Abt Anselm van der Linde verspätet sich, er müsse noch mit Rom telefonieren, sagt sein Verwaltungsleiter. Kurzes Warten in der Klosterbibliothek der Abtei Wettingen-Mehrerau bei Bregenz. Hier leben die Nachfolger der 1841 aus dem Kloster Wettingen vertriebenen Mönche. Am Sonntag reist Abt Anselm mit dem Orden aus Bregenz an.

Mit einem Gottesdienst in der Klosterkirche Wettingen feiern sie das 500-Jahr-Jubiläum der Wiedereinweihung des Klosters. Dieses war bei einem verheerenden Brand 1507 zu grossen Teilen zerstört worden. Zehn Jahre danach wurde es erneut eingeweiht.

Abt Anselm öffnet die Tür, ein Schweizer Sennenhund stürmt in die Bibliothek. Gemächlichen Schrittes folgt der Abt. Seit 2009 leitet er die Abtei Wettingen-Mehrerau. Sein Hund Nelson ist immer an seiner Seite.

Abt Anselm, zur Jubiläumsfeier der Wiedereinweihung des Klosters Wettingen reist der gesamte Orden aus Bregenz an. Hatten die Mönche nie den Wunsch, ganz heimzukehren?

Anselm van der Linde: Vor 20 oder fast 30 Jahren gab es eine Initiative, dass eine kleine Gruppe von Mönchen zurückkehrt. Aber die Konventgebäude sind von der Kantonsschule besetzt. Es hätte für uns gar keinen Platz.

Sie sind der 53. Abt von Wettingen. Würden Sie in Wettingen leben wollen?

Ich fühle mich in der Mehrerau zu Hause. So schön das Kloster Wettingen ist, liegt es doch sehr eingeengt zwischen Autobahn und Bahnlinie. Wir hätten niemals diese Weitläufigkeit wie hier am Bodensee. Ich betone aber stets, dass ich Abt von Wettingen bin, und es erfüllt mich mit Stolz. Wir sind quasi ein Aargauer Kloster im Exil.

Wie stark ist der Orden mit Wettingens Bevölkerung noch verbunden?

Die Verbundenheit mit Wettingen und dem Kloster ist seit den 1970er-Jahren wieder stark gewachsen. Alt Gemeindeammann Lothar Hess und der damalige Abt Kassian gründeten in jenen Jahren den Verein «Freunde des Klosters Wettingen», zu welchem ich engen Kontakt pflege. Zudem mache ich in Wettingen die Firmungen.

Nicht nur der Orden lebt im Exil. Das Leben in der Fremde scheint auch Ihr Schicksal zu sein. Geboren und aufgewachsen sind Sie in Südafrika. Wie landet ein Südafrikaner mit 23 Jahren in einem Aargauer Kloster in Österreich?

Eigentlich hatte ich in Pretoria bereits den Weg als Diplomat eingeschlagen. Ich studierte Politikwissenschaft, internationales Recht und besuchte die Diplomatenakademie. Gleichzeitig spürte ich meine Berufung zum geistlichen Leben und las viel über die Zisterziensermönche. Ich war fasziniert von ihren Leistungen in Europa. Mithilfe eines Pfarrers in Pretoria habe ich die Zisterzienserklöster in Europa angeschrieben, doch nur Mehrerau hat geantwortet. Ich sehe darin auch die Fügung Gottes. Ich musste einfach hierherkommen.

Was hat Sie bei Ihrem Eintritt ins Kloster besonders beeindruckt?

Die Geschichte des Klosters an und für sich. Dass sieben Mönche ihre letzten Kräfte bündelten und dieses Kloster aus einer Ruine heraus geschaffen haben. Aber auch überraschende Details wie die Originalpartitur der Schweizer Nationalhymne von Alberich Zwyssig, die hier im Kloster aufbewahrt wird. Oder, dass Kaiser Franz Josef 1881 unser Gästebuch eröffnet hat.

Wie gut kennen Sie als Abt von Wettingen die Gemeinde und den Aargau?

