Coiffeur Antonio Suppa (70) lächelt, als er seinem Kunden, Peter Singer (86), den Spiegel hinhält. Er, den alle nur «Tony» nennen, lässt sich nichts anmerken. Dabei steht er vor einem grossen Schritt. Heute Samstag schliesst der Salon Tony an der Haselstrasse in Baden für immer. Um 12 Uhr ist Schluss.

Tony kann dann auf über 55 Jahre Haareschneiden zurückschauen, 49 davon verbrachte der gebürtige Italiener in Baden. Diese Woche kamen Stammgäste wie der pensionierte BBC-Spediteur Singer noch einmal vorbei. Sie brachten Wein, Champagner und Olivenöl als Abschiedsgeschenke.

Er schnitt dem Sohn des BBC-Gründer die Haare

Die Betriebsamkeit der letzten Tage erinnert Tony an die Zeiten, als die BBC-Arbeiter vor seinem Salon Schlange standen. An den drei Frisierstühlen arbeiteten Tony und seine Angestellten wie am Fliessband. Zu ihm kamen nicht nur die Arbeiter der nahe gelegenen Elektrotechnikfirma.

Eine seiner liebsten Anekdoten handelt von Walter Boveri, dem Sohn und Nachfolger des gleichnamigen BBC-Gründers. Boveri habe sich bei Tony einmal die Haare schneiden lassen. Als Tony ihm ein Café empfahl, das auch den Ansprüchen der Italiener genügte, habe dieser abgewinkt. Im Migros-Restaurant sei der Kaffee schliesslich 20 Rappen billiger. «Von den Reichen lernt man sparen», lacht Tony. Auch er hat gespart. Er wohnt in Turgi im eigenen Haus.

Hose runter an der Grenze

Diesen Sonntag wird Tony 71 Jahre alt. Die verspätete Pensionierung ist sein Geburtstagsgeschenk. In die Schweiz kam der Sohn kalabrischer Landarbeiter im Alter von 17 Jahren. Er erinnert sich genau. «Am 8. Februar 1965 um zehn vor elf kam ich am Hauptbahnhof Zürich an», sagt er, ohne eine Sekunde nachzudenken. Sein erster Eindruck von der Schweiz war der Schnee. Er türmte sich immer höher, je mehr der Zug sich den Alpen näherte. In seinem Heimatdorf San Pietro a Maida, ganz unten im italienischen Stiefel, gab es so etwas nicht.

Die erste Begegnung mit Schweizern war für Tony unangenehm. Polizisten holten ihn und die anderen Italiener in Chiasso aus dem Zug. Die jungen Männer, die zum Arbeiten in die Schweiz fuhren, mussten sich in einer Reihe aufstellen und zur ärztlichen Untersuchung antreten. Vor einem Tessiner Arzt musste er die Hose runterlassen. «Grenzsanitarische Untersuchung» hiess die Prozedur, mit der die Schweizer Behörden sicherstellen wollten, dass nur gesunde Arbeitskräfte ins Land kamen.

Einreisen durfte zudem nur, wer einen Arbeitsvertrag vorweisen konnte. Den hatte Tony. Seine drei älteren Brüder, die vor ihm schon in der Schweiz ihr Glück versuchten, hatten ihm eine Stelle im Restaurant Frohsinn in Dietikon organisiert. Für Tony hiess das, nicht nur von der Heimat, sondern auch von seinem Traumberuf Abschied zu nehmen.

Denn Tony hatte in seinem Dorf bereits einen eigenen Coiffeur-Salon. Sein Lehrmeister hatte sich Richtung Schweiz verabschiedet, als Tony 15 war. Er hinterliess ihm sein kleines Geschäft unter der Bedingung, dass er es zurückhaben könne, falls es ihm in der Schweiz nicht gefalle. Es gefiel dem Lehrmeister. Heute hängt ein Schwarz-Weiss-Foto von damals in Tonys Salon. Der Stolz war gross, der Verdienst war klein. Also schickten die Eltern ihn zu seinen Brüdern. Wie Tony reisten Hunderte aus der armen Gegend in die Schweiz.

Im «Frohsinn» in Dietikon musste Tony Teller waschen und Böden schruppen. «Es isch mühsam gsi», sagt Tony in seinem Italo-Schweizerdeutsch. Er fand bald eine Stelle im Restaurant Feldschlösschen an der Zürcher Bahnhofstrasse. Als fliegender Verkäufer hielt er Bretzel und Zigaretten feil.

An seinem freien Tag schnitt er bei einem Italiener im Langstrassenquartier Haare. «Ich arbeitete für Trinkgeld, nur um mein Handwerk nicht zu verlernen», erinnert sich Tony. Eine richtige Stelle als Coiffeur zu finden, erwies sich als schwierig. Nach einer kurzen Episode im Zürcher Oberland musste er zurück nach Italien, um Militärdienst zu leisten. Vom Schweizer Geld kaufte er sich eine Vespa und beeindruckte damit die Mädchen im Dorf. Er verliebte sich in Franca. Die beiden heirateten schnell.

Schwarzenbach ging um

Tony fand 1969 eine Stelle in Baden. Als Franca und er nach Wettingen zogen, wo ihre erste Tochter zur Welt kam, hatte sich die Situation für Italiener in der Schweiz verändert. James Schwarzenbach hetzte gegen die «braunen Söhne des Südens», wie er Leute wie Tony nannte. Der Populist der «Nationalen Aktion» traf beim Volk einen Nerv. Im Juni 1970 erreichte seine «Überfremdungsinitiative» mit 46 Prozent Ja-Stimmen einen Achtungserfolg. Sieben Kantone stimmten zu. Der Aargau hielt allerdings zu seinen damals rund 50 000 Italienern.

Als sich Tony in den 1990er Jahren einbürgern liess, fragte man ihn nach Schweizer Bergen. Er kannte sie nur aus den Erzählungen seiner Kunden. Den Salon, der mittlerweile ihm gehörte, hielt er eisern auch an Weihnachten und in der Altjahrswoche offen. Brückentage kannte er nicht. Für manchen Badener wurde er ein Begleiter fürs Leben.

Es kam vor, dass er ins Kantonsspital ausrücken musste, weil Stammgäste nach ihm verlangten, die im Sterben lagen. Tony schnitt sein Leben lang nur Männerhaare. Da machte er nicht einmal bei seinen Töchtern Elisa und Romina eine Ausnahme. Elisa Suppa (47) führt heute einen Coiffeursalon an der Badstrasse, Romina (39) ist Juristin und Gemeinderätin von Turgi.

Kunde Peter Singer, der sich bei Tony Pietro nennt, ist mit seinem letzten Schnitt zufrieden. Er schüttelt Tony die Hand, holt sein Schulitalienisch hervor und sagt: «Grazie mille per tanti anni di servizio.» Jetzt übernimmt ein Afghane das Geschäft und die Geschichte eines Einwanderers, der Haare schneidet, beginnt von vorn.