Baden

Das «Librium» ist längst eine Institution – jetzt kommt es in neue Hände

40 Jahre nach der Gründung übergibt Susanne Jäggi ihre Buchhandlung am Badener Theaterplatz an ihren Sohn Laurin Jäggi – sehr zur Freude vieler Stammkundinnen und Stammkunden.

Sie ist längst eine Badener Institution und nicht mehr aus der Stadt wegzudenken: die Buchhandlung Librium am Theaterplatz. Das 1979 an der Oberen Gasse gegründete Geschäft gilt seit Jahren als Vorzeigemodell der Branche. Es ist ein Ort der Kultur und des Wissens, der in Baden unverzichtbar geworden ist. Nach 40 Jahren übergibt Gründerin und Inhaberin Susanne Jäggi es jetzt in neue Hände.

Was vor allem langjährige Stammkundinnen und Stammkunden besonders freut: Es ist ihr Sohn Laurin Jäggi, der seit kurzem alleiniger Inhaber ist. Der 36-Jährige hat in Basel Germanistik und Geschichte studiert. Er arbeitet schon seit fünf Jahren mit spürbarer Leidenschaft im Librium. Die letzten zwei Jahre haben Susanne und Laurin Jäggi das Geschäft gemeinsam geführt, nun übernimmt er Ende März von seiner Mutter die ganze Verantwortung.

Laurin Jäggi ist mit der Buchhandlung gross geworden. Er, der in einer Patchworkfamilie in Turgi und Baden aufgewachsen ist, sagt mit einem Lachen: «Das Librium ist meine grosse Schwester.» Die Übergabe an die nächste Generation ist sehr gut vorbereitet. Susanne Jäggi erzählt: «Es gab in den letzten fünf Jahren viele Dinge, die ich Laurin mitgeben und vererben wollte.»

Das berufliche Erbe sei ihr wichtig. «Jeder muss seine Fehler selber machen. Aber mein Wunsch ist, dass das Librium jetzt wieder einen Schritt weiterkommt.» Für die Kunden und die fünf Mitarbeiterinnen soll sich vorerst nichts ändern. Überhaupt ist es beiden ein grosses Anliegen, dass sich alle Mitarbeiter wohlfühlen und gern im Librium arbeiten. Das dürfte ein Teil des Erfolgs sein.

Die Wahl fiel auf Baden

Wer den hellen Laden am Theaterplatz betritt, fühlt sich willkommen. Egal ob er zum ersten Mal oder zum tausendsten Mal ins Librium kommt. Angefangen hat die vierzigjährige Geschichte aber in einem kleinen, versteckten Laden in der Oberen Gasse. Es war eine andere Zeit. Susanne Jäggi, die in der Ostschweiz aufgewachsen ist, und ihre Kollegin Dorothee Keller suchten 1979 nach dem Abschluss der Buchhändlerlehre einen guten Standort für ihr Geschäft. In einer Stadt, die eine neue Buchhandlung brauchen konnte. Die Wahl fiel auf Baden. Hier war der Buchhandel fest in der Hand der beiden Doppler: Hugo Dopplers «Bücher Doppler» an der Badstrasse gab es seit 1837. Franz Dopplers «Doppler zum Pflug» am Löwenplatz seit 1917.

Als Jäggi und Keller dann im September 1979 ihre «Buchhandlung Oberi Gass» feierlich eröffneten, kamen beide Dopplers mit Blumen und gratulierten. Und bald ging man zu dritt mittagessen, um sich auszutauschen. Die Neulinge kamen beim gebildeten Badener Publikum sehr gut an. «Wir haben hier niemanden gekannt, aber wir wurden hervorragend aufgenommen», sagt Susanne Jäggi. «Wir wollten von Anfang an hochprofessionell und zuverlässig sein, das wurde geschätzt.»

Schon am ersten Tag kam die Stadtbibliothek mit einer dicken Bestellung. Hier gab es neben Belletristik auch Bücher zu Frauenthemen, zu ökologischen Fragen – und stets eine grosse Auswahl an Kinderbüchern. Zwei Jahrzehnte später war das Librium die grösste Badener Buchhandlung. Und Susanne Jäggi sagt im Rückblick auf diese Erfolgsgeschichte: «Ich habe es keinen Tag bereut, nach Baden gekommen zu sein.» 2015 sass sie in der Jury des Schweizer Buchpreises, ein Jahr später in der Jury des Deutschen Buchpreises in Frankfurt.

Vom Valium zum Librium

Susanne Jäggi hat die Geschichte ihrer Buchhandlung in zwei Fotoalben fein säuberlich dokumentiert. Seit der Gründung arbeiteten mit ihr 30 Buchhändlerinnen und Buchhändler im Librium, dazu kamen 17 Auszubildende. Das Geschäft ist viermal umgezogen, zweimal halfen treue Kunden beim Umzug mit. Der zweite Standort befand sich ab 1984 an der Oberen Halde, wo es auch kleine Kunstausstellungen gab. Beim Umzug musste ein neuer Name her, zumal «Buchhandlung Oberi Gass» nicht mehr passte.

