Stau
Die Badenfahrt als täglicher Frust – wird es gar noch viel schlimmer?

Geschlagene 40 Minuten vom Kantonsspital ins Zentrum: Wer zu Stosszeiten in die Stadt will, braucht Geduld wie noch nie. Warum hat sich die Stau-Situation so verschärft, und wird sie mit der Grossbaustelle Schulhausplatz noch schlimmer?

Martin Rupf und Stefanie Suter
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Der az-Test zeigt: Aus allen Richtungen ist mit erheblichem Stau zu rechnen.

Der az-Test zeigt: Aus allen Richtungen ist mit erheblichem Stau zu rechnen.

AZ

Gewerbe: Ärger und Wünsche an die Stadt

Mario Delvecchio, Vorstandsmitglied der IG «Dättwil – wo Baden boomt» wählt klare Worte: «Es ist eine Zumutung für uns Gewerbetreibende in Dättwil.» In letzter Zeit benötige er mit dem Auto immer rund 35 Minuten von Dättwil nach Baden – und das ausserhalb der Stosszeiten. Der Geschäftsführer der Meier Druck AG, ärgert sich, dass die Stadt nicht mehr tue, um den Verkehr zu entlasten. «Ich verstehe nicht, weshalb zum Beispiel die Zürcherstrasse für den Verkehr nicht geöffnet wird.» Gleichzeitig adressiert er Wünsche an die Stadt: «Wäre es nicht denkbar, dass wir zum Beispiel die Dättwilerstrasse hinter dem Weiher oder die Busspur benutzen könnten?» Man sei sogar bereit, hierfür etwas zu zahlen. Zu den Forderungen Delvecchios sagt Stadtrat Markus Schneider: «Die Schiefe Brücke oder die Zürcherstrasse zu öffnen, ist für uns keine Option.» Vielmehr dienten diese Achsen als Notventil, die geöffnet werden können, sollte es bei der Schulhausplatz-Sanierung tatsächlich zu einem Kollaps kommen.» Ausnahme-Regelungen für das Gewerbe – insbesondere in Dättwil – seien denkbar, aber nicht unproblematisch. «Wenn wir die Busspur öffnen, kann das Risiko von Unfällen steigen, wie sich bei den Motorrädern gezeigt hat.» Und eine Öffnung der Dättwilerstrasse erachtet er als problematisch, weil der Verkehr dann durch das Dorf Dättwil rolle. (mru)

Die Klagen über den täglichen Kollaps auf den Einfallachsen häufen sich: «Staus zu Stosszeiten haben klar zugenommen», sagt Michael Wicki vom Gewerbeverband City Com Baden. «Dies schadet dem Image von Baden als gut erreichbarer Einkaufsort.»

Ein az-Test zeigt, wie dramatisch die Situation ist: Abends um 18 Uhr dauert die Fahrt mit dem Auto vom Kantonsspital Baden bis zum Schulhausplatz an vielen Tagen 40 Minuten – während Routenplaner angeben, diese Strecke sei in 7 Minuten zu schaffen. Schon am Wochenanfang staut es sich überall, so am vergangenen Montag um 18.10 Uhr: Für die kurze Strecke vom regionalen Pflegezentrum bei der Kanti Baden bis zum Badener Tor braucht man 25 Minuten. Unsere Grafik zeigt: Egal, aus welcher Richtung man in die Stadt fährt, auf allen Routen braucht man enorm Geduld.

Wer nicht aufs Velo umsteigen will, hat keine Möglichkeit, die Verspätungen zu vermeiden: Denn auch die öffentlichen Busse stecken vielerorts in der Blechlawine fest.

Mittwoch, 17.40 Uhr: Das Postauto braucht allein für die 50 Meter vom Bahnhof Baden Ost bis zur Kreuzung beim Kulturlokal Royal 10 Minuten, am Schulhausplatz angekommen, ist es bereits mit einer Verspätung von 20 Minuten unterwegs. «Die Verkehrssituation ist ganz schlecht. Ich bitte Sie um Verständnis», entschuldigt sich der Buschauffeur bei seinen Fahrgästen.

