Polizeibericht

Deutlich mehr Meldungen im Raum Baden wegen häuslicher Gewalt und Drohungen – das steckt dahinter

Häusliche Gewalt: In jedem zweiten Fall ist Alkohol im Spiel.

Häusliche Gewalt: In jedem zweiten Fall ist Alkohol im Spiel.

Die Polizei musste 2019 in einige Gemeinden der Region doppelt so oft ausrücken wie im Vorjahr – die Hintergründe.

Untersiggenthal informierte diese Woche über die Anzahl Einsätze der Stadtpolizei Baden auf ihrem Gemeindegebiet. «Auffallend ist die Zunahme zu den Vorfällen Streit, Drohung und häuslicher Gewalt; es gilt zu beobachten, ob sich die Fallzahlen weiter erhöhen.» Von 20 im Jahr 2018 auf 27 im Jahr 2019 ist die Zahl der Meldungen aus ­Untersiggenthal bei der Polizei gestiegen.

Noch stärker ist die Zunahme der Meldungen wegen häuslicher Gewalt in weiteren Gemeinden, in denen die Stadtpolizei Baden zuständig ist. In Gebenstorf verdoppelte sich die Zahl von 18 auf 35, in Ennetbaden stieg sie von 8 auf 13, in Turgi von 17 auf 37, in Würenlingen von 12 auf 26, in Birmenstorf von 7 auf 9. Gesunken ist die Zahl nur in zwei Gemeinden: Freienwil (2 statt 3) und Ehrendingen (15 statt 19). Zum Vergleich: In Baden gingen letztes Jahr 55 Meldungen ein.

Bloss mehr Anrufe, aber nicht mehr Gewalt?

Die entscheidende Frage: Nimmt Gewalt in den eigenen vier Wänden tatsächlich zu – oder stieg nur die Anzahl Anrufe? Hermann Blaser von der Stadtpolizei Baden antwortet darauf: «Es ist zu beachten, dass auch die Sensibilisierung gestiegen ist und somit auch viele Meldungen eingehen, welche nicht zwingend häuslicher Gewalt zugewiesen werden können.»

Matthias Lüscher von der Fachstelle Intervention gegen häusliche Gewalt beim Kanton Aargau ist überzeugt: Beides ist gestiegen – sowohl die tatsächliche Anzahl von Fällen häuslicher Gewalt, als auch die Sensibilisierung in der Bevölkerung und damit verbunden die zunehmende Zahl an Anrufen bei der Polizei. Warum aber kommt es immer häufiger zu Gewalt in den eigenen vier Wänden?

Lüscher, der seit acht Jahren bei der kantonalen Fachstelle Männer betreut, die gewalttätig geworden sind: «Der soziale Druck in der Gesellschaft wird immer grösser. Wohlstand wird zunehmend mit materiellem Besitz gleichgesetzt. Das Bewusstsein, dass Wohlbefinden auch über Beziehungen gesteigert werden kann, gerät in den Hintergrund.»

Patriarchalisches Familienbild

Das Gefühl der Männer, ihren Familien viel und immer mehr bieten zu müssen, könne zu Überforderung, ja Ohnmacht führen. Oftmals seien es Männer mit patriarchalischem Familienbild – sind nicht selten auch Schweizer  –, die sich in dieser Struktur nicht mehr zurechtfänden.

«Sie haben das Gefühl, die ganze Verantwortung für die Familie übernehmen zu müssen. Das kann dazu führen, dass sie unter Druck und in Streitsituationen auf Kritik mit Gewalt reagieren. In rund jedem zweiten Fall von häuslicher Gewalt ist zudem Alkohol im Spiel», sagt Lüscher.

In der Tat sei auch die Sensibilisierung für die Thematik in der Bevölkerung gestiegen. «Das führt dazu, dass von Nachbarn der eine oder andere Anruf mehr bei der Polizei eingeht als früher, wenn Streit zu hören ist», so Lüscher. Drohungen und Schläge seien in der Gesellschaft kein Tabu-Thema mehr, das als reine Privatsache eingestuft werde.

Bezirk Zurzach: «Trauriges Rekordjahr 2018»

Zugenommen haben die Fälle von Meldungen häuslicher Gewalt auch bei der Regionalpolizei Wettingen-Limmattal, zwischen 2017 und 2019 von 149 auf 196. Im Bezirk Zurzach ist die Zahl vergangenes Jahr leicht gesunken, allerdings war 2018 ein «trauriges Rekordjahr», so René Lippuner, Chef der Regionalpolizei.

Auch er spricht von zunehmendem sozialem Druck als eine der Ursachen. Dass die Sensibilisierung beim Thema häusliche Gewalt gestiegen ist, sei begrüssenswert. «Uns ist es bei einem Verdacht lieber, wenn wir einmal zu viel als einmal zu wenig angerufen werden.»

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