Prolog. In den Sechzigern wartet die Schülerin am Bahnhof Wettingen auf den Zug nach Zürich. Als dieser eintrifft, sieht sie einen jungen Mann in wehendem Regenmantel und mit übervoller Zeichnungsmappe zum Bahnhof rennen. «Schneller, schneller», denkt die Schülerin und drückt die Daumen: «Hoffentlich fällt nichts aus der Mappe.» Tut es nicht - weder an diesem Tag noch an den vielen weiteren Tagen, wenn der olympiareife Sprinter in letzter Sekunde den Zug erwischt, in Zürich aussteigt und dort dem Schauspielhaus oder Opernhaus oder aber dem Flughafen-Bus zustrebt. Die Schülerin erfährt, dass der junge Mann Bühnenbildner ist. Also investiert sie viel Taschengeld in Theateraufführungen, denn Toni Busingers Bühnenbilder machen sie glücklich.

1. Akt. Zwei Häuser, dicht nebeneinander, in einem idyllischen Wettinger Quartier. Das erste Haus ist ein Chalet aus dem Jahr 1941; das zweite, moderne entfaltet drinnen ein mediterranes Flair, das sich draussen - im üppigen Garten mit Goldfischteich, Rosen und mächtigen Bäumen - fortsetzt. Welch berückende Vielfalt, denkt die Besucherin - passend zu einem Mann, dessen Bühnenbilder eine Fantasie und eine farbenfrohe Leichtigkeit ausstrahlen, die selbst gewichtigste Stücke nie tonnenschwer erscheinen lassen.

Welt der Farben: Bühnenbildentwurf von Toni Businger.

Welt der Farben: Bühnenbildentwurf von Toni Businger.

Spielerische Leichtigkeit des Seins? Wer sie im Zusammenhang mit Toni Businger erfahren will, taucht am besten ein in sein Atelier im Elternhaus; eine Fundgrube mit nicht zu zählenden Skizzen, Entwürfen, Aquarellen und Ölgemälden - gestapelt, getürmt, gelegt, gehängt, vor allem aber: nicht archiviert.

«Das habe ich ein Leben lang nie gemacht», sagt Toni Businger lachend. Erst seit einiger Zeit sichten und beschriften er und seine Tochter Antonina - «die Initiative ging von ihr aus» - ein Oeuvre, das von einer beispiellosen Leidenschaft zum Theater kündet. Wie denn alles begonnen hat, möchte die Besucherin wissen. «Gehen wir rüber», sagt Toni Businger.

2. Akt. Drüben heisst: Wohnhaus. Von ihm selbst, der ja nicht ein eigentlicher Architekt ist, von A bis Z entworfen «und durchgesetzt», wie er und seine Frau Susanna belustigt anmerken. Businger nimmt am runden Tisch Platz, zupft am gelben Pullover und erzählt. Als Schüler hat er einst das hölzerne Kurtheater Baden Abend für Abend besucht; hat im Vorfeld die Stücke gelesen und sich dabei stets «eine Vision gemacht», vielmehr sich vorgestellt: «Wo und in welchen Räumen spielt das Werk?» Diese brennende Neugier spornt den Wettinger an; treibt ihn um. Blutjung begegnet er dem grossen Bühnenbildner Teo Otto. Businger zeigt ihm Bilder, die er in Südfrankreich gemalt hat. «Mensch, Junge, wie hast Du bloss Licht und Schatten gemalt? Haben Sie Lust bei mir zu arbeiten?» Sicher.

Die Frage nach dem Lohn erübrigt sich, weil es keinen gibt. Businger bekommt 1957 für sein erstes Bühnenbild zu Hauptmanns «Und Pippa tanzt» im Schauspielhaus Zürich eine Gage: 100 Franken, abzüglich 2 Franken AHV. Von Zürich gehts in die weite Theaterwelt hinaus - und damit von einem renommierten Haus zum andern. Wie hat er das geschafft? «Darüber habe ich nie nachgedacht», sagt Businger und verweist auf Freiburg im Breisgau: «Dort habe ich innert zwei Jahren 16 Opern und 16 Schauspiele ausgestattet. Insgesamt habe ich über 300 Produktionen weltweit betreut.» Wahnsinn? In Busingers Augen blitzt es amüsiert auf. «Ich hatte nie einen Agenten. Ich habe alles selbst organisiert - auch die Flüge.» Flog Businger mit dem Jumbo nach Amerika, bekam er immer einen Platz, der offiziell nie verkauft wurde: 52H. Zwar handelte es sich um einen Sitz, jedoch mit zwei Klapptischchen: fabelhaft geeignet für einen wie Toni Businger, der unentwegt zeichnet und deshalb für seine Entwürfe gar nie genug Platz haben kann.

3. Akt. Nun, da wir unversehens in den USA gelandet sind, ist eine Anekdote fällig. Toni Businger bekam eines Tages einen Anruf aus Philadelphia. «Ich hörte bloss ‹William Tell›; vermutete, dass es sich um Rossinis ‹Guillaume Tell› handeln könnte und sagte zu.» Der Anrufer sprach von «einem Sturm und einem grossen Baum». Zudem verwies er auf «die Freiheit». Businger sagte zu allem «Yes, Yes», weil er «Wilhelm Tell», den wilden Urnersee und den Apfelschuss unter der Linde aus dem Effeff kannte. «Erstaunlich, wie sehr Sie Bescheid wissen», wunderte sich der Anrufer aus Philadelphia.

Schliesslich löste sich das Rätsel. Es handelte sich nicht um William Tell, sondern um William Penn, den Gründer von Pennsylvania. Und die Musik stammte nicht von Rossini, sondern von Romano Cascarini. Dieser hatte die Oper zur 200-Jahr-Feier Pennsylvanias komponiert.

4. Akt. Noch mehr Anekdoten? Es gäbe Hunderte. Doch nicht sie bestimmen das in den Köpfen der Theaterbesucher verankerte, künstlerische Wirken von Toni Businger, sondern ein Oeuvre, dessen Eleganz und farbliche Valeurs nach wie vor bezaubern. «Die Kraft, damit etwas zu übermitteln und dem Publikum Freude zu bereiten, war mir Antrieb», sagt Businger.

Er liebt das Theater. Wie sehr hat Claus-Helmut Drese, ehemals Intendant am Opernhaus Zürich und an der Staatsoper Wien, einmal so formuliert: «Die Bühne braucht eine spezifische Begabung, die Lust zu erzählen, die Realität zu verwandeln. Denn Theater ist nicht Realität, sondern nur Schein. Dieser aber ist mehr als ein Abbild, er sollte die eigentliche, geistig gefilterte Realität darstellen. Toni Businger ist ein solcher ‹Homme du théâtre›. Seine Fantasie quillt über, er hat Visionen, ist immer neu. Dieser Quell seiner Inspiration ist das eigentliche Phänomen. Toni Businger träumt, er sieht, er spielt - und es entstehen Bilder für das Theater.»