Quartiere in Baden (6)

Der Kappelerhof ist Badens unterschätzte Schönheit

Das nördlichste Quartier der Stadt Baden ist eines der vielfältigsten. Zusammenhalt wird hier grossgeschrieben. Mit dem Brisgi-Areal gibt es im «Kappi» zudem ein ganz besonderes Stück Badener Geschichte.

Der Kappelerhof ist ein besonderer Badener Stadtteil. Das Quartier gleicht einem lang gestreckten Band, das – mal breiter, mal schmaler – zwischen der Limmat und dem Wilerberg liegt. Der kleine weisse Fleck auf der Karte gehört zur Gemeinde Turgi. Von der Stadt ist der «Kappi» abgetrennt durch den Felskopf am Martinsberg. Böse Zungen in der Stadt behaupten, hier scheine nie die Sonne. Und überhaupt hat das Quartier bei manchen Badenern nicht den besten Ruf. Ein Spaziergang durch den Kappelerhof zeigt: völlig zu Unrecht.

Hier scheint sehr wohl die Sonne, auch wenn sie im Winterhalbjahr früh hinter dem Martinsberg untergeht. Und kaum ein Badener Stadtteil hat ein so aktives und buntes Quartierleben wie der Kappi. Der Kappelerhof ist auch eines der Badener Quartiere, die baulich am stärksten im Wandel sind. Hier werden Siedlungen saniert und verdichtet, mit Bedacht neue Häuser gebaut und gleichzeitig althergebrachte Traditionen hochgehalten. Der Quartierverein ist einer der ältesten und aktivsten in der Stadt.

Wir treffen für unseren Rundgang Loredana Ventre, die seit über 20 Jahren eine Spielgruppe im Kappi führt und sich im Quartierverein ebenso wie im Pfarreirat engagiert, und Maurizio Savastano, seit kurzem Präsident des Quartiervereins. Der erste Eindruck an der Bruggerstrasse täuscht. «Man ist hier im Kappi immer mitten im Grünen. Es ist still, sobald man ein paar Meter von der Bruggerstrasse weg ist», sagt Loredana Ventre. «Und man braucht eigentlich nie das Auto, man kann alles zu Fuss oder mit dem Velo machen im Quartier.» In der Tat: In den Quartierstrassen hört man jetzt im Mai kaum etwas, ausser Kinderlachen und das Zwitschern der Vögel.

Aus der Not eine Tugend

Der Verkehr ist ein wichtiges Thema hier. Die Bruggerstrasse als viel befahrene Kantonsstrasse und die SBB-Bahnlinie zerschneiden den ganzen Kappelerhof in zwei Hälften. Während die Mehrheit der Kappelerhöfler oberhalb der Verkehrsachse lebt, liegen der Roggebode mit dem idyllischen Kappisee und das Brisgi wie zwei kleine Quartiere für sich unterhalb der Gleise an der Limmat. Zum regionalen Verkehrskonzept Oase, mit dem die Stadt Baden entlastet werden soll, sagt Maurizio Savastano: «Das geht auch zulasten unseres Quartiers.»

Denn: Die geplante Tunneleinfahrt würde beim Brückenkopf der Siggenthaler Brücke liegen.
Ein anderes Thema, das kurzfristig die Gemüter bewegt hat, wurde bald zu einer schönen Erfolgsgeschichte: Im ehemaligen Hotel La Cappella wohnten ab dem Sommer 2017 bis zu 80 Asylsuchende. Die Freude war nicht unbedingt gross über die kantonale Asylunterkunft mitten im Quartier. Doch die kritischen Stimmen verstummten bald. Noch im selben Herbst gründeten Freiwillige unter der Federführung von Battal Kalan den «K-Treff». Zahlreiche engagierte Kappelerhöfler und die Mitglieder einer Begleitgruppe arbeiteten mit den neuen Quartierbewohnern zusammen, die aus Syrien, Eritrea oder Afghanistan hierherkamen.

