Herr Magnaguagno, der Aargauer Regierungsrat versagte dem Bruno-Weber-Park im Mai Betriebsbeiträge. Er attestierte dem Werk des Künstlers in der Begründung zwar eine regionale, aber nicht einmal zwingend eine kantonale Bedeutung. Hat er damit recht?

Guido Magnaguagno*: Mit Sicherheit nicht. In Frankreich würde der Skulpturenpark in Spreitenbach zum «Monument national» erklärt. Bruno Weber steht auf derselben Stufe mit Art-Brut-Künstlern wie Louis Soutter oder Adolf Wölfli.

Wie kommt denn die Aargauer Kommission für Kulturfragen zu einer solchen Einschätzung?

Ich kann es mir nicht erklären. Aber ich weiss beispielsweise, dass Heinrich Widmer, der ehemalige Direktor des Aarauer Kunsthauses, Webers Werk für etwas Grandioses hielt. Aber es gibt natürlich eine Kunstfraktion, die nichts von Kunst hält, die man nicht verkaufen kann.

Welchen Stand hat die skulpturale, fantastische Kunst im kunsthistorischen Kanon?

Utopisten- und Outsider-Kunst bekam in den letzten Jahrzehnten immer mehr Aufmerksamkeit. Der bekannte Kurator Harald Szeemann bestückte etwa 1992 an der Weltausstellung in Sevilla mit Art-Brut-Werken einen ganzen Pavillon. Dort war übrigens auch Bruno Weber mit Skulpturen vertreten. Solche Kunst bewegt sich allerdings immer abseits des restlichen Kunstbetriebs, weil sie für Kuratoren einige Schwierigkeiten mit sich bringt: Zum einen sind die Skulpturen sehr gross und meist unbeweglich. Dadurch lässt sie sich auch schwer verkaufen. Und schliesslich sind sie keiner Strömung zuzuordnen.

Sie teilen also die Ansicht, die Sachverständige im Bericht des Aargauer Regierungsrats äusserten, dass sich Weber nicht mit zeitgenössischer Kunstproduktion auseinandersetzte?

Ja natürlich. In seinen Arbeiten manifestieren sich vor allem individuelle Mythologien. Aber das ist ja gerade das Grandiose daran. Und das kann man auch nicht an den Massstäben der restlichen Museen- oder Galerienkunst messen.

Woran dann?

Zum Beispiel an der grossen Intensität und der Authentizität seines Werks. Am inneren Zwang, sich künstlerisch zu betätigen, der aus seinen Arbeiten spricht. Dem Zwang, sein kohärentes Weltbild realisieren zu müssen. Das sind die Charakteristika der Art Brut. Welche Form ein Künstler dazu wählt, ist sekundär. Bei Bruno Weber ist dazu auch eine Formensprache klar wiedererkennbar. Er schuf eine Welt, die unserem rationalen, merkantilistischen Weltbild konträr entgegensteht, auch wenn es von ihm wohl nicht einmal politisch gemeint war. Das ist grosse Poesie.

Seine Arbeiten lassen sich zum grössten Teil nur im Skulpturenpark oberhalb von Dietikon erleben. Nun steht dieser Park vor dem Ende, die Gründe liegen unter anderem in finanziellen Problemen. Finden Sie, dass die öffentliche Hand Webers Werk vor dem Aus retten muss?

Nein. Im Normalfall gründet man wie auch in diesem Fall eine Stiftung oder einen Verein, der den Nachlass eines Künstlers oder einer Künstlerin verwaltet und erhält. Eine direkte staatliche Finanzierung in dieser Art, wie sie in Frankreich etwa gang und gäbe ist, hat bei uns in der Schweiz keine Tradition.

Sie haben lange Zeit das Tinguely-Museum in Basel geleitet. Wie schafften Sie es dort, die nötigen Mittel aufzutreiben?

Wir warben bei privaten Sponsoren für das Museum. Zu den Geldgebern gehörten auch grosse Konzerne wie Roche. Tinguelys Heimatkanton Fribourg beteiligte sich aber nicht.

Aber finden Sie es richtig, dass sich die Kantone an solchen Kulturinstitutionen nicht beteiligen, sie aber dennoch als Standortvorteil nutzen?

Ich würde eine Beteiligung des Staates sicher befürworten. Vor allem aber müsste der Kanton in der Stiftung vertreten sein. Im Fall von Bruno Weber bin ich überzeugt, dass es nie zu einem solchen Debakel gekommen wäre, wenn im Stiftungsrat von Anfang an auch fähige Beamte der Kantonsverwaltung Einsitz gehabt hätten. Und schliesslich wäre es auch in der Verantwortung des Kantons, den Skulpturenpark angemessen zu bewerben, zumal er tatsächlich ein Standortvorteil ist.

Nun ist das Debakel aber Tatsache. Kann Bruno Webers Vermächtnis gerettet werden?

Ja. Wichtig ist dabei, dass jemand angestellt wird, der die Skulpturen saniert und konservatorisch richtig behandelt.

Vertraute Webers mit dem nötigen Know-how wären vorhanden. Was fehlt, ist das Geld für die Sanierung.

Auch das ist machbar. Ich bin Mitglied eines Vereins, der sich mitunter zum Ziel gesetzt hat, gut 1100 Wandtafelzeichnungen von Rudolf Steiner zu restaurieren. Die Gesamtkosten liegen bei 5 Millionen Franken. Die erste Million haben wir über Sponsoren schnell aufgetrieben, nun gestaltet sich die Geldsuche immer harziger. Wir entschieden uns deshalb, mit dem vorhandenen Geld bereits einen Teil der Wandtafeln zu konservieren, um damit auch besser für unser Vorhaben werben zu können.

Sie würden also auch die Sanierung von Webers Skulpturenpark etappieren?

Ja, und ihn viel aktiver bewerben. Ich bin überzeugt, dass sich das Geld für seine Erhaltung auftreiben liesse. Dazu darf der Park aber nicht zu lange geschlossen bleiben, weil er sonst aus den Köpfen verschwindet und sich die Geld-Akquisition noch schwieriger gestaltet.

Bleibt das Problem der schwierigen Eigentumsverhältnisse und der problembehafteten Zusammenarbeit der Stiftung mit Webers Witwe Maria Anna.

Man muss die Witwen ausschalten (lacht schallend). Im Ernst: Auch bei Joseph Beuys und Jean Tinguely mussten sich die Hinterbliebenen nach ihrem Tod zurückziehen, damit Stiftungen den Nachlass vernünftig verwalten konnten. Auch Frau Weber sollte abwägen, ob es nicht besser wäre, sich zurückzuziehen, und das Lebenswerk ihres Mannes einem objektiveren Umfeld zu überlassen. Hier müsste die Absicht, sein Vermächtnis zu bewahren, schwerer wiegen als das Materielle.

*Guido Magnaguagno (*1946) war ab 1987 Vizedirektor des Zürcher Kunsthauses. Von 2001 bis 2009 leitete Magnaguagno als Direktor das Museum Tinguely in Basel. Seither wirkt er als freischaffender Kurator und lebt in Brissago TI und Zürich.