Kirchdorf, ein Ortsteil der Gemeinde Obersiggenthal, ist vergangene Woche unter kuriosen Umständen zum regionalen Politikum geworden. Der ehemalige Obersiggenthaler Einwohnerratspräsident Rainer Schumacher (86) schrieb dem Verein Traktandum 1, der sich für Fusionen in der Region Baden einsetzt, in einem Mail: «Ich schliesse es nicht aus, dass Kirchdorf sich vom (nicht nur finanziell) maroden Obersiggenthal trennt und sich Untersiggenthal oder Turgi anschliesst.» Weil Schumacher das Mail versehentlich an alle verschickte, die wie er an die Generalversammlung des Vereins eingeladen wurden, erfuhren diverse wichtige Politiker der Region von seiner zweifellos provokativen Aussage. Und weil viele weitere Mails folgten, die einige regionale Politiker als Belästigung empfanden, kam es zu Vereinsaustritten (AZ vom 6. April).

Kaum diskutiert wurde die Frage nach der Zukunft Kirchdorfs, die der selbst ernannte «Rebell» Schumacher in den Raum stellte. Gibt es gute Gründe für Kirchdorf – 1600 Einwohner, Kirche, Dreifachsporthalle, attraktive Wohnlage –, sich von Obersiggenthal abzuspalten? Nein, findet Obersiggenthals Gemeindeammann Dieter Martin (FDP), der vom Vorschlag Schumachers gehört hat. «Eine Abspaltung von Kirchdorf steht nicht zur Diskussion. 1695 wurden Kirchdorf und Nussbaumen zu Obersiggenthal fusioniert. Wie Nussbaumen und Rieden gehört Kirchdorf zur untrennbaren Identität von Obersiggenthal.»

Als Ur-Kirchdorfer darf man seinen Gemeinderatskollegen Linus Egger (CVP) bezeichnen; er wurde in Kirchdorf geboren, und abgesehen von zwei Jahren in Untersiggenthal – «ich ging dorthin jeweils nur um zu schlafen» – lebte er immer in seiner Heimatgemeinde. Dass sich Kirchdorf von Obersiggenthal abspalten und Untersiggenthal oder Turgi anschliessen könnte – ein Szenario, das für Egger nicht durchführbar wäre. «Die gesamte Infrastruktur Kirchdorfs ist nach Obersiggenthal ausgerichtet, insbesondere die Schulen.» Obersiggenthal verfüge über eine Bezirksschule, im Gegensatz zu Untersiggenthal. Die Forderung, Kirchdorf solle sich von Obersiggenthal abspalten, höre er äusserst selten, sagt Egger. «Hingegen gibt es immer wieder Stimmen, die finden, eine Fusion mit Baden würde Sinn machen. Oft handelt es sich um Zugezogene.»

«Mögen unser Dorf, wie es ist»

Und die erwähnen Nachbargemeinden – wären sie bereit, Kirchdorf einzugemeinden? Marlène Koller (SVP), Gemeindeammann von Untersiggenthal: «Wir haben zu Kirchdorf ein gutes, freundschaftliches Verhältnis. Die Katholischen Kirchgemeinden Untersiggenthal und Kirchdorf beispielsweise sind zusammengeschlossen. Es freut uns natürlich, dass wir gegen aussen ein gutes Bild abgeben und Leute aus anderen Gemeinden unseren Ort attraktiv finden. Grundsätzlich aber möchte ich festhalten, dass wir unser Dorf so mögen, wie es sich aktuell präsentiert. Darum haben wir Anfang des Jahres auch die Eigenständigkeit als Legislaturziel definiert.»

Adrian Schoop, Gemeindeammann von Turgi, sagt lachend: «Was unserer Gemeinde fehlt, ist ein eigener Wein, und dank des Kirchdorfer Rebberges könnten wir dies ändern. Aber ernsthaft: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kirchdorfer sich tatsächlich von Obersiggenthal abspalten und Turgi anschliessen wollen, ist verschwindend klein.»

Sollte eines Tages effektiv eine konkrete Bitte für Gespräche zu einer Annäherung mit Kirchdorf eintreffen, würde Turgi einen Dialog sicher nicht im Voraus ablehnen. «Im Gegenteil, wir wären gespannt, wie die Ideen konkret aussehen würden.»