Baden
Bekannter Beizer verhaftet – nach Siegestaumel und Fahnen-Fahrt auf Velo

Erst umrundete Badens «Rebstock»-Wirt Markus Widmer auf dem Velo mit Schweizerfahne in der Hand Schulhausplatz. Die Aufforderung zum Mitfeiern interpretierten zwei Polizisten anders: Sie machten den Siegesfreudigen auf unzimperliche Art dingfest.

Roman Huber
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Der Badener «Rebstock»-Wirt Markus Widmer wird von der Stadtpolizei abgeführt. Matthias Steimer

Der Badener «Rebstock»-Wirt Markus Widmer wird von der Stadtpolizei abgeführt. Matthias Steimer

Matthias Steimer

Seine Knie sind aufgeschürft, ebenso die linke Gesichtshälfte, die Schulter schmerzt noch immer. Markus Widmer versteht seit gestern die Welt nicht mehr.

Der unter dem Namen «Schnäggli» bestens bekannte Badener Wirt des Restaurants Rebstock fuhr nach Ende des Spiels Schweiz gegen Ecuador mit seinem Velo und der Schweizerfahne in der Hand mehrere Mal um den Verkehrsknoten Schulhausplatz herum.

«Ich war mir darüber völlig im Klaren, was ich tat, und ich habe dabei auch kein Rotlicht überfahren, denn ich hätte mich ja selber gefährdet», schildert Widmer den Hergang. Dies obschon er bereits mehr als ein Bier intus hatte – 0,7 Promille, wie die polizeiliche Messung anschliessend ergeben hat.

Eine Patrouille der Stadtpolizei beurteilte die Situation offenbar anders: Aus ihrer Sicht hat sich Widmer durch sein Verhalten auf fahrlässige Art in Gefahr gebracht. Die beiden Polizisten riefen Widmer herbei, dieser versuchte sich jedoch zum Weiterfeiern zu verabschieden, schildert ein Beobachter.

Dann geschah es vor den Augen zahlreicher Zuschauer, die völlig perplex die Szene verfolgten: Als Widmer sich entziehen wollte, packten ihn die Polizisten, zogen ihn vom Fahrrad, drückten ihn zu Boden, sodass er mit dem Kopf auf dem Asphalt aufschlug. Dann rissen sie ihm die Hände auf den Rücken und legten ihn in Handschellen, während er mehrmals manifestierte: «Ich mach doch nüt.»

Patrouille musste durchgreifen

Martin Brönnimann, Badens Polizeichef, erklärt, dass er sich nicht zum Vorfall und den Details äussern dürfe, «auch nicht dazu, was dem polizeilichen Eingreifen vorausgegangen ist, denn es handelt sich um ein laufendes Verfahren». Er könne sich nur ganz allgemein äussern, so Brönnimann: Wenn sich jemand der polizeilichen Gewahrsam entziehen wolle, seien die Polizisten angehalten, rasch und konsequent zu reagieren.

Eine Anzeige wird es bei Widmer womöglich wegen Velofahrens in angetrunkenem Zustand absetzen. Denn gemäss Strassenverkehrsgesetz gilt für Fahren mit dem Fahrrad dieselbe Alkohollimite von 0,5 Promille wie beim Autofahren. Weil der Strafbestand weniger schwer wiegt, fällt die Busse geringer aus. Bei massivem Verstoss droht je nach Urteil des Strassenverkehrsamtes dem Velofahrer zusätzlich ein Entzug des Autofahrausweises.

«Unangemessen» reagiert

Widmer wie auch Beobachter des Polizeieingriffes beurteilen den Eingriff als «völlig unverhältnismässig». Ebenso hätten sich die Polizisten von Passanten durch verbale Äusserungen provozieren lassen. «Ich verstehe jedes konsequente Durchgreifen der Polizei», sagt ein besonnener Zuschauer. Die Patrouille habe wohl unbegründet eine Eskalation erwartet und darum unangemessen reagiert, vermutet dieser.

Er sei über das Vorgehen jetzt noch geschockt, sagt Widmer am darauffolgenden Tag. Dies, nachdem er rund drei Stunden in der Notfallstation des Kantonsspitals Baden verbracht habe. Die Schulter schmerze ihn jetzt noch, doch er müsse trotzdem arbeiten.

Widmer, vor rund zehn Jahren noch Gastro-Verantwortlicher der Jugendkulturbeiz Merkker, schmerzt zusätzlich, weil er sich seit eh und je gegen Gewalt im öffentlichen Raum engagiere und nun selber zum Opfer geworden sei.

Widmer erwägt darum seinerseits eine Anzeige gegen die Beamten wegen Körperverletzung. Allerdings sei er von einem Polizisten davor gewarnt worden mit der Begründung, sonst hätte er mit einer Anzeige wegen Widerstandes gegen Polizeibeamte zu rechnen. «Dabei würde ich nie Gewalt anwenden», fügt Widmer an, dessen WM-Euphorie dadurch zumindest bis zum nächsten Schweizer Sieg einen Dämpfer erlitten hat.

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