Ich muss gestehen, dass ich ausser dem Limmatufer und den Wettinger Pfarrgemeinden St. Sebastian und St. Anton den Aargau kaum kenne. Leider habe ich nie viel Zeit, um Ausflüge zu unternehmen, wenn ich in Wettingen bin.

Mit gerade mal 38 Jahren wählte Sie der Orden zum Abt des Klosters. War das nicht eine grosse Herausforderung, quasi als CEO eines ganzen Klosters zu amten?

Doch sehr. In den 40 Jahren vor mir leitete Abt Kassian das Kloster. Mit meinem Amtsantritt brach auch eine neue Zeit an. Ich begann, unser Privatgymnasium wieder auf eigene finanzielle Beine zu stellen. Wir haben in einem ersten Schritt das Gymnasium für Mädchen geöffnet. Das Spannende ist, dass wir ja eine Fussballakademie haben, und dort sind jetzt einige Mädchen mit dabei. Das hat den Fussballverband Vorarlberg gezwungen, sich für Mädchen zu öffnen und eine Frauenmannschaft aufzustellen. Da haben wir eine Vorreiterrolle gespielt.

Die Haupteinnahmequelle des Klosters ist die Tischlerei, die über die Region hinaus bekannt ist, was ist ihr Erfolgsrezept?

Es ist ein Vorzeigebetrieb in der Region und bekannt für die Kücheneinrichtungen nach Mass. Wir exportieren beispielsweise auch nach Israel und Frankreich. Unser jetziger Tischlermeister ist sehr engagiert und hat den Betrieb stark ausgebaut.

Nicht nur das Kloster Wettingen hat gebrannt, auch im Kloster Mehrerau kam es zu einem Brand: 2012 ist die Tischlerei bis auf die Grundmauern niedergebrannt ...

... Ja, genau, aber wir hatten in jener Nacht riesiges Glück. Wenn ein Funke auf den Landwirtschaftsbetrieb mit dem Strohlager übergesprungen wäre oder der Wind in eine andere Richtung geweht hätte, hätte man nichts mehr machen können. 120 Feuerwehrleute standen im Einsatz.

Abt Anselm ist im Kloster oft mit seinem Hund "Nelson" unterwegs.

Abt Anselm ist im Kloster oft mit seinem Hund "Nelson" unterwegs.

Das Feuer war nicht die einzige Krise. Sie waren erst ein Jahr Abt, als das Kloster 2010 mit Missbrauchsklagen von ehemaligen Schülern des Gymnasiums konfrontiert wurde. Wie gingen Sie damit um?

Die Fälle ereigneten sich noch vor meinem Eintritt ins Kloster, teilweise bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren. Die letzten Fälle waren Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre. Ein Mönch kam ins Gefängnis, doch einige der beschuldigten Padres waren bereits verstorben oder zu alt, um ins Gefängnis zu gehen. Ich musste das Kloster also in einer Sache vertreten, die ich selber nie erlebt hatte, und die Gerichtsprozesse und die mediale Aufmerksamkeit haben mich sehr viel Energie und Kraft gekostet.

Sie waren einer der einzigen betroffenen Kirchenvertreter, die von sich aus an die Öffentlichkeit gingen. Woher kam Ihre Initiative?

Ich war nicht bereit, einen Weg der Vertuschung zu gehen und so zu tun, als ob nichts gewesen wäre. Tatsächlich bin ich bis heute der einzige Bischof in Österreich, der von sich aus an die Öffentlichkeit gegangen ist. Ich habe die Opfer auch öffentlich aufgerufen, mich zu kontaktieren, um über das Geschehene zu sprechen.

Wie haben die Opfer reagiert?

Es sind viele von ihnen gekommen und haben lange mit mir gesprochen. Es waren gute Gespräche, die beiden Seiten geholfen haben. Lediglich drei Personen klagten gegen das Kloster und forderten sehr hohe Entschädigungssummen vom Kloster. Ich habe in der Folge eine Kommission zusammengestellt aus Psychologen, Ärzten, Lehrern und dem Sozialdienst Vorarlberg, die uns geholfen haben, einen Verhaltenskodex für die Schule auszuarbeiten. Wann immer in Zukunft etwas an dieser Schule geschieht, sei es sexueller Missbrauch, Gewalt oder Mobbing, haben wir Richtlinien, was zu tun ist.