Sie gaben unentgeltlich und mit viel Herzblut Deutschunterricht, Fussballtraining, machten Hausaufgaben und Spiele mit den Kindern, kochten gemeinsam Essen. Die Asylsuchenden wurden zu den Quartierfesten eingeladen und arbeiteten dort tatkräftig mit.
Battal Kalan, der als 14-Jähriger aus Kurdistan in die Schweiz kam, engagiert sich seit über zehn Jahren für Flüchtlinge. Der studierte Wirtschaftswissenschafter und Erwachsenenbildner sagt: «Unser Verein ist in aller Stille entstanden. Integration ist eine zweiseitige Angelegenheit. Man muss einander zuhören und die Menschen auch mitbestimmen lassen.»

Das K in K-Treff steht für Kappi, für Kommunikation und Kooperation. Der Verein ist selbsttragend und ist froh um jede Unterstützung. Das alte Hotel soll demnächst abgerissen werden. Seit die Asylunterkunft aufgehoben worden ist, gibt es im Quartiertreffpunkt beim Schulhaus unter anderem ein Begegnungscafé. Der K-Treff lebt hier weiter. Im Sommer 2018 gab es ein grosses «Kappi-Food-Festival», für das die Asylsuchenden und die Einheimischen die Gerichte ihrer Heimat kochten. «Das war ein schönes Fest. Bei uns im Kappi wird gern geschlemmt», sagt Quartiervereinspräsident Savastano lachend.

Im Kappelerhof leben derzeit ziemlich genau 3000 Menschen. Die Stadt Baden unterscheidet dabei in ihrer Statistik den unteren, westlichen und den oberen, östlichen Kappelerhof. Im oberen Teil ist die Bevölkerungsdichte etwas geringer als im unteren. Hier entstanden nach 1905 prächtige Wohnhäuser und Villen, nachdem Adolf Schnebli seine Biskuitfabrik vom Gstühl hierher verlegte. Nach der Stilllegung wurde die Fabrik 1976 abgerissen. Zwei Jahre später entstanden dafür die gelben Reihenhäuser am Chilemattweg und ein Mehrfamilienhaus an der Bruggerstrasse. Ein paar Meter weiter erinnert die Kräbelistrasse bis heute an die berühmte Badener Guetzlifabrik.

Wie der «alte» Kappi aussah, daran erinnert sich Martha Sieber, geborene Meier, sehr gut. Die 84-Jährige ist Ehrenmitglied des Quartiervereins und eine Ur-Kappelerhöflerin. Bis auf ein Jahr im Welschland hat die Künstlerin zeitlebens im Quartier gewohnt. Sie ist auf dem Bauernhof Meier aufgewachsen, später lebte sie lange mit ihrem Mann, alt Staatsschreiber Josef Sieber, am Eulenweg. Er ist in der Weiten Gasse aufgewachsen, jetzt wohnt das Ehepaar in einer neuen Wohnung an der Bruggerstrasse. In dem Haus, wo früher die Teigwarenfabrik Strittmatter und später die Bettfedernfabrik stand. «Ich habe mich hier immer wohlgefühlt», erzählt Martha Sieber mit leuchtenden Augen in ihrer Stube. «Es ist so schön, in der Nacht das Lichtermeer im Siggenthal zu sehen.»

Das erste Telefon

Sieber erzählt, wie sie als Kind vier Mal am Tag zu Fuss, später mit dem Velo, zur Schule in die Stadt und zurück mussten. Es ging jedes Mal durch das beeindruckende BBC-Areal, vorbei an den Massen von velofahrenden Arbeitern. Sie besuchte zuerst das St.-Ursus-Schulhaus, später das «Alte Schulhaus» am Schulhausplatz, das heutige Bezirksgebäude. Martha Sieber erinnert sich auch, wie ihr Vater mit dem Milchwagen durchs Quartier fuhr und wie Bäcker Büechi mit seinem Dreiradwagen mit Hupe das Brot ausfuhr.

«Wir waren sieben Kinder daheim und hatten das erste Telefon im unteren Kappelerhof, erzählt sie. «Wir mussten dann jeweils die Nachbarn holen, die auf unserem Anschluss Anrufe erhielten.» Ein bisschen Angst habe sie als Kind nicht etwa vor den italienischen Gastarbeitern gehabt, sondern vor dem Feldmauser Bolliger. Das Leben im Quartier sei immer wunderbar gewesen: «Ich bin eine begeisterte Chappelerhöflerin», sagt Martha Sieber und lächelt.
Viele schöne Erinnerungen hat auch Pater Josef Ambühl, der 1967 als Seelsorger ins Quartier kam – und 14 Jahre blieb. Er las nicht nur Messen in der Kapelle, sondern prägte das Quartier nachhaltig.

