Baden

Das Handwerk hält den Künstler am Leben

Im Porträt: Christoph Steinemann hat sich in Vogelsang ein Reich als Künstler, Sunntigs-Kafi-Betreiber und Privat-Handwerker geschaffen.

An den Wänden seine Kunst, am Körper die Arbeitskleidung und im Rücken die Kaffeemaschine: Christoph Steinemann steht in seinem Sunntigs-Kafi, einer Besenbeiz auf dem ehemaligen Industrieareal in Vogelsang. Kein Ort auf dieser Welt widerspiegelt die Persönlichkeit des 51-Jährigen besser. Oder vielmehr: seine Persönlichkeiten. Denn Steinemann ist drei in eins. Er ist Künstler, Sunntigs- Kafi-Betreiber und Privat-Handwerker für allerlei Arbeiten im und ums Haus. Und für jede dieser Personen unterhält er eine eigene Homepage.

«Gut möglich, dass ich ein bisschen schizophren bin», sagt Steinemann mit seinem sympathischen Lachen. Und wie um die These zu untermauern, spricht er mal vom Stoneman, wenn es um seine Kunst geht, mal vom Steini oder vom Privat- Handwerker. Jedenfalls wechselt er ganz beiläufig dann und wann in die dritte Person Singular.

Zurück ins Sunntigs-Kafi am Wasserschloss. Vor eineinhalb Jahren hat er mit seiner Partnerin Sylvie Appenzeller dieses Projekt gestartet. Mit ausladender Geste zeigt er durch den Raum, der früher als Lager für seine Kunstwerke diente. «Es ist klein, schön und stimmungsvoll», sagt er, «die Leute fühlen sich hier sauwohl.»

Stoneman im Jahr 1993 in San Francisco in seinem bemalten  «Chevrolet El Camino».

Stoneman im Jahr 1993 in San Francisco in seinem bemalten «Chevrolet El Camino».

Mit bissigem Humor und einer Portion Erotik

Jeden Sonntag, egal ob Sommer oder Winter, ob drinnen oder draussen, gibt es hier Brunch in ungezwungener und heimeliger Atmosphäre. An den Wänden hängen Steinemanns Kunstwerke. Eine 2,6 Meter hohe Standuhr mit dem schlichten Namen «Time» steht im Raum. Eine Stunde absolviert sie in sechs Sekunden. In ihrem Innern dreht sich unaufhörlich ein Globus. Alles muss immer schneller gehen... Kommunikation, Mobilität, Business. Haben wir den Lauf der Welt noch unter Kontrolle? Stonemans Kunst ist zeit- und sozialkritisch, mit bissigem Humor und manchmal mit einer Portion Erotik. «Viele Künstler bearbeiten ein Leben lang ein und dasselbe Thema. Ich mache immer das, was ich gerade spüre und worauf ich Lust habe.» Stoneman malt, fertigt Skulpturen an, liebt die Vielfalt der Formen und Inhalte.

Doch wie stellt sich Christoph Steinemann vor, wenn er auf unbekannte Leute trifft? Der Mann mit dem freundlichen Gesicht muss eine Weile überlegen. «Ich glaube, ich passe mich meinem Gesprächspartner an», sagt er, «ich schlüpfe dann in die Rolle, von der ich glaube, dass sie mein Gegenüber von mir erwartet.» Nach einer weiteren Pause fügt Steinemann an: «Oder ich sage ganz einfach: Ich bin Künstler, Handwerker und Beizer.» Doch im tiefsten Innern sei er Stoneman, der Künstler.

Zu seinen besten Zeiten wechselten seine Werke für 25000 Franken den Besitzer. Im Rahmen der Aktion «BankArt» bespielte Steinemann den Zürcher Paradeplatz mit 30 Sitzbänken. Das war im Jahr 2001. Laut «NZZ» zählten Stonemans Sitzgelegenheiten zu den kunstvollsten der über 1000 Exponate. Der UBS gefiel Stonemans Kunst so gut, dass er auch noch in der Schalterhalle ausstellen durfte. «Als einfacher und bescheidener Zeitgenosse konnte ich damals von meiner Kunst leben», sagt Steinemann.

Ein abenteuerlicher Abstecher in die USA

Neben dem Malen und Zeichnen begleitete ihn die Begeisterung am handwerklichen Arbeiten und Gestalten seit seiner Kindheit. 1968 kam Steinemann in Basel zur Welt, dann ging es nach Zürich und ins Seeland in ein Internat. Mit 14 Jahren kam er erstmals in den Aargau. Er absolvierte eine Lehre als Dekorationsgestalter bei Jelmoli Zürich, arbeitete in der Folge für die Musikvertrieb AG und konnte im ganzen Land Musikgeschäfte und Schaufenster nach seinen Vorstellungen gestalten. «Eine gute Zeit mit vielen Freiheiten», sagt Steinemann, «ich konnte meinen eigenen Stil entwickeln.»

Mit 22 folgte ein abenteuerlicher Abstecher in die USA. Steinemann wollte Englisch lernen und fuhr zu diesem Zweck mit dem Auto von New York nach San Francisco quer durchs Land. Ein halbes Jahr – viel länger als geplant – dauerte die Reise und Steinemann hielt sich mit seinem handwerklichen Geschick über Wasser. Als Autolackierer, Dachdecker, Maler, Möbelschreiner und Allrounder.

In San Francisco angekommen, entdeckte er eine Kunstschule. Am «San Francisco Art Institute» wollte er «Painting and Sculpting» studieren. Um sich die Ausbildung leisten zu können, kehrte er zurück in die Schweiz, verdiente ein Jahr Geld und setzte sich wieder in den Flieger. «Nach drei Monaten merkte ich, dass diese Kunstschule nichts für mich ist», sagt Steinemann. Er kam bei einem Künstler unter, absolvierte eine Stage und arbeitete nebenbei. Bis er nach vier Jahren von einer Leiter fiel und sich das Fussgelenk zertrümmerte.

Im Moment bringt der Handwerker das Geld

«Ich kam zurück in die Schweiz. Ich habe gelitten. Alles war so eng hier. Aber eine Rückkehr in die USA hat sich nicht mehr ergeben», sagt Steinemann. Er arbeitete während zehn Jahren für IKEA, Möbel Pfister und Dekom Spreitenbach, wurde arbeitslos und hielt sich erneut mit seinem handwerklichen Geschick über Wasser. 2010 machte er sich selbstständig und ist seither als «Allrounder» mit seiner Firma «privat-handwerker.ch» unterwegs. «Ich mache das gerne», sagt Steinemann, «heute ein Gartentor reparieren, morgen ein Bett zimmern, ein Zimmer streichen oder Gartenarbeiten erledigen. Kein Tag ist wie der andere.»

Im Moment ist es der Handwerker, der das Geld nach Hause bringt. «Den Privat-Handwerker braucht es, damit Stoneman funktionieren kann», sagt Steinemann. Denn der Künstler in ihm hatte eine «längere, nicht-kommerzielle Phase», wie er sagt. Doch in diesem Dezember will Steinemann wieder zum Stoneman werden, will er sich auf seine Kunst konzentrieren und sie im Sunntigs-Kafi ausstellen. Hier ist Steinemann zuhause, in all seinen Facetten.

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