Baden

Café Himmel droht der Konkurs – Nachfolge-Interessenten haben sich schon gemeldet

Das Badener Café Himmel steht vor dem Aus. Der Geschäftsführer des Traditionscafés versuchte, den Konkurs abzuwenden – ohne Erfolg. Konkurrenten schielen bereits auf die Räume am Bahnhofplatz. Derweil warten Angestellte auf ihren Lohn.

Baden ohne den «Himmel» – für viele Bewohner der Stadt ein Schock, ein unvorstellbarer Gedanke. Die Nachricht, das vor über 160 Jahren gegründete Traditionsgeschäft stehe kurz vor dem Konkurs, kam für die meisten Badenerinnen und Badener gestern völlig überraschend. Zumal das Café und die Konditorei an bester Lage am Bahnhofplatz meist gut besucht waren.

Am Donnerstag waren alle drei Filialen – zwei in Baden, eine in Wettingen – zwar noch offen und teilweise voll besetzt; doch die Öfen in den Backstuben blieben kalt. Unklar ist, wann definitiv Schluss sein wird. Laut Angestellten womöglich bereits heute Freitag – je nachdem, wann der Konkurs eröffnet werde. So habe es der Geschäftsführer den Kadermitarbeitern mitgeteilt. «Ich rechne nicht damit, dass ich am Montag noch arbeiten werde», sagte eine Frau hinter der Theke der Hauptfiliale am Bahnhofplatz.

«Ich war geschockt»: Das sagen die Kunden im Café Himmel zum drohenden Konkurs

«Ich war geschockt»: das sagen die Kunden im Café Himmel zum Konkurs

Verhandlungen mit Konditoren

Nach Weihnachten griff «Himmel»-Geschäftsführer Jörg Holstein zum letzten Mittel, um den drohenden Konkurs doch noch abzuwenden: Er führte Gespräche mit zwei bekannten Konditoren aus der Region betreffend eine Übernahme, wie eine Angestellte berichtet und eine weitere gut unterrichtete Person bestätigt.

Die beiden Geschäftsführer wurden mehrmals in «Himmel»-Filialen gesichtet. Doch der Deal kam nicht zustande. Geschäftsführer Holstein war auch am Donnerstag nicht für eine Stellungnahme erreichbar; er ist gemäss mehreren Angestellten seit einigen Tagen krankgeschrieben.

Derweil warten Angestellte auf den Januar-Lohn. Für viele nichts Neues: In den vergangenen Monaten wurden die Saläre diverser Angestellten jeweils erst mit Verspätung überwiesen. Dies berichten insgesamt vier Angestellte, zwei davon per Mail an die Redaktion, die anderen am Telefon beziehungsweise im Vier-Augen-Gespräch.

Der Dezember-Lohn wurde vielen Festangestellten erst in der zweiten Januar-Hälfte ausbezahlt. Einzig die Lehrlinge erhielten die Löhne bis zuletzt pünktlich – dafür leiden sie unter der unklaren Situation betreffend ihre Abschlussprüfungen.

Die «Himmel»-Filiale im Langhaus war gestern fast leer.

Die «Himmel»-Filiale im Langhaus war gestern fast leer.

Obschon auch sie nicht wissen, wie lange sie noch im «Himmel» arbeiten können, haben sich diverse Angestellte bereits beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) gemeldet. Dort bestätigt eine Teamleiterin, dass das «Mobile RAV» in Kontakt mit «Himmel»-Angestellten stehe.

«Wir hatten schon früh eine Ahnung, dass dieser Moment kommen wird»

«Wir hatten schon früh eine Ahnung, dass dieser Moment kommen wird»

Produktionsleiterin der «Himmel»-Backstube, Nadja Vogt, im Interview mit Tele M1.

Wie reagiert Erbengemeinschaft?

Die Frage, die gestern immer wieder zu hören war: «Wie kann es sein, dass die Finanzen nicht stimmen? Das Café ist immer voll. Oft muss ich sogar auf ein anderes Café ausweichen», sagte ein Gast. Insider vermuten, die beiden kleineren Filialen «Delise» im Langhaus und «Bijou» in Wettingen hätten Probleme bereitet, seien deutlich weniger frequentiert worden als das Hauptgeschäft am Bahnhofplatz 9.

Diese Liegenschaft gehört der Erbengemeinschaft Himmel, der fünf Personen angehören. Gemäss einer davon meldeten sich gestern Donnerstag, nach Bekanntwerden des drohenden Konkurses, bereits Nachfolge-Interessenten – darunter auch Konditorei-Unternehmen aus der Region.

1895 zog der «Himmel» an den heutigen Standort.

1895 zog der «Himmel» an den heutigen Standort.

«Wir haben gute Betriebe in der Region, die den ‹Himmel› übernehmen könnten», äusserte eine Besucherin. «Ja kein Kleiderladen» – diese Devise hörte man oft, als sich die Gespräche um die Zukunft der Liegenschaft drehten. «Von denen haben wir in der Innenstadt definitiv genug», sagte ein weiterer Gast.

Ein letzter Lieblingstoast

Einige Besucher kamen extra ins Café, um Abschied zu nehmen. Eine Dame um die 40 sass am Fenster, schaute gedankenverloren in die Ferne. Dass dem «Himmel» die Schliessung drohe, hatte sie am Morgen aus den Medien erfahren.

«Nun will ich hier noch einmal meinen Lieblingstoast essen und eine heisse Schokolade trinken. Es ist die Beste, die es gibt», sagt sie, um dann gleich mit Ernüchterung festzustellen: «Jetzt ist es wohl die letzte.»

«Torte für Samstag? Geht nicht»

Für Generationen von Badenerinnen und Badenern war das Café ein gesellschaftlicher Treffpunkt, gar ein Zuhause. Seit zehn Jahren oder mehr hat sich die Einrichtung oder das Angebot in der Hauptfiliale des «Himmels» kaum verändert. Diese Kontinuität scheinen die vielen Stammgäste zu mögen. «Obwohl das Lokal sehr traditionell ist, sieht es nicht alt aus. Das hat mir immer gefallen», sagt ein weiterer Mann, der sich frisch pensionieren liess.

Seit 40 Jahren sei er immer wieder im «Himmel» anzutreffen. «Wenn ich sehe, was in der Gastrowelt passiert, überrascht mich dieser drohende Konkurs nicht. Heutzutage geht es nur ums Geld.» Mietpreise schnellten überall in die Höhe, jeder wolle das Maximale aus den Betrieben und Arbeitnehmern auspressen. «Diese Geizmentalität zerstört alles. Es ist jammerschade.»

An der Patisserie versuchte eine Kundin, für Samstag eine Torte zu bestellen. «Das geht nicht», sagte die Angestellte, «wir wissen ja nicht, ob es uns dann noch geben wird.»

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