Wettingen

Christen als Gefahr für die nationale Sicherheit: Ihren Eltern droht im Iran lange Haftstrafe

Die assyrisch-evangelische Pastorin Dabrina Schwan im modernen Gebetssaal des «Chrüzpunkt» in Wettingen.

Die assyrisch-evangelische Pastorin Dabrina Schwan im modernen Gebetssaal des «Chrüzpunkt» in Wettingen.

Dabrina Schwan ist seit 2017 Pastorin im «Chrüzpunkt». Ihren Eltern droht im Iran eine mehrjährige Haftstrafe: Sie sollen Muslime zum Christentum konvertiert haben.

Bald ist es zehn Jahre her, seit die evangelische Pastorin Dabrina Schwan (33) ihr Heimatland nicht mehr gesehen hat. Nachdem 2009 tausende Menschen im Iran auf die Strasse gegangen waren, um gegen die Wiederwahl des damaligen Präsidenten zu protestieren, verschärfte die dortige Regierung die Repression gegen die nicht-muslimische Minderheit, sagt sie. Dabrina Schwan war damals Pastoralassistentin in der assyrisch-evangelischen Pfingstkirche ihres Vaters. Die Kirche wurde geschlossen und sie nach eigenen Angaben dazu gedrängt, mit der Regierung zu kooperieren und als Informantin zu dienen. Auf Drängen ihrer Eltern beschloss sie, wieder ins Ausland zu gehen. Von 2003 bis 2006 hatte sie bereits in England Theologie studiert.

2010 kam sie in die Schweiz. Zuerst half sie als Englischlehrerin in einer Primarschule aus, dann wurde sie Sozialbetreuerin im Kanton Zürich. Im Gebetssaal der Freien Evangelischen Gemeinde «Chrüzpunkt» in Wettingen erzählt sie von ihrem Werdegang in fast perfektem Schweizerdeutsch, lässt nur hie und da ein «it’s okay» oder «all right» fallen. «Dialekt tönt einfach schöner als Hochdeutsch, finde ich. Deshalb wollte ich es unbedingt lernen.» Da sich die Lage in Iran nicht besserte, blieb sie in der Schweiz und liess sich im Thurgau zur Pastorin ausbilden. Sie heiratete und nahm den Nachnamen ihres Ehemannes an. Ende 2017 erhielt sie die Stelle im «Chrüzpunkt».

Jung und entschlossen

Im grossen, neuartig eingerichteten Saal mit den türkisfarbenen Stühlen und den grossen Flachbildschirmen hält Dabrina Schwan ihre «modernen Gottesdienste». Auf der Webseite des «Chrüzpunkt» findet man Tonaufnahmen davon. Zu ihrer Tätigkeit als Pastorin gehöre aber weit mehr. «Wir begleiten die Menschen, machen Seelsorge oder auch Eheberatung.»

Das passt zu ihr. «Ursprünglich war Psychologie mein Studienziel», sagt die junge, entschlossene Pastorin. Sieht sie Unterschiede in der Ausübung des Glaubens zwischen der Schweiz und dem Iran? «Im Iran scheint mir die Leidenschaft der Gläubigen grösser», sagt sie. «In der Schweiz gibt es Wohlstand, Menschen wenden sich aber oft erst dann an Gott, wenn sie in Not sind», sagt sie.

Bekehrung als nationale Gefahr

Wegen der akuten Not finden im Iran laut Dabrina Schwan derzeit die meisten Bekehrungen zum Christentum statt, obwohl Konvertiten sich laut einem aktuellen Bericht der Schweizer Flüchtlingshilfe nicht als Christen registrieren lassen können und so nicht die gleichen Rechte wie historische Christen geniessen. Konvertierung werde von den iranischen Behörden als Annäherung an den Westen und Protest gegen das System interpretiert, heisst es im Bericht – deshalb wohl das harte Durchgreifen des Staates, der die nationale Ordnung offenbar gefährdet sieht.

Entsprechend laute die Anklage gegen Christen jeweils: «Handlung gegen die nationale Sicherheit.» Betroffen davon sind zurzeit die Eltern sowie der Bruder von Dabrina Schwan. Als assyrisch-aramäische Christen wären sie durch die iranische Verfassung eigentlich als anerkannte historische Minderheit in ihrer Religionsfreiheit geschützt. Dies aber nur sofern sie zu Hause in ihrer Sprache predigen. Sobald eine öffentliche Predigt auf Farsi – der iranischen Sprache – gehalten wird, kann dies als Evangelisierung von Muslimen ausgelegt werden und das wiederum als eine Gefahr für die nationale Sicherheit. Laut Dabrina Schwan waren Predigten auf Farsi früher nicht verboten.

