Baden

Baustopp wegen Sensationsfunden? «Nur der Bund kann hier noch rettend eingreifen»

Martin Killias sorgt sich um das historische Kulturgut im Kurplatz, wo zurzeit Leitungsarbeiten im Gang sind.

Martin Killias sorgt sich um das historische Kulturgut im Kurplatz, wo zurzeit Leitungsarbeiten im Gang sind.

Nach mehrere sensationellen Funden bei Bauarbeiten auf dem Kurplatz in Badens Bäderquartier fordert der Heimatschutz einen Baustopp. Präsident Martin Killias begründet

Herr Killias, der Heimatschutz fordert beim Bund einen sofortigen Stopp der Bauarbeiten auf dem Kurplatz. Was lief in Ihren Augen schief in Baden?

Wenn das Projekt optimal geplant worden wäre, dann hätte man vor Beginn jeglicher Bauarbeiten zuerst einmal eine Ausgrabung oder zumindest Sondierungen angeordnet. Dann hätte man aufgrund der Funde die Baubewilligung anpassen können, wie man das auch anderswo macht. Eine Baubewilligung wie in Baden erteilt man klugerweise nur mit Auflagen.

Was ist Ihre wichtigste Forderung?

Dass die eidgenössische Kommission für Denkmalpflege die Situation vor Ort anschaut. Zu dieser Kommission haben wir Vertrauen. Wir sind nicht unbelehrbar. Wenn die Kommission zum Schluss kommt, man könne alles zuschütten, dann ist das halt so. Aber ich gehe nicht von Vorneherein davon aus.

Historisches Freitbad teilweise freigelegt: Die aktuelle Situation auf dem Badener Kurplatz

Historisches Freibad teilweise freigelegt: Die aktuelle Situation auf dem Badener Kurplatz

Ein Augenschein vor Ort im Badener Bäderquartier am 5.11.2020

Haben Sie zuvor schon auf andere Weise versucht, Einfluss zu nehmen?

Das Problem ist, dass hier etwas laufend kaputt gemacht wird. Aufgrund des Baufortschritts besteht ein Zeitdruck. Die Stadt Baden und die Kantonsarchäologie haben klar gemacht, dass sie sich mit der Erforschung der Funde und der Dokumentation begnügen. Die Forderung nach einem Baustopp durch Kanton oder Stadt hätte nicht den Hauch einer Chance gehabt.

Kantonsarchäologie und Stadt haben Abklärungen vorgenommen. Warum reicht das nicht?

Es geht nicht nur um Forschung, sondern auch die Erhaltung dieser Kulturgüter. Ob sich ihre Erhaltung lohnt oder aufdrängt und ob sie machbar ist, muss abgeklärt werden. Solche Abklärungen muss jemand machen, der eine gewisse Distanz hat, geografisch und institutionell. Die Stadt Baden hat die Bauherrschaft, und wichtige Player sind sehr nahe dran. Das Problem liegt darin, dass kantonale Denkmalpfleger und Kantonsarchäologen häufig in Situationen sind, wo riesige lokale Interessen auf dem Spiel stehen. Sie sind in Hierarchien eingebunden und dadurch nicht unabhängig. Das ist menschlich und auch in anderen Kantonen zu beobachten.

Der Heimatschutz kritisiert in seiner Mitteilung die Kantonsarchäologie und die Stadt Baden, ohne sie explizit zu nennen. Warum?

Wir nennen sie nicht, weil es um die Sache geht. Nicht sie sind das Problem, sondern die Politik. Ich habe durchaus viel Verständnis für den Stadtammann, dass er eine andere Perspektive hat. Er ist nicht zu beneiden. Im Vergleich zu den meisten anderen Orten hat er 1000 Jahre Baukultur mehr unter dem Boden. Wir als Heimatschutz sind der Anwalt des Kulturguts, das unter dem Boden liegt und dessen wirtschaftliche "Rentabilität" nicht evident ist, anders als bei den Neubauten darüber, denen dieses Kulturgut im Wege steht. Es ist unsere Pflicht, genau hinzuschauen und einzugreifen, wenn wir es für nötig halten.

Wieso sind Sie optimistisch, dass der Bund Ihren Antrag um ein Gutachten gutheisst?

Wir sehen das durchaus nicht als sicher, aber wir hoffen es, denn nur der Bund kann hier noch rettend eingreifen. Und wenn der Bund nichts unternehmen sollte, dann müssen wir uns wenigstens nicht vorwerfen, nicht alles versucht zu haben.

Sie haben bei Ihrer Rede zur Übergabe des Wakkerpreises an Baden vor zwei Monaten Bezug genommen auf die Funde im Bäderquartier. Sie sprachen von Ihrer Hoffnung, dass Lösungen möglich werden, die der europäischen Bedeutung des «unterirdischen Baden» gerecht werden. War das eine Warnung?

Das war eine Mahnung. Es gibt in Baden viele gute Entwicklungen – dafür bekam Baden den Preis. Der Umgang mit den Bädern – etwa dem Verenabad – hat uns immer etwas Sorgen gemacht. Aber auch wir haben die neuesten Entdeckungen nicht erwartet, die nun doch alles in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Wakkerpreis-Übergabe: Heimatschutz-Präsident Martin Killias mit Badens Stadtammann Markus Schneider

Wakkerpreis-Übergabe: Heimatschutz-Präsident Martin Killias mit Badens Stadtammann Markus Schneider

Warum haben Sie beim Verenabad nichts unternommen?

Hier würde ich sagen: Wir haben uns belehren lassen. Wenn das Verenabad in freigelegtem Zustand Schaden nimmt, hilft das niemandem. Aber ich muss schon anfügen: Mir ist nicht klar, wie das Verenabad, das fast 2000 Jahre lang genutzt wurde und intakt blieb, jetzt so schnell kaputt gehen soll, wenn es an der Oberfläche bleibt. Da wäre eine Beurteilung durch die eidgenössische Fachkommission wichtig.

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21. Mai 2020: Sensationsfund in Baden lockt Besucher an

Bei Bauarbeiten in der Nähe des ehemaligen Hotels "Verenahof" fanden Archäologen im Mai ein bisher unbekanntes römisches Badebecken. Das Stück ist vermutlich gegen 2'000 Jahre alt. Interessierte konnten den spektakulären Fund heute besichtigen.

In der Begründung heisst es, der Boden sei wegen des Thermalwassers extrem feucht und salzhaltig. Zusammen mit den Temperaturschwankungen würde der Mörtel spröde und die Becken zerstört werden.

Ich kann die Begründung nachvollziehen, aber nicht einordnen, wenn ich an andere archäologische Funde denke, wo man das anders handhabt. Es gäbe ja allenfalls auch noch andere Formen der Konservierung als unter freiem Himmel. Aber das sollen die Fachleute der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege beurteilen.  

Falls der Bund den Baustopp anordnet und die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege ein Fachgutachten erstellen lässt, wie lange wird das dauern?

Das wäre ja ein Expressauftrag für die Fachleute. Bei solch dringlichen Angelegenheiten arbeiten die sehr schnell. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ein Gutachten bis Weihnachten vorliegt.

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