Der 81-Jährige ist ebenfalls Ehrenmitglied des Quartiervereins und ist im Ruhestand wieder ins Wohnhaus der Redemptoristen-Gemeinschaft neben der Kapelle Mariawil zurückgekehrt. Hier ist es still, die Frühlingssonne scheint durch die Fenster. Pater Ambühl hat 1968 mit den Jugendlichen im Quartier den «Kreis der Jungen» (KDJ) ins Leben gerufen: «Wir wollten keine fromme Gruppe sein, sondern ein aktives Quartierleben fördern», sagt Pater Ambühl.


Das gelang: Es gab Vortragsabende, Ausflüge, den Fasnachtsball in der Turnhalle, zu dem manchmal bis zu 800 Leute kamen. Oder die legendären Ferienlager im Sommer – und im Winter eine Eisbahn auf dem Sportplatz. Eine bleibende Erinnerung ist auch die KDJ-Hütte am Waldrand, die 1970 von den Jungen eigenhändig gebaut wurde. Sie ist bis heute ein beliebter Treffpunkt im Kappelerhof.

Ein Hauch von Welt im Brisgi

Es gibt viel zu entdecken in diesem Quartier voller versteckter Idyllen und spannender Menschen. Wir beenden unseren Rundgang im Brisgi. Auf dieser Terrasse über der Limmat stehen heute das Hochhaus und die beiden «Punkthäuser» aus den Sechzigerjahren. Daneben baut die Stadt Baden bald neue Genossenschaftswohnungen. Rund 570 neue Kappelerhöfler könnten hier einziehen. Es gab Zeiten, da lebten im Brisgi bis zu 1500 Gastarbeiter in der Barackensiedlung der BBC. Die ersten Gastarbeiter aus Italien kamen ab 1947, als die BBC florierte und dringend Arbeitskräfte brauchte. Die Baracken für die Männer standen im Brisgi, die Unterkunft der Frauen war in Rieden.

Von der Arbeitersiedlung ist fast nichts mehr übrig, bis auf die kleine, hübsche Kapelle und die Waschtröge, aus denen jetzt Blumen wachsen. Margherita Spica-Gaiffi ist hier mit drei Geschwistern in einem separaten Holzhaus aufgewachsen. Sie wohnt zwar schon länger in Rütihof, aber sie pflegt das kleine Gotteshaus bis heute. «Die Kapelle war eine Herzensangelegenheit meiner Mutter», sagt sie. Im Juni, rund um den Geburtstag von Olga Gaiffi, wird hier jeweils eine Messe unter freiem Himmel gelesen.

Margherita Spicas Eltern Olga und Angelo Gaiffi waren Herz und Seele der Barackensiedlung. «Mein Vater war in Laufenburg aufgewachsen, meine Mutter kam als Köchin aus der Provinz Bergamo nach Baden», erzählt sie. «Er war im Brisgi Verwalter, Friedensrichter, Postbüro und Sheriff gleichzeitig. Sie führte die Kantine.» Das Brisgi war damals wie eine Stadt in der Stadt – mit einem Hauch von grosser, weiter Welt.

Spica erinnert sich, wie die Direktoren von BBC Mannheim zu ihnen zum Essen kamen, wenn sie geschäftlich am Hauptsitz in Baden zu tun hatten. «Das Essen bei uns war legendär. Immer wieder sah man auch Badenerinnen im Brisgi, die ein Auge auf die schönen Italiener warfen», erinnert sich Spica und lacht. Sie habe hier eine wunderbare Kindheit gehabt, auch wenn die Eltern so viel arbeiteten, dass sie den Kindern bisweilen fehlten. «Manche Badener sprachen verächtlich vom ‹Tschinggen-Lager›. Wir waren zwar Aussenseiter, aber uns hat das nicht gekümmert», sagt Margherita Spica. «Wir fühlten uns hier im Brisgi immer vögeliwohl.»

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