Spurensuche

Die Badener Stiftsbibliothek hütet einen fast vergessenen Bücherschatz

Zeuge des Badener Stifts: Das Chorherrenhaus, mit Stadtkirche und Sebastianskapelle.

Zeuge des Badener Stifts: Das Chorherrenhaus, mit Stadtkirche und Sebastianskapelle.

Die Stiftsbibliothek St. Gallen ist weltberühmt, die Stiftsbibliothek Baden kennt kaum jemand. Dennoch lohnt sich ein genauerer Blick auf die im Badener Stadtarchiv verborgenen Schätze. Eine Spurensuche durch die Bibliothek des ehemaligen Badener Chorherrenstifts.

Das Badener Stadtarchiv hütet so manchen kostbaren Schatz. Ein besonderer Bestand, der in den Archivräumen tief unter der Erde im «Melonenschnitz» an der Limmat aufbewahrt wird, ist die Badener Stiftsbibliothek. Während ihre St. Galler Namensvetterin weltberühmt ist und zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, kennt die Badener Sammlung kaum jemand. Zugegeben: An die St. Galler Klosterbibliothek mit ihrem prachtvollen Barocksaal und ihren schier unschätzbaren mittelalterlichen Handschriften kommt sie nicht heran. Aber dennoch lohnt sich ein genauerer Blick auf die Bibliothek des ehemaligen Badener Chorherrenstifts.

Unter dem Kürzel «Y.Stift» sind im Stadtarchiv 467 Bände registriert. Das vermutlich älteste Buch stammt aus dem Jahr 1475: Die auf Latein verfassten «Sermones quadragesimales de poenitentia» («Fastenzeitliche Reden zur Busse») des italienischen Franziskaners Robertus Caracciolus, gedruckt in Basel.

Als der Humanismus nach Baden kam

Die Geschichte der Bibliothek ist eng verknüpft mit dem aufblühenden Humanismus, der durch die Bäder und die Tagsat­z­ungen ins katholische Baden kam. Der erste Geistliche, der hier eine Pfarrbibliothek anlegte, war um 1490 der Leutpriester Hartmann Firabent. Zu einer wissenschaftlichen Sammlung wurde sie aber erst eineinhalb Jahrhunderte später – mit der Gründung des Chorherrenstifts.

Für die Stadt war diese Gründung eine Zäsur, denn die Badener Kirche unterstand seit 1406 dem Abt des Klosters Wettingen. Das war den stolzen Badenern ein Dorn im Auge. Schultheiss, beide Räte und Bürgerschaft beschlossen deshalb im Sommer 1624 die Gründung des Stifts «zu Ehren der glorwürdigen Himmelfahrt Mariä». Acht Chorherrenstellen, sogenannte Pfrundhäuser und ein Stiftsfonds wurden eingerichtet. Die Pfründe, aus denen das Stift finanziert wurde, waren Besitzungen vom Rhein über das Surbtal bis ins Reusstal.

An der Spitze des Stifts stand ein Probst, der eine Art «Gegenpfarrer» zu dem von Wettingen ernannten Stadtpfarrer war. Chorherren waren keine Mönche, sondern Geistliche, die sich um das Kirchengut kümmerten und an der Liturgie mitwirkten. Badener Geschlechter stellten die Pröbste, etwa die Dorer, Baldinger, Surläuli, Feyerabend, Bodmer und Borsinger. Viele der Badener Geistlichen hatten an Universitäten studiert und besassen grosse wissenschaftliche Interessen, wie die Stiftsbibliothek bis heute beweist.

Besonders wertvoll sind die Erstlingsdrucke und die sogenannten Inkunabeln (frühe Wiegendrucke) aus dem 15. und frühen 16. Jahrhundert. Eine davon ist etwa eine von 1483 stammende Ausgabe des «Decretum Gratiani», dem grundlegenden Kirchenrechtsbuch aus dem 12. Jahrhundert. Die Schriften der Stiftsbibliothek beschäftigen sich vor allem mit Theologie, aber auch mit Sprache, Recht, Geschichte und anderen Disziplinen. Sie bilden eine vielfältige europäische Geistesgeschichte aus vier Jahrhunderten ab.

Das Vermögen verloren, die Bibliothek gerettet

Im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts fand das Chorherrenstift ein Ende. Nach der Auf­lösung der Mehrzahl der Aargauer Klöster entschied sich die Badener Ortsbürgergemeinde nach langen Diskussionen 1875, auch das Stift aufzulösen. Die verschiedenen Chorherrenhäu­ser gingen an die neu geschaffene katholische Kirchgemeinde über. Eines davon, das «Chorherrehus» am Kirchplatz, dient heute als Pfarreizentrum. Es wurde gerade erst renoviert und bildet mit der Stadtkirche, der Sebastianskapelle und dem katholischen Pfarrhaus ein schönes Ensemble des Badener Kirchenlebens.

Ein grosser Teil des Stiftsvermögens wurde nach der Auf­lösung zur Tilgung der Badener Schulden nach dem Nationalbahnkonkurs genutzt. Die Stiftsbibliothek aber wurde geret­tet und zu einem Bestandteil der Stadtbibliothek. 2006 hat der Luzerner Historiker Benno Hägeli die Sammlung sorgfältig katalogisiert. 2007 übernahm sie das Stadtarchiv, weil es hier bessere konservatorische Bedingungen gibt, wie Stadtarchivar Andreas Steigmeier erklärt. Seither ist es wieder still und ruhig geworden um diesen einzigartigen Badener Bücherschatz.

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