Im Iran gibt es heute mehrere hundert Kirchen. Im Visier der Regierung stehen offenbar nur die nicht traditionellen, evangelischen Freikirchen. Diejenige von Dabrina Schwans Vater war 2009 die erste, die vom Staat geschlossen wurde, wie sie sagt. Die letzte schloss 2014. Über 140 Christen sollen Ende 2018 im Iran festgenommen worden sein. 114 allein während einer Woche, schreibt das christliche Hilfswerk «Open Doors». Im Januar veröffentlichte es den Christen-Weltverfolgungsindex 2019. Dort liegt der Iran unter den repressivsten Ländern auf Platz 9.

Eltern bald vor Gericht

Am 22. Januar hätte die Gerichtsverhandlung von Dabrina Schwans Vater, Pastor Victor Bet-Tamraz, stattfinden sollen. Sie wurde vertagt, da nur er vor Gericht erschienen war. Die weiteren Mitangeklagten seien, wie sie selber, ins Ausland geflohen. Im Februar nun steht die Verhandlung ihrer Mutter Shamiram Issavi an, die bereits einen Herzinfarkt erlitten habe. Der Anwalt ihrer Eltern sitzt derweil im Gefängnis. «Jeder, der etwas bewirken kann, wird festgenommen», sagt Dabrina Schwan, die den iranischen Behörden Willkür vorwirft. Letzten Sommer trat sie deshalb vor den UNO-Menschenrechtsrat in Genf. «Der Druck aus dem Ausland über NGOs wie Amnesty International oder der UNO hilft», sagt sie. «Je mehr Bewusstsein für die Problematik erweckt wird, desto besser.» Nur deshalb trete sie auch vor den Medien.

Vertrauen auf Gott

Warum flüchten ihre Eltern eigentlich nicht aus dem Iran, so wie sie? «Sie lieben ihre Heimat zu sehr», sagt Dabrina Schwan, zudem sähen sie das Überleben als christliche Minderheit als eine Art Berufung. Als Aramäer seien sie direkte Nachfahren einer der ältesten Christengemeinden der Welt. Aramäisch war denn auch die Sprache von Jesus. Da schwinge schon etwas Stolz mit. Zudem vertrauen sie schlicht auf Gottes Willen, wie sie sagt.

«Mein Vater war 65 Tage lang in Einzelhaft in einer kleinen, dreckigen Zelle. Er wurde geschlagen, seine schönen Haare abrasiert.» Überlebt habe er nur, weil Jesus ihn die ganze Zeit über in der Zelle begleitet habe. Das habe er ihr so berichtet.

Kurz mit dem Islam geflirtet

Ernsthaft zum christlichen Gott gefunden habe sie erst, als sie 15 Jahre alt war. Kurzzeitig war sie sogar zum Islam konvertiert. «Ich war Teenager und hatte die ständige Ausgrenzung als Christin satt.» Sie habe damals Gottes Nähe gesucht, diese aber im Islam dann doch nicht gefunden. «Ich wollte unbedingt Gottes Stimme hören und seine Verbundenheit spüren», sagt sie. «Eine lebendige Beziehung zu Gott fand ich aber erst im Christentum wieder.» Im Koran gäbe es für sie zu viele unbeantwortete Fragen.

In der Bibel nicht? «Nein», antwortet sie entschieden. Im Koran stören sie zudem die Abschnitte gegen Frauen, Christen oder Juden massiv. «Diese Dinge liest man im Neuen Testament nicht.» Muslimische Menschen und deren Kultur schätze sie aber sehr, die Gastfreundschaft vor allem. «Das sind wunderbare Menschen. Die Radikalen sind das Problem.» Den Iran, der in diesen Tagen 40 Jahre Rückkehr von Ayatollah Khomeini aus dem Exil und die Islamische Revolution feiert, vermisse sie deshalb sehr. «Es ist ein wunderschönes Land», sagt sie und gibt sich stolz auf ihre aramäischen wie persischen Wurzeln.

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