Der Auslöser für den Start des Kinder-Artikel-Herstellers Bébé-Jou war eine Notstandsituation verbunden mit einem Zufall. 1948 in der Stadt Zürich: Frieda Kirschbaum, 32 Jahre alt und Mutter von zwei kleinen Töchtern, weiss nicht mehr wie weiter. Ihr Mann ist seit Monaten ohne Stelle, Arbeitslosengelder gibt es noch nicht. Die Sekretärin mit Handelsschulabschluss findet auch keine Arbeit. Da entdeckt sie in der Zeitung ein Inserat: Gesucht werden Heimarbeiterinnen zum Nähen von Kinderschürzen. Sie bewirbt sich aber nicht, sondern legt selber los.

Sie kauft Stoff und näht zu Hause die ersten Schlafsäcklein und Baby-Nachthemden. Von einem Nachbarn, der mit Plastik-Geschirr handelt, bestellt sie ebenfalls Ware. Sie lässt diese wiederum von einem Kunstmaler mit Kinder-Sujets verzieren. Fertig ist die eigene Kinder-Kollektion, jetzt geht es in den Verkauf. Sie schreibt junge Mütter in Zürich an und verteilt den Prospekt mit ihren Baby-Produkten. Dank des bevorstehenden Weihnachtsfests kommen die ersten Bestellungen.

500 Franken Startkapital

«Da glaubte ich an meinen Erfolg», erinnert sie sich heute zurück. «Meine Mutter lieh mir 500 Franken, damit ich weitermachen konnte.» Anfang 1949 besucht sie mit ihrer Kollektion Kinder- und Haushaltsgeschäfte. Mit Erfolg: Die Bestellungen mehren sich. Ihre Produkte verkaufen sich so gut, dass sie Absolventinnen der Kunstgewerbeschule anstellt, die in ihrer Wohnstube Artikel von Hand bemalen, während sie ihre Kunden besucht.

Die Kollektion umfasst neben Baby-Kleidern Artikel wie Schoppen, Nachttöpfe, Kinder-Haarbürsten und Bettflaschen. Frieda Kirschbaum hatte etwas Wesentliches erkannt: Die Menschen sehnen sich in den Nachkriegsjahren nach schönen Dingen. Die handbemalten Artikel treffen den Zeitgeist. Fast täglich ist Frieda Kirschbaum mit ihrem Muster-Koffer unterwegs. «Ich bin in der ganzen Schweiz mit dem Zug herumgereist, um meine Produkte zu verkaufen», erinnert sie sich. Ihr Mann bleibt mit den Kindern zu Hause. Er schreibt Rechnungen und schnürt die Pakete. 1949 erhält die Firma einen Namen: Atelier 49.

Umzug 1956 nach Killwangen

Mit dem Wirtschaftsaufschwung in den 50er-Jahren geht es für das Atelier 49 rasant aufwärts. Der grosse Schritt folgt 1955 mit dem Bau eines Wohn- und Produktionshauses in Killwangen. Nach dem Einzug 1956 kommt aber erneut eine schwierige Zeit auf die Jungunternehmerin zu. «Mein Mann und ich lebten uns auseinander. So trennten wir uns nach 16 Ehejahren im gegenseitigen Einvernehmen.» Die Kinder im Alter von 10 und 9 Jahren blieben bei ihr. «Da wir eben ein Haus gebaut hatten und ich meinen Mann ausbezahlte, war Sparen angesagt. Ich wollte aber auf jeden Fall alleine weitermachen.»

Die Nachfrage nach Atelier-49-Produkten wächst in der Folge auch weiter. Mit Eduard Jakob, der als Maschinensetzer in Wettingen arbeitet, findet sie eine neue Liebe. Jakob unterstützt die Firma an den Wochenenden als «Mann für alles» und zieht bei ihr ein. 1959 heiratet Frieda den sieben Jahre jüngeren «Edi».

Atelier 49 beschäftigt 1959 bereits 15 Angestellte. Dank immer neuen Ideen und Innovationen der nimmermüden Chefin vergrössert sich die Näherei; das Mal-Atelier zählt zu den bedeutendsten der Schweiz. «Weil sich die Produktion immer mehr auf Baby-Artikel konzentrierte, änderten wir unsere Marke von Atelier 49 zu Bébé-Jou.» Für die Gründerin war Bébé-Jou mehr als nur eine Firma. «Bébé-Jou war meine Familie. Ich hatte ein freundschaftliches Verhältnis zu meinen Angestellten», sagt sie heute noch mit Stolz. Soziale Verantwortung schreibt die Aargauer Firmenpionierin gross. So führt Bébé-Jou bereits 1956 die 40-Stunden-Woche ein. Zudem gibt es für alle Angestellten jeden Mittag gratis eine einfache Mahlzeit mit Kaffee. Und freitags ist für alle um 14.30 Uhr Feierabend. «Die meisten Mitarbeiterinnen waren verheiratet und mussten einkaufen gehen fürs Wochenende», lautet die Erklärung der Chefin.

Expansion ins Ausland

1960 expandiert Bébé-Jou ins Ausland. Frieda und Edi Jakob sind an der 1. internationalen Baby-Messe in Köln mit einem Stand vertreten und gewinnen Kunden aus Deutschland, Österreich, Dänemark und Holland.

In Killwangen sind die Produktionsräume mittlerweile bereits wieder zu klein. Deshalb bezieht Bébé-Jou 1964 im Industriegebiet Härdli in Spreitenbach ein leer stehendes Fabrikgebäude. Gleichzeitig wird die Einzelfirma in eine AG umgewandelt. Rund 80 Angestellte arbeiten in der Produktion und Administration. Dazu werden 50 Frauen als Heimarbeiterinnen beschäftigt.

Bébé-Jou ist innert 15 Jahren zum grössten Anbieter von Babyartikeln in der Schweiz geworden. Die Firmenleitung besteht nun aus Frieda Jakob als Geschäftsführerin, ihrem Mann Eduard, Leiter Finanzen und Administration, sowie drei weiteren Kadermitarbeitern,

Verkauf des Lebenswerkes

Ende der 60er-Jahre ist Bébé-Jou ein Unternehmen mit über 2000 Kunden in fünf verschiedenen Ländern und einem Jahresumsatz von 1,2 Millionen Franken. «Edi und ich spürten, dass die Firma nicht mehr so familiär geführt werden kann», sagt Frieda Jakob. In der Geschäftsleitung gehen die Meinungen immer öfters auseinander. Da kommt von der auf Baby-Nahrungsmittel spezialisierten Galactina AG aus dem bernischen Belp ein Übernahmeangebot. «Auch wenn Bébé-Jou für mich wie ein eigenes Kind war, musste ich nicht lange überlegen. Wir stimmten dem Verkauf zu.»

Frieda und Eduard Jakob übergeben 1970 nach 21 Jahren Aufbauarbeit einen blühenden Betrieb mit 130 Angestellten. Beide ziehen sich ganz aus dem Geschäft zurück. «Mit dem Erlös durch den Verkauf konnten wir viel Gutes tun. Für uns selbst kauften wir einen Bauernhof mit Pferden und anderen Tieren in Eggenwil.» Seit 1993 leben Frieda und Edi Jakob wieder in Killwangen, wo sie noch heute den freundschaftlichen Kontakt zu ihren ehemaligen Mitarbeiterinnen pflegen.