noch viele überraschende Aktionen», verspricht Domeisen. Speziell zur Vernissage backte der Kolumbianer Santiago einen im Graffiti-Style bemalten Kuchen in Form eines Frauenkopfs. Für seine ungewöhnlichen Naschereien gewann er am Swiss Cake Festival 2015 den 1. Preis. Allen Kunstschaffenden, die sich in unterschiedlichsten Techniken ausdrücken, ist eines gemein: Sie haben irgendwann mal auf der Strasse mit ihren Aktivitäten angefangen. «Streetart wurde am Anfang als reiner Vandalismus bezeichnet. Heute hat sie gerade bei der jungen Generation eine riesige Fanbase und ist ein Stück Kulturgeschichte geworden», freut sich Domeisen.