Der Begriff Therapie lässt sich im Kontext zur Badenfahrt durchaus gebrauchen. Ob rheumatologisch, psychologisch wie psychiatrisch, soziologisch, präventiv oder zur Gesundung eingesetzt – die Badenfahrt ist ein Mittel der Medizin wie auch der Seelenheilkunde, der Lebensfreude wie der Gesellschaftsbildung, der Völker- wie der Generationenverbindung. Sie ist eine sanitäre Einrichtung, die seit über 2000 Jahren Heilung garantiert.

Ob zur Genesung von Ethelfrieda (siehe Text rechts «Siegawyn und Ethelfrieda»), später der römischen Legionäre, dann all derjenigen, die hierher kamen, um das heilende Wasser und die Lustbarkeiten darum herum aufzusuchen, bis in die Neuzeit der heutigen Badenfahrten – es ist diese Faszination der Wirkung eines Allheilmittels, das hundertfach erprobt schon in der Vergangenheit vermutet, behauptet oder gar bewiesen wurde und in viele Texte und Bücher einfloss.

Lange bevor der Zürcher Dichter David Hess 1817 in seinem Buch «Die Badenfahrt», deren Ursprung als fingierte Sage von «Siegawyn und Ethelfrieda oder die Entdeckung der Heilquellen von Thermopolis» niederschrieb, war Baden schon Inbegriff und Destination für eine Badenfahrt.

Aquae Helveticae, so der Name der Bädersiedlung zur Römerzeit, wurde zur beliebten Thermalheilstätte. Es entstanden weitere Badehäuser. Bald folgten Handwerker, die sich niederliessen oder Händler, die vorbeizogen und den Ruf der heilenden Quellen in Europa verbreiteten. Im Mittelalter setzte ein richtiger Bade-Tourismus ein. Doch wer meint, die vielfach gut betuchten Leute, die nebst dem armen Volk aus der Eidgenossenschaft und dem nahen Ausland anreisten, seien nur wegen der heilenden Wirkung der Quellen hierhergekommen, sieht sich rasch getäuscht.

Nackte Frauen im Bad

So beschrieb unter anderen im Jahre 1416 Poggio Bracciolini, päpstlicher Sekretär, der nach dem Konzil zu Konstanz Baden bereiste, den Badebetrieb. Eigentlich hatte ihn die Gicht an der einen Hand zur Badekur bewogen. Doch im Brief an seinen Freund Niccolò Niccoli gestand er vielmehr, wie entzückend die teils nackten Frauen im Bade und all die Vergnügungen waren.

Schön: Die Spanischbrötlibahn in Aktion

Schön: Die Spanischbrötlibahn in Aktion

Kanton Solothurn, September/Oktober 2010 

So verbreitete sich die Botschaft, dass die Bäder zu Baden nicht nur wegen ihrer Heilkraft, sondern auch wegen der Lustbarkeiten einen Aufenthalt wert sein sollen. Im prüden Zürich wurde unter zwinglianischer Glaubensherrschaft Baden zum Reiseziel erhoben und nicht nur des Thermalwassers oder der Spanischbrötli wegen. Hier erfuhren Badenfahrende – ob aus oberen Schichten, politische Gesandte während der Tagsatzungen oder beim europäischen Friedenskongress, Schriftsteller und Gelehrte –, wie es sich in gestrengen Zeiten auch noch anders leben liess.

In seinem Buch «Die Badenfahrt» beschrieb David Hess das Geheimnis dieser Institution. Reisten alle Heilsuchenden früher zu Pferd oder Kutsche nach Baden, kamen sie später mit der Eisenbahn. Es war die logische Folge – nicht Ursprung der Badenfahrten –, dass die erste Eisenbahn 1847 von Zürich nach Baden führte.

Badenfahrt wurde Institution

In der Stadt Baden selber wurde dann die Badenfahrt als Fest und Auszeit unter demselben Namen institutionalisiert. Die im Alltag verschollene Lebenslust wurde damit zurückgeholt, indem sich die Badener ihr eigenes Fest bauten. Wenn auch damals, 1923, der europäische Friedenskongress von 1714 als Hintergrund diente, so hielten sich die Festmacher der ersten Badenfahrt von 1923, die sehr aktive Gesellschaft der Biedermeier, die Katharsis als Ziel und Zweck dieses Festes vor Augen.

