«Ich wollte schon immer meine Visionen verwirklichen und eigenständig sein», sagt Claudia Nabholz und streicht sich ihre dunkelbraunen Haare aus dem Gesicht. Mit ihrem halblangen Bob, gerade geschnittenen Fransen und den dunklen Mandelaugen erinnert die 35-Jährige ein wenig an Cleopatra. Während andere ein Leben lang unerfüllten Träumen nachhängen, machte sie Nägel mit Köpfen. Vor acht Jahren hängte die studierte Wirtschaftspsychologin ihren Job in einem Badener Energieunternehmen an den Nagel. Als sie alles über den Haufen warf und 2009 an der unteren Halde 15 ihr eigenes Café Frau Meise eröffnete, gab man ihr kaum Chancen. Nabholz: «Aber wenn ich mir etwas in den Kopf setze, ziehe ich es durch. Einige Leute hielten mich zwar für verrückt. Aber ich bekam auch viel Unterstützung, ohne die ich es nie geschafft hätte.»

Heimeliges Ambiente

Ein bisschen mulmig war es der Umsteigerin dann doch, als sie von einem Tag auf den andern das winzige Café in der Badener Altstadt aus der Taufe hob. Doch das Minilokal von Nabholz wurde schnell zum Publikumsmagnet. Vor allem, weil es mit seinen farbig geblümten Tapeten und pastellfarbenen Möbeln total anders war als jegliche bestehenden Lokale. Besucher fühlen sich im nostalgisch-romantischen Interieur wie in einer gemütlichen Wohnstube und nicht wie in einem Gastrobetrieb. Sämtliche Gegenstände auf den leicht überfüllten 60 Quadratmetern wurden mit Sorgfalt ausgesucht. Keramik-Hirschkopf «Hugo Hirschhausen», der eine Wand ziert, hat sogar eine eigene Website. Aus Objekten, die von Brockenhäusern, Flohmärkten oder aus den alten Grandhotels stammen, hat Nabholz eine kleine Welt mit ihrer ganz persönlichen Note kreiert. Passend zum heimeligen Ambiente gibt es viel Selbstgemachtes. Claudias italienische Mama kocht jeden Mittwoch ein währschaftes Zmittag, die Nonna liefert Konfitüre zum täglichen Brunch und der Bauer aus der Region das Brot.

Vor sechs Jahren kam zum Café eine Pension mit gerade mal zwei appartementartigen Zimmern dazu. Sie ist fast immer voll. Seit 2014 findet man bei «Frau Meise» auch Designermode mit dem Label «Claudia Nabholz». Die eigene Modelinie war ein weiterer Traum, den sich die Kleinunternehmerin erfüllte: «Für meine ersten zwei Kollektionen sass ich Hunderte von Stunden an der Nähmaschine. Mittlerweile verkaufen einige Läden in Zürich meine Teile und ich lasse auswärts in einem kleinen Atelier produzieren.»

Ein Dutzend Mitarbeiter

Café, Pension und Boutique; Nabholz ist völlig ausgefüllt und beschäftigt mittlerweile ein 12-köpfiges Team. «Ich verdiene weniger als früher, bin aber happy», resümiert die Geschäftsfrau. Sie finanziert bis heute alles aus eigener Tasche. Einen Kredit aufzunehmen, kam nie infrage. «Für die Einrichtung des Cafés inklusive Umbau habe ich etwa so viel wie für einen Mittelklassewagen bezahlt», verrät die Unternehmerin. Sobald etwas Geld hereinkommt, investiert sie es wieder in ihren Betrieb. In den Anfängen plagten sie Existenzängste. Aber sie überwand sie, denn das Unternehmen florierte immer mehr. Über mangelnde Kundenfrequenz in der oft totgesagten Badener Altstadt kann sich Nabholz nicht beklagen. «Das Quartier ist im Aufschwung», findet sie, fügt aber hinzu, «leider wurden wir in der Zukunftsplanung der Stadt genauso wie das Bäderquartier über Jahrzehnte extrem vernachlässigt.»

Obwohl sie Baden als Heimat empfindet, zog Nabholz vor kurzem nach Zürich um. Mit ihrem Mann Valentin aus Bern, den sie vor drei Monaten geheiratet hat. Ihre Wangen röten sich, wenn die Frischvermählte über ihn spricht. «Wir waren drei Wochen in Costa Rica auf Hochzeitsreise. Ohne Mail und Handy. Da habe ich gespürt, wie gut es tut, wieder einmal richtig durchzuatmen», erzählt Claudia Nabholz. Ihren richtigen Namen kennen viele Gäste gar nicht. Frau Meise hat sich inzwischen weitherum in den Köpfen der Klientel eingenistet und ist zum Alter Ego der mutigen Kleinunternehmerin geworden.