Diese Fälle zogen sich über vier Jahre hin. Hinzu kam die Tragödie mit dem Feuer. Wollten Sie nie einfach alles hinschmeissen?

Doch, für mich waren diese Jahre eine Zerreissprobe, und da war ein kurzer Moment – ich war gerade in Rom –, als ich vom verheerenden Brand im Kloster erfuhr. Da sagte ich zum Herrgott, «also jetzt reicht’s. Du hast mir viele Prüfungen geschickt. Wenn noch was kommt, ist fertig.» Letztlich habe ich aber festgestellt, dass ich stärker bin, als ich dachte – obwohl ich sehr sensibel bin.

Was meinen Sie mit Zerreissprobe?

Ich war hin und her gerissen: Einerseits will ich nach dem Evangelium leben und den Opfern helfen, andererseits musste ich als «CEO» des Klosters die finanziellen Interessen verteidigen und damit die Existenz des Klosters sicherstellen.

In jenen Jahren wurden unzählige Missbrauchsfälle in kirchlichen Institutionen publik. Wie denken Sie über das Geschehene?

Wir, die Kirche, haben diese Schuld auf uns geladen, aber uns durch die Jahrhunderte moralisch unantastbar gegeben und dasselbe von den Menschen verlangt. Ich denke, die Kirche hat diese Demütigung gebraucht, um zu lernen, dass auch sie nicht erhaben ist.

Kirchenrechtlich sind Sie einem Bischof gleichgestellt und gehören der Bischofskonferenz von Wien an. Damit stehen Sie in Kontakt mit dem Papst und diskutieren mit ihm über solche moralischen Ansprüche. Welchen Weg soll die Kirche Ihrer Ansicht nach einschlagen?

Weniger Doktrin, weniger Autorität und mehr Nächstenliebe. Die Kirche sollte ihren Gläubigen eine einfache christliche Haltung vorleben, ohne dabei zu hohe moralische und ideelle Forderungen an ihre Gläubigen zu stellen.

Also ist Sex vor der Ehe und gleichgeschlechtliche Liebe in Ordnung?

Erstens muss jeder selber wissen, wie er sein Sexualleben handhabt, und nach seinem Gewissen urteilen. Zweitens denke ich, muss jeder Mensch die Erfahrung und Lehre machen, wie er mit seinem Körper umgehen möchte. Denn Sex kann Menschen auch kaputtmachen. Wenn beispielsweise ein Partner gegen seinen Willen unterdrückt wird. Letztlich ist das Sexualleben jedes Menschen etwas sehr Sensibles und Sensitives, das es zu respektieren gilt. Aber uns als Kirche steht es nicht zu, den Menschen vorzuschreiben, wie sie Sex haben sollen und mit wem.

Warum ist Sex immer noch so ein grosses Thema für die Kirche?

Weil es die letzte Machtbastion ist, welche die Kirche insbesondere in der westlichen Welt hat. Alle anderen, wie Bildung, Wohlfahrt oder Rechtsprechung hat der Staat übernommen. Die Kirche mit ihren hierarchischen Strukturen ist sehr schwerfällig, wenn sie aber den Menschen die Möglichkeit gibt, so zu leben, wie sie sind, dann fällt dieses letzte Machtinstrument.

Was geschieht, wenn diese letzte Bastion fällt?

Dann sind wir wieder die Kirche, die Jesus einst im Sinne hatte: Ein Volk Gottes auf der Suche nach dem rechten Weg. Als Christ, egal ob Tellerwäscher, Professor oder Bischof, keiner kann sagen, dass er immer 100 Prozent seines Glaubens sicher war. Jeder zweifelt, und deshalb ist der Glaube immer eine Suche nach dem rechten Weg. Wer oder was ist Gott, ist er überhaupt ein Wesen? Das sind die Fragen, mit denen wir uns beschäftigen müssen, und nicht, wie oft und wann man Sex haben soll. Oder ob man sich in einen Mann oder eine Frau zu verlieben hat.

