Weite Gasse

Der weite Weg zur neuen Flaniermeile: Das sagen Badener Gewerbler zur neuen Situation

Der motorisierte Verkehr wurde verbannt, die Weite Gasse gehört nun wieder den Zweibeinern und -rädern.

Der motorisierte Verkehr wurde verbannt, die Weite Gasse gehört nun wieder den Zweibeinern und -rädern.

Die Weite Gasse ist seit zwei Monaten busfrei, die Haltestelle soll verschwinden. Wie bewerten die Gewerbler die neue Lage?

Manche Badener haben sich wohl noch nicht umgewöhnt: Sie laufen noch immer auf den ehemaligen Trottoirs der Weiten Gasse, obwohl ihnen die komplette Breite der Strasse zur Verfügung stünde. Erst seit dem letzten Fahrplanwechsel der Regionalen Verkehrsbetriebe Baden-Wettingen (RVBW) Mitte Dezember ist die Weite Gasse verkehrsfrei. Die Linie 5 wird seitdem durch den «Blinddarm» geführt, nun dürfen nur noch Anwohner und einige wenige Lieferfahrzeuge die Weite Gasse befahren. Ansonsten gehört sie nun wieder den Zweibeinern und -rädern.

Die Weite Gasse war einst die Marktstrasse der Stadt, wurde später zur Hauptverkehrsader und seit den späten 1960er-Jahren sukzessive verkehrsberuhigt. Mit der Verbannung des motorisierten Verkehrs kann sie nun wieder ganz zur Marktgasse werden. Viele anliegende Geschäftsführer freuten sich, dass eine neue Flaniermeile entstehen könnte. Doch bei einigen Ladenbesitzern war die Sorge gross, dass mit dem fehlenden Busverkehr die Kunden ausbleiben könnten. Wie fällt nun nach fast zwei Monaten die Bilanz der Läden aus?

In der Schwanen-Apotheke , einem der ältesten Geschäfte in der Stadt, schwärmt Geschäftsführer Thomas Strasky davon, dass die Atmosphäre in der Weiten Gasse angenehmer wurde: «Die Kundschaft hat bisher nicht abgenommen, nur weil der Bus nicht mehr fährt. Im Januar ist sowieso weniger los.» Die verbliebene Linie 5 habe letztlich gar nicht mehr wirklich Kundschaft in die Weite Gasse gebracht, die «wichtigen» Buslinien verkehren schon seit längerem nicht mehr durch die Gasse. Strasky: «Wir warten jetzt darauf, dass der Platz gefüllt wird. Da ergeben sich einige Gestaltungsmöglichkeiten.»

Auch auf der anderen Strassenseite, bei der Metzgerei Müller, ist kein Kundenrückgang spürbar. «Wir haben viel Stammkundschaft», sagt Thomas Müller. Der Geschäftsführer der Metzgerei war immer ein Vorkämpfer für eine verkehrsfreie Weite Gasse: «Bei schönem Wetter im Sommer wird hier sicher eine schöne Flaniermeile entstehen, davon werden wir profitieren.» Lediglich die Velofahrer, die weiterhin durch die Weite Gasse «rasen» und die Fussgänger gefährlich streifen, stören ihn. Ein Velo-Verbot für die Gasse wurde bereits im vergangenen Herbst diskutiert. «Es wäre vernünftig, wenn die Velofahrer ihr Tempo der Fussgängerzone anpassen», so der Metzgermeister.

Hoffnung auf eine attraktive Fussgängerzone

Kovats Optik siedelte vor anderthalb Jahren in die Weite Gasse um. «Bisher merkt man noch keinen Unterschied. Aber schlechter wurde es sicher nicht. Wenn dann Tische draussen stehen und die Leute hier essen und trinken können, wird das eine riesige Aufwertung der Strasse», sagt Geschäftsführer Gabor Kovats. Er glaubt, dass dank der Bushaltestellen Linden- und Schulhausplatz sowie der Cordulapassage nun wieder mehr Menschen von dieser Seite in die Weite Gasse kommen.

Das sieht Michael Längle, Inhaber von Lüscher Wohnen, anders. Zwar möchte auch er noch kein abschliessendes Fazit ziehen. Aber seine Meinung ist bekannt: Er galt unter den Geschäftsführern in der Weiten Gasse als «einsamer Kämpfer» für den Verbleib der Busverbindung. «Der Bus hat eben nicht nur Leute aus der Stadt raus-, sondern auch reingebracht. Gerade ältere und bewegungsbeeinträchtigte Leute nehmen nun bestimmt seltener den Weg vom Bahnhof bis in die Altstadt jenseits des Stadtturms auf sich», glaubt er.

Weniger Umsatz, weil der Bus fehlt

Längles Einrichtungsgeschäft ist schliesslich vom Verschwinden der Buslinie mehr betroffen als andere Geschäfte. Lüscher Wohnen liegt am Ende der Weiten Gasse Richtung Cordulapassage. Direkt vor dem Schaufenster verwaist die Bushaltestelle «Weite Gasse» und verbirgt die Sicht auf den Laden. «Auf was soll man da noch warten, wenn kein Bus kommt?», sagt Michael Längle und lacht. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite, beim Reformhaus Müller, tönt es ähnlich. «Unsere Kundschaft besteht mehrheitlich aus älteren Personen. Die schleppen doch nicht ihre Einkaufstaschen durch die ganze Stadt. Wir haben weniger Kunden, seit der Bus nicht mehr fährt», berichtet die Verkäuferin Marisa Dizani.

Die RVBW-Sprecherin Marija Nikolova teilt tatsächlich auf Anfrage mit, dass die Verkehrsbetriebe die Bushaltestelle in naher Zukunft abmontierten wollen. Somit kann der neugewonnene Platz auch wieder von der Stadt Baden genutzt werden. René Zolliker von der Abteilung Planung und Bau stellt eine Neugestaltung in Aussicht. Der Baum soll erhalten bleiben, ebenso sollen weiterhin Sitzgelegenheiten vorhanden sein.

Michael Längle findet zudem, dass das Trottoir, das vor sieben Jahren extra für den ebenerdigen Einstieg in den Bus errichtet wurde, nun ein gefährlicher Stolperstein sei. Eine Höhenangleichung des Platzes zur Weiten Gasse ist gemäss René Zolliker für den Moment allerdings zu teuer. Ob die Gasse dann auch wirklich zur neuen Badener Flaniermeile werden kann, wird sich frühestens im Frühling zeigen.

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