Obersiggenthal

Biber knabbert beim Kappisee – Gemeinde stört und freut sich zugleich

Meister Bockert hat beim Kappisee mehrere Bäume gefällt. Lange wird er wohl nicht mehr in Obersiggenthal bleiben, dem Nager geht die Nahrung aus.

Über 20 gefällte und angefressene Bäume innert wenigen Tagen – das ist die Bilanz des Bibers, der am Kappisee in Obersiggenthal zurzeit seine Spuren hinterlässt. Vor allem junge Weiden fielen dem pelzigen Nager zum Opfer. Aber auch drei Obstbäume, die Teil der ökologischen Aufwertungsmassnahmen der Gemeinde sind. «Das ist für uns natürlich nicht angenehm», sagt Gemeindeschreiber Anton Meier.

Damit Meister Bockert nicht noch mehr Obstbäume anknabbert, hat der Obersiggenthaler Baudienst unterdessen ein Drahtgeflecht um die Stämme angebracht. So soll sich der Biber in Zukunft nur noch an den Weiden gütlich tun, die schnell wieder nachwachsen. Zu einem späteren Zeitpunkt will die Gemeinde die gefällten Obstbäume ersetzen. «So sollten wir das Problem in den Griff kriegen», ist Anton Meier überzeugt.

300 Biber im Aargau

Viel mehr unternehmen kann die Gemeinde ohnehin nicht. Denn der Biber ist seit 1962 eine national geschützte Tierart. Der Nager war in der Schweiz einst fast ausgestorben und musste wieder angesiedelt werden. Vor allem sein dichtes Fell war begehrt. Zudem sagte man seinem Drüsensekret, dem sogenannten Bibergeil, grosse Heilkräfte nach. Unterdessen gibt es im Aargau wieder knapp 300 Biber. Dennoch ist er weiterhin auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten aufgeführt. Er darf weder verletzt noch getötet werden, sein Lebensraum sowie seine Bauten stehen unter Schutz und dürfen nur mit einer Bewilligung des Kantons abgerissen werden.

Dies dürfte in Obersiggenthal nicht nötig sein. Denn Konfliktpotenzial zwischen Biber und Mensch ist kaum vorhanden: Landwirtschaftsland, das der Biber überfluten könnte, befindet sich keines in unmittelbarer Nähe. Der Biber sei wahrscheinlich vom Wasserschloss bei Gebenstorf hinauf zum Kappisee geschwommen, sagt der Turgemer Alfred Schären, auch bekannt als «Biberfredi«. Er nimmt an, dass die Tiere sich im Wasserschloss immer mehr vom Mensch gestört fühlen und sich deshalb neue Reviere suchen. Als Beispiel nennt er den Parkplatz nach der Vogelsanger Brücke Richtung Brugg. «Dort parkieren Autofahrer auch in der Nacht, was den dämmerungs- und nachtaktiven Biber beim Fressen beeinträchtigen kann.» Ob die Population deshalb seit 2008 zurückging, kann er nur vermuten.

Der Biber betreibt Naturschutz

Der Biber beim Kappisee wird wohl auch bald wieder weiterziehen, nimmt Andres Beck an, Biberverantwortlicher des Kantons. «Das Gebiet zwischen den beiden Kraftwerken Aue und Kappelerhof ist zu klein für eine Biberfamilie.» Auch sei die Topografie in diesem Gebiet nicht günstig. Die Ufer steigen auf beiden Seiten stark an, weshalb dort zu wenig Weichhölzer wie Weiden wachsen – die Hauptnahrung des Bibers im Winter. Eigentlich schade, findet Beck. Denn der Nager leiste mit seinen Dämmen viel für die Biodiversität, wovon Amphibien, Insekten, Fischen, Libellen oder Vögel profitieren. «Der Biber betreibt Naturschutz – und das erst noch gratis.»

In Obersiggenthal will man den Biber weiterhin im Auge behalten. Aber trotz des angerichteten Schadens: Die Freude über den Nager überwiegt. «Es lohnt sich, auf einem Spaziergang die neuen Spuren des Bibers selber zu entdecken», schreibt die Gemeinde in einer Mitteilung. «In diesem Sinne ist Obersiggenthal um eine Attraktion reicher.»

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