Baden
Dank iPad werden Schulbücher überflüssig

Im zB. Zentrum Bildung wurden im Rahmen eines Innovationsprojekts Klassen mit iPads ausgestattet. Doch trotz aller Vorteile kann das iPad die altbewährten Medien noch nicht ganz aus den Schulzimmern verdrängen.

Nadja Rohner
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Die Jugendlichen lernen mithilfe ihrer iPads, wie es zur Staatsverschuldung Griechenlands kam. NRO

Die Jugendlichen lernen mithilfe ihrer iPads, wie es zur Staatsverschuldung Griechenlands kam. NRO

«Setzen Sie sich bitte, wir beginnen jetzt mit dem Unterricht», sagt Lehrer Karl Sollberger mit erhobener Stimme. Das Lachen und Rascheln ringsherum wird leiser, hier und da huschen flinke Finger über die iPads, ihre Besitzer rufen noch die neuesten Mails ab. Dann öffnen die Berufslernenden das elektronische Dokument, das sie für die Stunde «Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft und Recht» benötigen. Das Hauptthema der Lektion ist die Staatsverschuldung am Beispiel von Griechenland. Lehrer Sollberger bespricht mit seiner Klasse eine Aufgabe, die von seinem eigenen iPad via Beamer direkt an die Wand projiziert wird.

Die Lernenden haben dasselbe interaktive Arbeitsblatt vor sich. Über den Touchscreen tippen sie die Lösungen ein, verschieben einzelne Textelemente und erstellen so eine Grafik direkt auf ihrem iPad. Nur ein gewispertes «Gehts bei dir?» verrät, dass im Umgang mit dem neuen Medium noch nicht alles ganz reibungslos funktioniert.

Technik hat ihre Tücken

Das zB. Zentrum Bildung – Wirtschaftsschule KV Baden führt «Klassen mit iPads» im Rahmen eines Innovationsprojekts in Zusammenarbeit mit der Universität Zürich durch. Zwei Klassen wurden mit iPads ausgestattet, die finanziellen Mittel für diese Anschaffung stammen aus dem Innovationsfonds der Schule. «Vor den Sommerferien wurden wir Lehrer angefragt, ob wir bei so einem Projekt mitmachen wollen», erzählt Sollberger. «Ich habe mich sofort bereit erklärt. Für eine Lehrperson ist es immer interessant, ein neues Feld zu beschreiten, und das iPad ist auch für mich persönlich eine Bereicherung.»

Den technischen Aspekt habe er sich schwieriger vorgestellt. Dennoch: «Ich muss mich jetzt intensiver auf die Stunden vorbereiten als ohne iPad. Dateien herunterladen, aufbereiten, für die Lernenden bereitstellen – das alles ist zeitaufwändig.» Anfangs hätten auch die Jugendlichen mit den Tücken der Technik gekämpft. «Wenn etwas nicht wie gewünscht funktioniert hat, haben mich die Lernenden um Hilfe gebeten. Das verzögerte natürlich den Unterricht.» Auch jetzt komme es vor, dass etwas nicht ganz nach Plan läuft: «Vor kurzem musste die Klasse eine App, also ein kleines Programm, vom Internet auf das iPad laden. Das hat viel länger gedauert, als ich vorgesehen hatte, sodass ich den Unterrichtsablauf umstellen musste.» Solche kleinen Pannen gebe es aber immer seltener, mittlerweile hätten sich Lernende und Lehrer an das iPad gewöhnt.

Kaum Ablenkung durch iPad

Dass sich ein iPad nicht nur zum Lernen verwenden lässt, ist bekannt. Mit seinen zahlreichen Apps und dem Internetzugang stellt es auch eine potenzielle Ablenkung vom Unterricht dar. Lehrer Sollberger betont aber, dass er nicht den Eindruck habe, seine Klasse sei abgelenkt. «Sie sind schlau genug, um zu merken, dass ihnen nur Nachteile entstehen, wenn sie im Unterricht nicht voll dabei sind. Und wenn der Lehrer seiner Klasse etwas bietet, dann bekommt er auch die nötige Aufmerksamkeit.»

Die Berufslernenden waren begeistert, als sie erfuhren, dass sie iPads erhalten und damit arbeiten würden. Einige haben kurzerhand alle Lehrmittel auf ihr iPad geladen und schleppen nun keine schweren Bücher mehr mit sich herum. Bei aller Freude sehen andere aber auch gewisse Nachteile: «In der Pause beschäftigen sich fast alle mit ihrem iPad – da kommt das gesellschaftliche Erleben viel zu kurz», sagt Shea. «Dabei ist dies unser erstes Schuljahr, wir müssten uns eigentlich zuerst kennenlernen. Aber ich denke, das ergibt sich mit der Zeit von selbst, wenn die iPads nicht mehr so spannend sind.» Ihre Kollegin Julia findet, es sei mühsam, auch die Prüfungen auf den kleinen Geräten schreiben zu müssen. «Für mich macht es einen grossen Unterschied, ob ich das iPad vor mir habe oder ein Blatt Papier. Mir wäre es lieber, die Prüfungen wieder von Hand zu schreiben».

Alte Medien noch nicht verdrängt

Noch liegen neben den iPads Blätter, Bücher und Etuis auf den Pulten. Lehrer Sollberger schreibt ab und zu an die Wandtafel, und neben dem Beamer ist auch der Hellraumprojektor in Betrieb: Trotz aller Vorteile konnte das iPad die altbewährten Medien noch nicht aus den Schulzimmern verdrängen. Anfang 2012 wird ein erstes Fazit gezogen und entschieden, wie es mit dem iPad-Projekt weitergehen soll.