Turgi

Das Ende einer Ära: Nach 28 Jahren beginnt am Kiosk an der Bahnhofstrasse ein neues Kapitel

Nach langer Suche hat Lydia Bieri in Daniel Jola einen neuen Kiosk-Besitzer gefunden.

Lydia Bieri (78) hat ihren Kiosk an den ehemaligen Lokomotivführer Daniel Jola aus Koblenz übergeben.

Wer in den letzten Jahren am Kiosk vorbeilief, konnte das Schild kaum übersehen. «Zu verkaufen, ab sofort oder nach Vereinbarung: Kiosk bei der Post Turgi». Darunter war, für Interessierte, eine Telefonnummer angegeben.

Lange hat sie ihn gesucht, nun hat sie ihn endlich gefunden. Lydia Bieri (78) hat nach 28 Jahren den Kiosk an der Bahnhofstrasse ihrem Nachfolger übergeben. Der neue Besitzer heisst Daniel Jola, kommt aus Koblenz, ist 53 Jahre alt und hat früher als Lokomotivführer gearbeitet.

Die Frau und ihr Kiosk waren eine Institution

«Bestimmt vier oder fünf Jahre habe ich einen Nachfolger gesucht», sagt Lydia Bieri, «am Ende ging plötzlich alles ganz schnell.» Mitte September hat Daniel Jola das Ruder übernommen. Er ist sich bewusst, dass er in grosse Fussstapfen tritt.

Die Frau und ihr Kiosk waren eine Institution in Turgi. «Ich weiss, dass ich ein grosses Erbe antrete», sagt Jola, «und ich hoffe, dass ich die Erwartungen Lydias und jene der Kunden erfüllen kann.»

Bieri, die in Turgi aufgewachsen ist, ist froh, dass sie eine Lösung gefunden hat, die für sie stimmt. «Ich wollte nicht, dass aus dem Kiosk ein Kebab-Stand wird. Interessenten dafür hätte es gegeben.» Und sie hat auch bereits feststellen können, dass sich ihr Nachfolger «ins Zeug legt».

Eine Neuerung hat Jola bereits eingeführt: Am Kiosk sind nun Kartenzahlungen möglich. Demnächst soll es auch Kaffee zum Mitnehmen geben. «Als Kiosk-Betreiber muss man neue Ideen haben», sagt Bieri, ihr habe in den letzten Jahren die Kraft dafür gefehlt, «aber Daniel hat viel Elan. Es freut mich, das zu sehen».

Die Gespräche mit den Stammkunden

Vieles in ihrem langjährigen Reich wird Lydia Bieri vermissen. Den Kontakt mit den Menschen, die Gespräche mit den Stammkunden, die Schulkinder, die ihre Plastiksäckli mit Süssigkeiten füllen.

Kaum vermissen hingegen wird sie das Aufstehen um 4.30 Uhr in der Früh. «Ich will nun endlich die Pension geniessen und loslassen», sagt sie. Derjenige, der nun in aller Frühe aufstehen müsse, sei Daniel Jola, sagt sie mit einem Lachen.

Unter der Woche öffnet der Kiosk nach wie vor um 5.45 Uhr. Rund 13 Stunden pro Tag steht jemand hinter der Auslage. Jola teilt sich diesen Job mit zwei Mitarbeiterinnen. Eine davon ist neu, eine hat bereits unter Bieri im Kiosk gearbeitet. Rosmarie Mannarino hat sich zeitgleich mit der ehemaligen Besitzerin in die Pension verabschiedet.

1991 übernahm Bieri den Kiosk an der Bahnhofstrasse, gleich neben der alten Post. «Das war der Treffpunkt unserer Kindheit», erinnert sie sich. Während Jahrzehnten hatte der Tessiner Alvenzo Piragini den Laden geführt – zu einer Zeit, in der Kioske noch als lukrative Geschäfte galten.

Nach dem Tod Piraginis übernahm Bieri den Kiosk. Wenige Jahre danach wurde der gegenüberliegende Bahnhof umgebaut, ihrem traditionsreichen Kiosk wurde ein moderner Valora-Kiosk vor die Nase gesetzt.

«Zwei Kioske, die einen Steinwurf voneinander entfernt liegen, das gibt es nur in Turgi», sagt Bieri. Der Konkurrent habe ihr zu Beginn Angst gemacht, erwies sich aber nicht als bedrohlich. Bieri lebte von ihren Stammkunden. Einen Seitenhieb über die Strasse kann sie sich aber nicht verkneifen: «Der Valora-Kiosk ist mittlerweile ein halbes Warenhaus.»

Lehrreiche erste Tage und viel Papierkram

Das Konsumverhalten hat sich in all den Jahren verändert. In ihrer Anfangszeit verkaufte Bieri noch 100 Exemplare des «Blicks» pro Tag, «heute sind es vielleicht noch 15 Stück». Gut läuft dagegen das Geschäft mit den Lotto-Losen.

Viel Herzblut hat sie in ihr Geschäft investiert. Nun sei die nächste Generation an der Reihe. Lehrreich seien seine Tage bisher gewesen, sagt Jola. «Ich bin überrascht, wie viel Papierkram dieser Job mit sich bringt.» Derzeit absolviert er eine sechsmonatige Schulung als Shopmanager.

Nach und nach will er neue Ideen umsetzen und sich dafür in die Perspektive der Kunden versetzen. «Ich freue mich auf diese Aufgabe», sagt Jola, «bin mir aber bewusst, dass ich als Kiosk-Betreiber nicht Millionär werde.»

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