Jäggi lud etwa zehn Freunde zu einem Abendessen ein. Bis zum Dessert wollte sie einen neuen Namen für ihren Laden. Eine Freundin hatte die zündende Idee: «Schon bei der Vorspeise haben wir uns geeinigt», erzählt Jäggi und lacht. Die Vormieter an der Halde waren Argentinier, die hier eine Modeboutique namens «Valium» führten. «Librium» war damals ein dem Valium verwandtes Medikament von Hoffmann-La Roche – und das Fantasiewort hat das lateinische Buch (liber) sozusagen im Namen.

«Ich habe einen freundlichen Brief an Hoffmann-La Roche geschrieben, ob wir den Namen für unsere Buchhandlung verwenden dürften», erzählt Jäggi. Es kam ein freundlicher Brief zurück – der Pharmakonzern hatte keinerlei Bedenken. Das Medikament namens Librium gibt es im Gegensatz zur Buchhandlung übrigens längst nicht mehr.

Der dritte Standort war ab 1992 ein gemeinsames Ladenlokal mit dem Geschenke- und Haushaltladen «Diversicum» im späteren «Cachet-Haus» am Schlossbergplatz. 1997 zog das Librium nur ein paar Meter weiter in das prächtige Bankengebäude an der Hirschlistrasse (heute Burger King). Es war mit 250 Quadratmetern das grösste und teuerste Ladenlokal, das Jäggi mietete.

Es war eine wunderschöne Buchhandlung – aber auch eine grosse wirtschaftliche Herausforderung. «Der Umzug an den Theaterplatz im Jahr 2007 hat unser Profil wieder deutlich geschärft», sagt Susanne Jäggi. Das Librium ist seither wieder klein und fein und bietet nur noch ausgesuchte Lektüre an.

Was macht eigentlich den Reiz aus, Buchhändlerin oder Buchhändler zu sein? «Der Kontakt mit den Lesern», sagt Susanne Jäggi ohne Nachdenken. «Ich wünschte mir immer, dass die Leute angeregt werden, wenn sie zu uns kommen, und die Buchhandlung bereichert verlassen.» Auch für Laurin Jäggi ist der Austausch mit interessierten, neugierigen Leserinnen und Lesern das Schönste. Reibereien zwischen Mutter und Sohn gab es eigentlich nie. «Wir waren uns natürlich nicht immer einig, aber hatten oft sehr ähnliche Vorstellungen», sagt Laurin.

Die Liebe zum Lesen

Vom Klischee einer schwierigen Branche ohne Zukunft halten beide nicht viel. Sie erleben Tag für Tag das Gegenteil. «Es wird immer Menschen geben, die gerne gute Bücher lesen. Aber man muss natürlich gut rechnen können – und ein klares Profil haben», sagt Susanne Jäggi.

Das Librium fiel seit seiner Gründung auf durch humorvolle Werbung, schöne Broschüren und gute Grafik. Letztes Jahr etwa hingen in Baden und in den Nachbargemeinden Plakate im Weltformat, auf denen Stammkunden ihre Liebe zum Lesen erklärten. Auch die hauseigene Website mit dem Online-Buchshop ist aussergewöhnlich ästhetisch gestaltet. In der heutigen Zeit ein Muss, war das Librium vor zehn Jahren mit dem Onlineshop noch ein Pionier.

Überhaupt hat man das Gefühl, das Librium erfinde sich trotz aller Beständigkeit immer wieder neu. Für Simon Libsigs Roman «Der Velodieb, der unters Auto kam» hat Laurin kurzum einen eigenen Verlag gegründet. Das war möglich, weil er vor seiner Anstellung im Librium fünf Jahre in den Zürcher Verlagen Kein & Aber und Diogenes gearbeitet hat. Herausgekommen ist ein wunderschön gestaltetes Buch. Vorerst ist Libsigs Roman der einzige aus dem Librium Verlag. «Aber wer weiss?», sagt Laurin Jäggi. Eine Serie ISBN-Nummern hat er vorsichtshalber schon reserviert.

Bei unserem Besuch im Librium kommt eine Schulklasse aus Baden in den Laden. Die Zweitklässler haben für das Magazin «5 Plus» kurze Buchbesprechungen geschrieben und wollen sie persönlich übergeben. «5 Plus» – das ist auch so eine Erfolgsgeschichte. Seit 2013 gehört das Librium zu diesem hochkarätigen Kreis von acht Buchhandlungen – zusammen mit Häusern in Köln, Hamburg, Berlin, München, Wien oder Freiburg im Breisgau.

Jubiläum im September

Anfang März ist Susanne Jäggi 64 Jahre alt geworden. Ende Monat wird sie pensioniert. Sie hat keine grossen Pläne für die Zeit «nach» dem Librium. «Ich mache jetzt einmal ein Jahr lang nichts», sagt sie. «Ich werde natürlich hin und wieder im Librium anzutreffen sein, und ich schreibe weiterhin für unser Magazin. Und im September feiern wir unser Jubiläum.» War es für sie je eine Option, aus Baden wegzugehen? «Nein, das wollte ich unseren treuen Kunden nicht antun», sagt Susanne Jäggi und lächelt.

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