Glück haben öV-Pendler, die nach Ehrendingen Tiefenwaag müssen: Ein Direktkurs fährt am Abend zu Stosszeiten über die Schiefe Brücke und kann so dem Stau ausweichen.

Verspätete Busse wegen Baustellen

Beim Gewerbeverband City Com Baden schaut man mit Bangen dem Weihnachtsgeschäft entgegen: «Das ist die wichtigste Zeit für die Geschäfte. Wenn es Umsatzeinbrüche gäbe, würden wir politisch aktiv werden», sagt Michael Wicki.

Beatrice Meyer, Leiterin der Mobilitätsberatung «badenmobil», hofft, dass der Stau die Autofahrer dazu anregt, ihr eigenes Mobilitätsverhalten zu überdenken. «Es würde schon viel bewirken, wenn Pendler nur einmal pro Woche das Velo benutzen, auf den öV umsteigen oder Fahrgemeinschaften bilden würden.»

Warum hat sich die Stausituation derart verschärft? Verkehrsexperten sehen eine Verkettung verschiedener Umstände. «Das Verkehrsaufkommen in der Region Baden nimmt überdurchschnittlich zu, das Verkehrssystem stösst in den Verkehrsspitzenzeiten an seine Grenzen», sagt Daniel Schwerzmann vom kantonalen Departement für Bau, Verkehr und Umwelt (BVU).

Da braucht es nicht viel, und das System kollabiert – etwa Baustellen an neuralgischen Punkten. So wie zurzeit an der Mellingerstrasse und am Lindenplatz. Diese wirken sich auf die gesamte Verkehrssituation rund um Baden aus. Und schliesslich kommt ein saisonaler Grund dazu: «Nach den Herbstferien steigen viele Velo- und Motorradfahrer auf den öV oder das Auto um.»

Die Probleme beschäftigen auch Postauto. «Zurzeit herrscht eine besonders kritische Situation», sagt Patrick Zingg, stellvertretender Chef von Postauto Region Nordschweiz. «Mitte Oktober bis Ende November ist die verkehrsreichste Zeit des ganzen Jahres.»

Die zahlreichen Baustellen machen den Busbetrieben zusätzlich das Leben schwer. Auf dem Netz der Regionalen Verkehrsbetriebe Baden-Wettingen gibt es nicht weniger als 12 Baustellen. «Sie wirken sich zusammen mit den Staus auf den ganzen Betrieb aus», sagt Betriebsdisponent Christian Bernhard.

Ein Beispiel: Die Linie 6 fährt vom KSB via Bahnhof Baden weiter nach Untersiggenthal. Verspätungen auf der Strecke KSB–Bahnhof führen also auch zu Verspätungen auf der anderen Seite der Stadt, auf der Strecke Bahnhof–Untersiggenthal.

Vorgeschmack, auf das, was kommt?

Viele Gewerbetreibende und Pendler fürchten, dass die aktuelle Staulage nur ein Vorgeschmack ist, auf das, was kommt, wenn der Schulhausplatz ab kommendem Jahr während dreier Jahre saniert wird.

Daniel Schwerzmann beschwichtigt jedoch: «Die Verkehrsführung für dieses Jahrhundertprojekt haben wir zusammen mit der Stadt sehr detailreich geplant.» Auch der Badener Bauvorsteher Markus Schneider beruhigt: «Wir gehen nach wie vor davon aus, dass der Verkehr während der Sanierung des Schulhausplatzes gleich gut, wenn nicht gar besser läuft, weil gewisse Achsen gesperrt sein werden.»

Dass der Verkehr stadteinwärts auf der Mellingerstrasse staut, obwohl die Pförtneranlage beim Dättwiler Weiher gerade dies verhindern sollte, sei nicht alleine auf die Baustelle beim Lindenplatz zurückzuführen. «Das hängt auch mit der Sanierung der Mellingerstrasse zusammen und der – gewollten – Aufhebung der Busbuchten.»

Gewollt? «Ja, dadurch ist gewährleistet, dass die Busse bei Kolonnen immer zuvorderst bleiben und dadurch favorisiert werden.»

Lesen Sie den Kommentar dazu hier.

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