Baden

Die Ex-«Miss RVBW» im Porträt: «Ich bin sehr streng mit mir»

Die Badenerin Natascha Profeta ist mit ihrem Spiegelbild ständig auf Kriegsfuss. Für ihre Zukunft hat sie klare Vorstellungen.

Natascha Profeta braucht eine ruhige Hand, wenn sie ein künstliches an ihr echtes Wimpernhaar klebt. Stück für Stück wiederholt sie den Prozess, bis ein dichter Wimpernkranz entsteht. Als Klientin hat sich diesmal ihre Mutter auf das Behandlungsbett gelegt.

Die Frau mit langen blondierten Haaren und ihre Tochter gleichen sich stark. Einmal pro Woche arbeitet die 25-Jährige in Mamas Kosmetikinstitut in Ennetbaden. Vor kurzen ist sie von ihrem Heimatort Baden nach Hinterkappelen im Kanton Bern gezogen, weil ihr Fussballer-Freund Marvin Spielmann bei Young Boys unter Vertrag steht. Die KV-Absolventin hat einen Job in einer Immobilienfirma in Solothurn angenommen.

Sowohl beim Hausbau als auch bei der Kosmetik geht es um Ästhetik, wenn auch auf völlig unterschiedliche Art. Und das fasziniert die junge Frau. «Schönheit ist mir wichtig, und zwar von innen und aussen», betont sie und fügt dann zögernd hinzu: «Der erste Blick ist halt wichtig.» Ihre braungrünen Augen blicken das Gegenüber fragend und etwas unsicher an.

Natascha Profeta ist zartgliedrig und hat fast elfenhafte Züge Sie trägt beim Gespräch Sneakers von Christian Louboutin, mit Strass besetzte Jeans sowie eine schulterfreie schwarze Bluse. Hat ihr das attraktive Äussere in der Jugend oder als Erwachsene Vor- oder Nachteile gebracht? Profeta rückt ihre Hochsteckfrisur zurecht und sagt dann leise: «Für mich sind viele Menschen schön. Nur ich nicht. Ich bin sehr streng mit mir.»

Frau mit eiserner Disziplin

Profeta erzählt von ihrem rigiden Sportprogramm, dass sie täglich absolviert. Süssigkeiten sind tabu. Kohlenhydrate kommen nur ganz selten auf den Tisch. Für ihren Freund kocht sie ganz normal und liebt es, mit ihren Kolleginnen auszugehen. Doch sie weicht nicht von ihrem Ernährungsfahrplan ab, den sie sich selber aufoktroyiert hat.

Manch einer wünschte sich in gewissen Bereichen die eiserne Disziplin, die Profeta an den Tag legt. Glücklich wirkt sie dabei aber nicht. Was stört sie denn an sich selber?

«Meine Beine sind zu dick», meint sie. Dabei schaut sie aber nicht an sich runter, sondern der Gesprächspartnerin geradewegs in die Augen. Ihre Beine, die sie übereinandergeschlagen hat, sind eindeutig lang und schlank.

Der Mangel ist absolute Einbildung. Ursache dieser falschen Wahrnehmung des Selbstbilds, die im Fachjargon auch als «körperdysmorphe Störung» bezeichnet wird, ist häufig ein tiefer Mangel an Selbstliebe. Psychologische Hilfe nimmt Profeta keine in Anspruch. Sie fühlt sich fit, ist erfolgreich im Job.

Zur «Miss RVBW» gewählt mit zerschnittenem Kleid

Ihre Familie ist Profeta wichtig und sie macht Zukunftspläne mit ihrem Partner. Wenn da nur nicht ihr Körper wäre, den sie so völlig anders sieht als alle anderen Menschen. Und der sie nonstop unter Druck setzt. «An manchen Tagen könnte ich heulen, wenn ich mich im Spiegel sehe», sagt die gebürtige Badenerin und fügt hinzu: «Wenn ich nicht ins Fitnesstraining kann, gerate ich manchmal in Panik.»

Dabei ist Natascha Profeta deutlich anzusehen, wie aufgewühlt sie ist. 2012 wurde sie «Miss RVBW» (Regionale Verkehrsbetriebe Baden-Wettingen). Die Wahl der schönsten Frau in der Region findet seit 2010 statt. «Das ist eigentlich überhaupt nicht mein Ding. Ich stehe nicht gerne im Fokus der Öffentlichkeit», sagt die Halbitalienerin, «aber die Badener Ex-Miss-Schweiz Anita Buri riet mir mitzumachen, und Mama meldete mich an.» Sie gewann die Wahl. Dabei sei in der Garderobe noch böswillig ihr Kleid zerschnitten worden.

Oft erweckt sie in anderen einen Neid, den sie überhaupt nicht nachvollziehen kann. «Schon in der Schule wurde ich gemobbt», erzählt Profeta, zeigt dabei aber keine Emotionen. Wann begann sich ihr Essverhalten zu ändern?

«Ich war damals mit Papa und seiner zweiten Frau in den Sommerferien. Wir haben ein gutes Verhältnis. Aber dort lief es nicht rund. Nach fünf Wochen hatte ich ohne Absicht extrem abgenommen.» Wieder in der Schule, hiess es von ihren Freundinnen: «Wow, du siehst toll aus». «Das gefiel mir», erinnert sie sich und lächelt. Sie entdeckte eine Blutgruppendiät und reduzierte ihr Gewicht noch mehr. «Dann bin ich richtig reingerutscht. In die Magersucht.»

38 Kilo – diese Talsohle ist überwunden

Den Tiefpunkt hatte Profeta mit 13 erreicht, als sie mit 38 Kilo in die Klinik eingeliefert werden musste. Ihre Mutter habe sie jeden Tag angefleht, wieder normal zu essen. Doch sie war stur. Hörte auch nicht auf ihre zwei Brüder, die meinten, sie sei viel zu dünn.

Diese Talsohle ist überwunden und Profeta zeigt sich überzeugt, dass sie nie wieder in eine solche Krise geraten wird. «Egal wie dünn ich auch bin, ich gefalle mir ja doch nie. Deshalb werde ich meine Gesundheit ganz bestimmt nicht mehr derart aufs Spiel setzen.»

Ihre ausgeprägte Strukturiertheit wird im Arbeitsalltag sehr geschätzt. Sie ist ein Organisationstalent. «Privat wäre ich gerne etwas spontaner», sagt Profeta und zeigt das erste Mal ein breites Lächeln. Sie liest gerne. Geht mit ihrem Malteserhund Lola spazieren, der ihr absoluter Sonnenschein ist, wie sie sagt.

Was würde sie jüngeren Mädchen sagen, die unter ähnlichen Komplexen leiden?

«Dass die Ausstrahlung wichtiger ist als das Aussehen. Ich habe meine Ausstrahlung und auch das Lachen eine Zeit lang verloren. Das war schlimm.»

Die Optik spielt ihr nur in Bezug auf sich selber eine derart grosse Rolle. «Bei anderen Menschen sind mir die inneren Werte viel wichtiger.» Im Hinblick auf ihre Zukunft verrät sie: «Ich möchte heiraten. Ganz klassisch in Weiss. Und später einmal zwei Kinder haben.» Bei dieser Vorstellung fängt sie richtig an zu strahlen.

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