In kurzer Zeit stellte ein breit abgestütztes Komitee unter Paul Haberbosch aus Anlass von 90 Jahre Spanischbrötlibahn zum Thema «Im Wandel der Zeiten» die «Grosse Badenfahrt 1937» auf die Beine. 1947 waren es 100 Jahre Spanischbrötlibahn. Bahnhofvorstand Karl Schultheis wurde Präsident des Komitees; das Thema des Umzugs hiess «Tragen Schleppen Fahren». Zum Festakt erschienen General Henri Guisan und Bundesrat Enrico Celio.

Glanzzeit des «Badener Geistes»

Während 20 Jahren, bereits 1967 als Komitee-Präsident gewählt, stand Walter Bölsterli, Brödlimeister der Spanischbrödlizunft, bei vier unvergesslichen Badenfahrten an der Spitze. Er war mitverantwortlich, dass man nach 1967 in den 5-Jahres-Rhythmus überging, indem man eine «Kleine» – wenn auch kaum minder grosse – Badenfahrt dazwischen schob. Zu Bölsterlis Zeiten festigte sich auch der Begriff des Badener Geistes, getragen von unvergesslichen Badenern wie Edi Zander, Max Käufeler, Fredi Wildi und anderen, die sich aus den Reihen des Brödlirates rekrutierten.

Rund 30 Jahre lang war Marco Squarise als Festgestalter eine ebenso prägende kreative Kraft mehrerer Badenfahrten. Dieser Badener Geist, vom übrigen Aargau teils bewundert, teils belächelt, geringgeschätzt oder neidisch als Hochmut verurteilt, hat sich zwar bis heute gehalten, wird jedoch in seiner Noch-Existenz wiederholt infrage gestellt.

So oder so: Die Badenfahrt ist ein massentaugliches Allheilmittel. Zur Ventilwirkung, wie sie im Ausleben von Freuden und Gelüsten einer ganzen Region mit ihren Menschen gereicht, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein weiterer Nebeneffekt dazugestellt, der je länger je dringlicher geworden ist. Die Badenfahrt bietet Gewähr dazu, dass man sich während zehn Tagen von einer lebensbedrohenden Humorlosigkeit, von Gehässigkeiten im Alltag der Social Media distanziert. Kleinbürgerliche und fremdenfeindliche Gesinnungen werden da abgestreift, menschliche und soziale Klüfte überwunden, politische und andere Gräben zugeschüttet.

Versus – Badenfahrt-Thema per se

«Versus», ein treffendes Motto, verkörpert per se die Badenfahrt. Es bedeutet Gemeinschaft versus Abgeschiedenheit, Empathie versus Narzissmus, Miteinander versus Gegeneinander, Füreinander versus Egoismus, Begegnung versus Ignoranz. Das ist der Kern einer Badenfahrt, wo Festbeizen oder Festdarbietungen von Vereinen sowie Gruppierungen und deren Menschen aus Ideen entwickelt und umgesetzt werden, zum Vergnügen von seinesgleichen und all jener, die kommen, um zu verweilen.

Die Pflege der Badenfahrt ist wichtiger denn je. Denn wir Menschen sind unterwegs, uns selber zu einer eigenartigen Spezies zu degenerieren. Eine Spezies, die, ob an der Bushaltestelle, im Zug, im Wartezimmer oder in der Arbeitspause, unterwegs zu Fuss, überall im Alltag und in jedem freien Moment den Blick stets aufs Handy gerichtet hat, das uns als imaginäres Zentrum unserer Existenz mit irrelevanten, konsumistischen Inhalten dieser Scheinwelt eindeckt und darin gefangen hält.

Der Badenfahrt wünschte man so viel Nachhaltigkeit, dass dieser Geist, der in diesen zehn Tagen eine Stadt und deren Bevölkerung befällt, alle an das Leben in der Gemeinschaft erinnert und sie vor der drohenden gesellschaftlichen Verwahrlosung rettet.