Sechs Jahre lang gab es in Mellingen keinen Raum mehr, in dem sich Jugendliche treffen und bei Bedarf auf professionelle Hilfe zurückgreifen können. 2016 beschloss der Gemeinderat, die Jugendarbeit mit Sozialarbeiter Marvin Kingsley neu aufzubauen. Eine richtige Entscheidung, wie sich zeigt: «Gleich am ersten Tag kamen rund 30 Jugendliche», erinnert sich Kingsley.

Der 32-Jährige sitzt auf dem Sofa im Jugendbüro an der Grossen Kirchgasse in Mellingen. Auf dem Tisch liegen Exemplare der «Bravo», an den Wänden hängen zahlreiche Postkarten aus aller Welt.

«Das sind alles Andenken von Jugendlichen», sagt Kingsley und lächelt. Es bereite ihm viel Freude, dass die Jungen in Kontakt bleiben möchten und seine Arbeit geschätzt werde. Dass das Angebot auf Anklang stösst, beweisen auch die Zahlen: 2017, im zweiten Jahr nach der Eröffnung, haben fast doppelt so viele Jugendliche das Jugendbüro besucht. «Die Nachfrage nach einem Ort, an dem sie sich entfalten können, ist riesig», sagt Kingsley.

Marvin Kingsley und Caterina Cecconi über Bedürfnisse und Ziele.

Marvin Kingsley und Caterina Cecconi über Bedürfnisse und Ziele.

«Eine gute Beziehung aufbauen»

Aus diesem Grund wurde das Stellenpensum der Jugendarbeitsstelle Mellingen, an der sich auch die Gemeinde Wohlenschwil beteiligt, per Anfang August von 80 auf neu 130 Prozent aufgestockt. Neben Kingsley kümmert sich nun auch Caterina Cecconi (28) um die Anliegen der Jugendlichen. «Ich freue mich, dass ich die Jungen kennenlernen darf, und hoffe, eine gute Beziehung aufbauen zu können», sagt die gebürtige Italienerin, die sich an der Berner Berufs-, Fach- und Fortbildungsschule zur Sozialpädagogin ausbilden lässt.

Marvin Kingsley ist froh, dass er Unterstützung bekommen hat: «Mit Caterina können wir die geschlechtersensible Arbeit aufbauen, die vorher zu kurz gekommen ist.» Beispielsweise wolle man künftig spezifische Projekte und Beratungen anbieten, die auch auf junge Frauen zugeschnitten sind. Darüber hinaus ist das Duo auf der Suche nach neuen, grösseren Räumlichkeiten. «In einer turbulenten Phase wie der Pubertät ist es wichtig, dass junge Menschen einen Rückzugsort haben, in dem sie sich selbst sein können», sagt er. Beim Erwachsenwerden würden Jugendliche gerne Grenzen suchen und ausloten. «Unsere Anlaufstelle gibt ihnen die Chance, sich auszutoben – jedoch unter professioneller Begleitung.» Genauso wichtig sei es, ein offenes Ohr für deren Anliegen zu haben. «Beratungen sind sehr gefragt», sagt Kingsley. Den Jungen würden vor allem Familienangelegenheiten oder der Druck in der Schule grosse Sorge bereiten. Jedoch werden auch Themen wie Lehrstellensuche, Sex und Alkohol angesprochen.

«Gemeinsam Ideen entwickeln»

Das Jugendbüro wird hauptsächlich von Schülern der 6. bis zur 9. Klasse besucht. «Ob Kleinklässler, Bez-Schüler, Ausländer, Schweizer, Kinder von einkommensstarken oder einkommensschwachen Familien: Das Publikum ist quer durchmischt», sagt Kingsley. Die Jugendarbeit biete den Jungen eine ideale Plattform, um sich in der Gemeinde einzubringen. «Dabei versuchen wir, sie nicht nur in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen, sondern auch mit ihnen Ideen zu entwickeln.» So wurde im Sommer beispielsweise eine Nachtwanderung ins Thermalbad nach Schinznach-Bad organisiert. Dieses Wochenende findet in Fislisbach in Zusammenarbeit mit der dortigen Jugendarbeit eine Open-Air-Sportnacht statt, Ende September geht es in den Europa-Park.

Das Jugendbüro legt Wert darauf, dass alle Schüler an den Aktivitäten teilnehmen können – auch an solchen, die mit einem Unkostenbeitrag verbunden sind, wie etwa der Ausflug nach Rust. Und sollte sich eine Familie dies nicht leisten können, kommt die Anlaufstelle der Familie mit dem Betrag entgegen. Kompensiert wird dafür mit einem Arbeitseinsatz. Sozialarbeiter Marvin Kingsley betont: «Egal, aus welcher Gesellschaftsschicht jemand stammt, keiner soll bei uns ausgeschlossen werden.»