Baden

Die Bäderstadt hat wieder eine Kurkapelle – «ein Orchester zu gründen, ist völlig irre»

Die Drahtzieher: Jonas Ehrler (l.) und Gregor Loepfe im Jugendstilsaal des Atrium-Hotels Blume.

Die Drahtzieher: Jonas Ehrler (l.) und Gregor Loepfe im Jugendstilsaal des Atrium-Hotels Blume.

Das neue Orchester kommt etwas anders daher als das Original aus der Belle Epoque.

Der erste Schritt ist getan: Vor wenigen Tagen wurde im Jugendstilsaal des Hotels Blume der Verein Neue Kurkapelle Baden gegründet. Drahtzieher des Projekts sind Radioredaktor und Jazzmusiker Gregor Loepfe aus Wettingen, der an der Kanti Baden Klavier unterrichtet, und Dirigent Jonas Ehrler aus Baden. «Ich war ein Jahr als Assistenzdirigent bei drei verschiedenen Orchestern in Frankreich angestellt. Mit dem Aussenblick auf meine Heimat reifte in mir die Idee, die Tradition der Kurkapelle neu aufleben zu lassen», erzählt Ehrler.

Die alte Badener Kurkapelle existierte von 1864 bis ungefähr 1950. Sie spielte während des Sommers mehrmals täglich auf und gab gepflegte klassische Konzerte. Zur Blütezeit um den Jahrhundertwechsel wirkten rund 40 Musiker im Orchester mit.

Am Schluss war nur noch ein Barpianist übrig

Doch nach dem Zweiten Weltkrieg und im Zuge neuer Freizeitangebote dünnte die Truppe immer mehr aus. «Es fehlte sowohl an Finanzen als auch an Publikum. Am Schluss blieb nur noch ein Barpianist übrig», bekundet Loepfe. Er hat für einen Beitrag in die Badener Neujahrsblättern 2016 die Geschichte der alten Kurkapelle recherchiert und war total fasziniert. «Ich habe Hunderte von Stunden mit dem Studium von Dokumenten aus dem Badener Stadtarchiv verbracht.» Davon motiviert, liess er zusammen mit dem «Ensemble Spektrum» die gesellschaftlichen Anlässe der Belle Epoque unter dem Motto «Kurkapelle reloaded» wieder aufleben und veranstaltete 2017 und 2018 zwei literarische Konzerte im Bäderhotel Blume. Beide Veranstaltungen waren ausverkauft.

Kapelle wird auch Film- und Popmusik spielen

Der Verein Neue Kurkapelle Baden soll jetzt als Basis und Trägerschaft für ein langfristiges Projekt dienen. «Wir wollen kein klingendes Museum sein», betont Ehrler, «sondern das Material von damals auf spannende Weise in die heutige Zeit transportieren.»

Mit im Boot sind bereits etwa 10 Musikerinnen und Musiker. Für das künstlerische Patronat konnte Douglas Bostock, Ehrendirigent von argovia philharmonic, gewonnen werden. Neben Salonmusik und grossen klassischen Werken sollen auch Originalkompositionen für kleine Besetzungen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden sind, sowie Film- und Popmusik zu Gehör kommen.

Immer unter einer Prämisse, wie der 28-jährige Jungdirigent Ehrler betont: «Wir machen keine seichte Unterhaltungsmusik, die irgendwo im Hintergrund läuft. Alle unsere Auftritte sollen konzertant, qualitativ hochstehend und vor Publikum sein.»

Der erste Auftritt ist 2021 zu den Feierlichkeiten der Bäder Baden angedacht. «Im Moment geht es aber vor allem um die langfristige Planung, Vernetzung und Finanzierung», sagt Ehrler. Interesse an Kooperationen haben bereits das Kurtheater, das Historische Museum und das Grand Casino Baden angemeldet.

«Wenn man in der jetzigen Zeit ein Orchester gründet, ist das eigentlich völlig irre», sinniert Ehrler, «denn die ganze Kulturbranche steht mit einem Bein im Abgrund. Aber es ist auch wichtig, der Zukunft mit neuen Projekten eine Chance zu geben.»

Wegen Corona und den damit verbundenen Reiseeinschränkungen sei das Bewusstsein für die lokale Kulturszene wieder gewachsen, sind sich Ehrler und Loepfe einig. «Und die Neue Kurkapelle Baden hat ganz viel Lokalkolorit. Sie wird vorwiegend in Baden und Umgebung spielen und setzt sich wenn immer möglich aus Musikerinnen und Musikern von der Region zusammen.»

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