Nach 141 Jahren ist Schluss: Der Männerchor Frohsinn Stetten hat sich Ende September aufgelöst. Aber nicht etwa, weil Mitglieder fehlen, sondern weil sich der Chor plötzlich mit einer leeren Kasse konfrontiert sieht. «Unser Kassier hat über mehrere Jahre hinweg die Buchhaltung gefälscht, die Revisoren hintergangen und Vereinsgeld entwendet», erklärt Präsident Urs Fischer.

Was ist passiert? Die tragische Geschichte beginnt mit dem Suizid des Kassiers Anfang September. Wie der «Reussbote» letzte Woche schrieb, hatte er sich in seiner Wohnung erschossen. «Nach seinem Freitod nahm ich die Kasse unter die Lupe. Dass etwas nicht stimmen konnte, merkte ich, als die ersten Mahnungen reinflatterten», sagt Fischer.

Daraufhin liess sich der 60-jährige Chorsänger Original-Bankauszüge zusenden. Dabei sei er dem verstorbenen Kassier auf die Schliche gekommen: Fischer stellte zum einen fest, dass Schulden vorhanden waren, zum anderen, dass das Guthaben Ende Jahr nicht wie jeweils ausgewiesen mehrere Tausend Franken betrug, sondern bloss 200 bis 500 Franken.

Männerchor Frohsinn verstummt

Männerchor Frohsinn verstummt

Kaum erfahren die Choristen aus Stetten, dass sich ihr Kassier das Leben genommen hat, wird schon mitgeteilt, dass der Verein pleite ist.

«Ich bin erschrocken. Plötzlich waren wir pleite», sagt der Präsident. Als Konsequenz zog er die Handbremse: Man beschloss, den 1885 gegründeten Männerchor Frohsinn Stetten aufzulösen. «Auch, weil wir nicht wissen, wie viele Schulden der Kassier tatsächlich hinterlassen hat.» Wie hoch diese sind, wird sich im Laufe der Ermittlungen zeigen. Der Fall liegt derzeit bei der Staatsanwaltschaft Baden. Fischer geht von einem sechsstelligen Betrag aus. 

Kassier fälschte Bankauszüge

Dass der Kassier das Geld über mehrere Jahre hinweg veruntreut hat, überrascht Urs Fischer. Er sei ein sehr aktiver Sänger gewesen, habe verschiedene Vereinsaktivitäten wie den 1. August-Anlass, Jass- und Lottoabende organisiert und den Revisoren stets sehr saubere Auszüge präsentiert.

Dies war möglich, weil der Kassier via E-Banking Bankauszüge ausgedruckt, diese gefälscht und wieder eingescannt hatte – und diese schliesslich den Revisoren präsentierte. Er sei ein intelligenter Mann und bei den Mitgliedern beliebt gewesen. «Es war eine heile Welt», sagt Fischer. Zwar gelte aufgrund des laufenden Verfahrens die Unschuldsvermutung, dennoch glaube er, dass sich der Kassier aus persönlichen Gründen engagiert habe und nicht dem Männerchor wegen.

«Es ist schmerzhaft, wenn man den Vereinsbetrieb auf diese Art und Weise einstellen muss», sagt der Präsident. Die Hoffnung gebe man trotzdem nicht auf: «Vielleicht stösst die Staatsanwaltschaft bei ihren Ermittlungen doch noch irgendwo auf Geld. Dann könnten wir eine Neugründung ins Auge fassen und weitermachen.» Mit «irgendwo» meint Fischer die gemeinsame Kasse der Theatervereinigung, die der diplomierte Buchhalter ebenfalls verwaltet hatte.

Dieser Vereinigung gehören neben dem Männerchor auch die Jugendgruppe, der Damenturnverein und die Theatergruppe Stetten an. Gemeinsam organisieren sie die alle zwei Jahre stattfindenden Theateraufführungen, wobei deren Einnahmen am Ende gleichmässig aufgeteilt werden. «Die anderen Vereine existieren immer noch», erklärt Fischer. Diese würden lediglich kein Geld von der Theateraufführung im Januar dieses Jahres erhalten.

Männerchor wird noch bis Ende Jahr auftreten

Ob und inwiefern der Suizid mit den Machenschaften zusammenhängt, wird derzeit untersucht. Fakt ist: Der Kassier konnte, nachdem er dazu aufgefordert wurde, die Einnahmen der Theateraufführung im Januar nicht auszahlen. Wenig später beging er Suizid.

Solange der Fall nicht aufgeklärt ist, geht der Männerchor seinen Verpflichtungen nach: «Sicher bis Ende Jahr werden wir die geplanten Konzerte und Auftritte wahrnehmen», sagt Präsident Fischer. Man hoffe, dass im Januar die Ermittlungen abgeschlossen seien. «Dann könnten wir über eine allfällige neue Zukunft des Männerchors diskutieren.»