Gar so mancher eingefleischte «Wagnerianer» mag schockiert den Kopf schütteln: Die Ouvertüre zu «Die Meistersinger von Nürnberg» von einem Blasorchester gespielt. Mag sein, dass auf dem Grünen Hügel in Bayreuth eine Welt zusammenbrechen würde – das Publikum in der Mehrzweckhalle Brühl hat diese Interpretation von Richard Wagners 1868 uraufgeführten Oper am Sonntagabend aus vollen Zügen genossen.

Bekannte Motive, gespickt mit ungewöhnlichen Tönen, dazu fehlende Geigen und Violas – spannend ist das und hat definitiv seinen ganz besonderen Reiz. Jedenfalls wenn Flöten, Klarinetten, Fagotte, Trompeten, Hörner, Posaunen und weitere Holz- und Blechblasinstrumente mit Enthusiasmus und Können gespielt werden, wie das beim Blasorchester Gebenstorf, BOG, der Fall ist. Nicht von ungefähr hatte RichardWagener «Die Musik ist die Sprache der Leidenschaft» festgestellt.

Premiere für neuen Dirigenten

«Premiere», so der Titel des diesjährigen Neujahrskonzertes. Premiere hatten die Musikerinnen und Musiker unter Leitung ihres neuen Dirigenten Joachim Pfläging. Aus zahlreichen Bewerbern war der 50-jährige Deutsche als Nachfolger von Karl Herzog, der das BOG 24 Jahre lang geleitet hatte, gewählt worden. Seine Schweizer Premiere ist bestens geglückt. Die rund 40 Bläserinnen und Bläser – ergänzt durch Schlagwerk, Harfe, je zwei Celli und Bässe – haben unter Pflägings Stabführung ein anspruchsvolles Programm lustvoll und höchst präzise interpretiert.

Und es war ein sehr anspruchsvolles Programm. Nebst Georg Bizets «Ohrwurm»-Suite No.1 aus seiner packenden Oper «Carmen» , faszinierte auch «The Hounds of Spring» des 2005 verstorbenen amerikanischen Komponisten Alfred Reed: Zunächst wird darin dem Winter musikalisch tüchtig den Marsch geblasen, danach der Frühling von fröhlich-getragen bis übermütig willkommen zu heissen.

Ein besonders faszinierender und anspruchsvoller Höhepunkt des Abends war «Il Concerto» des 37-jährigen Spaniers Oscar Navarro Gonzales mit dem Klarinettisten Simon Stettler: Der Berner, der im Orchester bereits mehrfach mitgewirkt hat, brillierte diesmal als Solist sowohl durch Sensibilität, als auch Virtuosität. Beides zeichnete in diesem mitreissenden Wechselspiel zwischen dem Orchester und dem Solisten auch das BOG aus. Mal schwermütig-suchend, mal wild und kraftvoll, sind in diesem «Concerto» die spanische Seele mit dem darin tief verwurzelten Flamenco omnipräsent.

Als Dank für den frenetischen Beifall des beglückten Publikums spielte das BOG eine Serenade des Briten Derek Bourgeois als Dreingabe. Es ist zu hoffen, dass die Kollekte den Klingelbeutel weniger zum Klingeln, als zum Noten-Rascheln brachte: Das BOG-Neujahrskonzert 2019 hatte nicht nur klatschende, sondern auch monetäre Anerkennung mehr als verdient.