Es ist so etwas wie die Rückkehr des verlorenen Sohnes. Peter Voser (56) – geboren in Baden, aufgewachsen in Neuenhof und Würenlos, KV-Lehre in Spreitenbach – wirkte entscheidend an der Rettung mit, als ABB 2002 finanziell am Abgrund stand. Kaum wurde Voser damals Finanzchef, handelte er blitzschnell: Es gelang ihm, den Banken Milliardenkredite abzuringen.

Mit diesem Husarenstück wurde Voser zum starken Mann der ABB. Viele sahen in ihm den neuen Konzernchef, doch dem damaligen ABB-Präsidenten Jürgen Dormann wurde Voser zu mächtig. Er überging ihn und holte Fred Kindle; Voser verliess ABB nach nur zwei Jahren.

Gestern, ziemlich genau zehn Jahre nach seinem Abgang, teilte ABB mit, Peter Voser solle an der Generalversammlung im April zum Verwaltungsratspräsidenten gewählt werden. Für Voser ist diese Rückkehr nicht nur wegen seiner eigenen ABB-Vergangenheit emotional: Sein Vater arbeitete für die Vorgängerfirma BBC – als Montagechef. Und auch Vosers Ehefrau stammt aus einer BBC-Familie.

Statt wie in den letzten Jahren als Chef des Erdölkonzerns Shell, wo er seine Büros in London und Den Haag hatte, wird sich Voser künftig häufig in Baden und Zürich aufhalten. Dieser Region – heute wohnt Voser in Widen – blieb er stets verbunden, obwohl er seine Karriere mehrheitlich im Ausland verbrachte und auch seine Kinder die ersten 15 Jahre im Ausland aufwuchsen (dann aber in der Schweiz studierten). Auf dem Mutschellen fühlt sich Voser wohl, auf seinen Managerjob werde er nur selten angesprochen, sagte er der «Schweiz am Sonntag»: «Ich fühle mich als normaler Einwohner und habe den Eindruck, dass ich auch als solcher wahrgenommen werde.»

Zusammen mit seiner Frau hat Voser zwei Töchter (32- und 30-jährig) und einen Sohn (27). Am Familientisch wurde immer viel diskutiert, auch über den Umweltschutz: «Da kann es auch mal kontrovers zu- und hergehen», so Voser. «Solche Auseinandersetzungen braucht es in der Familie und ebenso im Unternehmen». Voser verbrachte zwar sein halbes Leben bei Shell – auch in Argentinien und Chile. Aber er betonte immer wieder, dass er ökologisch aufgeschlossen ist. So hat er bei seinem 30 Jahre alten Haus die Wärmedämmung verbessert. Brisant ist seine Haltung zur Atomenergie: Anders als Bundesrätin Doris Leuthard und die Mehrheit des Parlaments ist Voser gegen den AKW-Ausstieg.

Die Laufbahn des «mächtigsten Schweizer Wirtschaftsführers» («Bilanz») begann in Spreitenbach, wo er bei einer Regionalbank das KV machte. Danach absolvierte er die Fachhochschule für Wirtschaft (HWV) in Zürich. Voser wird oft als Beispiel dafür genannt, dass man es auch als Lehrling und ohne Uni-Abschluss ganz nach oben bringen kann. Er selbst erklärt sein Erfolgsrezept so: «Jeden Tag das Beste geben, konstante Weiterbildung im Job – und Glück.»

Seine Karriere hätte aber auch anders verlaufen können: Als Bub träumte er davon, Fussballer zu werden. Beim FC Wettingen und beim SV Würenlos spielte er bis in die 2. Liga – als Verteidiger und Mittelfeldstürmer. Sport ist ihm heute noch wichtig, wenn immer möglich, geht er in die Berge, zum Skifahren oder Wandern, am liebsten ins bündnerische Falera: «Dort laden sich meine Batterien auf.»

Der Schreibende hat mit Peter Voser mehrere Interviews geführt, und immer zeigte sich: Der Topmanager lässt sich mit keiner Frage und keinem Thema aus der Ruhe bringen. Wortkarg wird er jedoch, wenn man ihn auf die UBS anspricht, bei der er 2005 bis 2010 im Verwaltungsrat sass – also zur Zeit, wo der Staat die Bank retten musste. Er bereue dennoch nicht, das Mandat angenommen zu haben: «Das entspricht nicht meiner Lebensphilosophie.» Seit 2011 ist Peter Voser Verwaltungsrat beim Basler Pharmakonzern Roche.

Dass er nun für das ABB-Präsidium überhaupt verfügbar ist, hat Voser seiner Familie zu verdanken: Ihretwegen trat er nämlich Anfang 2014 als Shell-Chef zurück. Dieser CEO-Job wäre mit einem VR-Präsidium nicht vereinbar gewesen. Voser sagte damals, er wünsche sich mehr Zeit und Ruhe für seine Familie und sein Privatleben. Anders als 2002 ist ABB heute, bei seinem Comeback, gut aufgestellt. Und doch dürfte es mit der Ruhe für den umtriebigen Peter Voser vorbei sein.