Hat die Kirche in unserer Gesellschaft überhaupt noch so viel Macht über unser Denken?

Nicht unbedingt. Aber sie kann ein Spiegel der Gesellschaft sein und in diesem Rahmen eine Vorreiterrolle einnehmen, etwa wenn es um die Gleichberechtigung von Frauen und Männern geht. In der Bibel steht nirgends, Frauen dürfen nicht Pfarrer oder Bischof werden.

Das klingt nach einer Chance für die Kirche, wieder massentauglich zu werden.

In Europa wird das schwierig sein, weil der Rückgang viele Faktoren hat. Wir leben in einer anonymen Konsumgesellschaft, die das Bewusstsein für die reale Gemeinschaft verloren hat. Europa hat verlernt, als Gemeinschaft zu leben. Jeder schaut nur noch auf sich. Schauen Sie sich nur Facebook an.

Haben Sie ein Facebookprofil?

Nein, und das werde ich auch nie haben. Was da geschieht, ist pervers.

Was ist pervers an Facebook?

Man kann sich eine virtuelle Identität aufbauen, die mit der Realität nichts mehr zu tun hat. Wir schaffen uns eine Welt, die so gar nicht existiert. Das ist für mich das Perverse. Die sozialen Medien sind nicht sozial, sondern schaffen das Gegenteil: eine anonyme Unterhaltungsmaschinerie.

Die Kirche verliert in Europa aber nicht erst seit Facebook Mitglieder.

Natürlich gibt es weitere Faktoren. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind wir zu einer reichen Konsumgesellschaft herangewachsen. Und hier braucht es keine Kirche, denn es geht nur darum, sich seine eigene kleine schöne Welt zu erhalten.

Die Menschen brauchen also keinen Glauben mehr, der ihnen Halt gibt?

Doch, aber in Europa hat der Staat beziehungsweise der Sozialstaat diese Kompetenz übernommen. Der Staat eilt immer zu Hilfe, denken Sie nur an die geretteten Banken. Wir vertrauen auch naiv darauf, dass uns der Sozialstaat rettet, wenn etwas schiefläuft. Ich frage mich aber, ob ein solches System sich so noch lange halten kann oder ob das System überlastet und in sich zusammenbricht. Gerade in dieser Welt braucht es eine Kirche, die den Menschen Hoffnung und Halt gibt, damit sie sich selber helfen können.

Was muss die Kirche tun, damit das geschieht?

Sie sollte nicht mehr über Dinge entscheiden und urteilen, die sie nichts angehen, wie beispielsweise die Sexualität, und stattdessen den Menschen helfen, wieder zueinander zu finden und Gemeinschaft zu stiften, denn das ist die Kirche, die Jesus wollte.

Dazu braucht es aber auch den Willen der Menschen selber.

Zwingend, ja, jeder Einzelne sollte mehr Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Dadurch können die Menschen einander wieder mehr vertrauen. Und da sind wir wieder bei der Gemeinschaft, denn Gemeinschaft heisst auch, darauf vertrauen zu können, dass man sich gegenseitig hilft.

In der Abgeschiedenheit von Klöstern hoffen Menschen vermehrt dem Stress und Druck oder gar einem Burnout zu entfliehen. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Sie hat Potenzial. Denn für mich sind das die Klöster der Zukunft. Sie sollen Orte sein, wo Menschen zu sich und zu Gott finden können. Die Klöster werden also nicht aussterben.

Was macht Sie da so sicher?

Trotz Kriegen und Krisen ist die Kirche auch nach 2000 Jahren noch da.

Man könnte ketzerisch sagen, die Kirche hat ein gutes Businesskonzept.

Ja, aber Gott will diese Kirche und hält sie am Leben. Sonst wäre sie längst zugrunde gegangen. Denn wie überall gibt es auch in der katholischen Kirche Boshaftes und Sündiges. Aber das ist aus einer gläubigen Perspektive betrachtet. Für jemanden, der nicht gläubig ist, ist das Wirrwarr (lacht).