Kultur-Lockdown

Diese Badener Künstler erwachen aus der Corona-Schockstarre

Für Bühnen-Künstler wie Adrian Stern, Patti Basler oder Rahel Sohn (v.l.n.r.) war die Coronakrise eine Herausforderung.

Für Bühnen-Künstler wie Adrian Stern, Patti Basler oder Rahel Sohn (v.l.n.r.) war die Coronakrise eine Herausforderung.

Badener Künstlerinnen und Künstler erzählen, wie sie der Lockdown geprägt hat – und mit welchen Projekten sie schrittweise wieder in die Normalität zurückkehren.

Wäre mit Zucchero aufgetreten: Nic Niedermann nutzte die Coronakrise für digitales Songwriting.

Wäre mit Zucchero aufgetreten: Nic Niedermann nutzte die Coronakrise für digitales Songwriting.

Nic Niedermann und die nigerianische Sängerin Justina Lee Brown traf der Lockdown besonders hart. «Wir waren nach der erfolgreichen Halbfinal-Teilnahme an der International Blues Challenge in den USA auf Tournee und erwischten am 23. März 2020 den allerletzten Flieger zurück in die Schweiz», erzählt der Musiker. Der Contest hätte ihren Karrieren einen gehörigen Schub gegeben. Auftritte am Bluesfestival in Sierre (mit Zucchero) und am Blue Balls Festival im Luzern standen auf dem Programm und wurden wieder gestrichen. Während Lee Brown wie viele Kulturschaffende ohne jegliche Reserve lebt, hat Niedermann noch ein Polster: «Obwohl ich seit Mitte Februar null Einkommen habe, bin ich existenziell nicht bedroht.» Im Winter erhielt er zudem vom Kuratorium Aargau einen mit 10'000 Franken dotierten Werkbeitrag für sein künstlerisches Schaffen. Er nutzte die Coronakrise, um sich noch mehr ins digitale Songwriting einzuarbeiten. «Die Ruhe löste einen Kreativitätsschub aus», meint er. Ab kommenden Donnerstag, 25. Juni 2020, findet im Club Joy auf der Pop-up-Terrasse auch wieder seine Konzertreihe «Afterwork» statt. Zum Auftakt spielt das Aargauer Duo «Voice Meets Piano And More».

«Rein finanziell ist die Situation ziemlich bitter»

«Lange dürfte es nicht mehr so weitergehen», sagt Pianistin Rahel Sohn.

«Lange dürfte es nicht mehr so weitergehen», sagt Pianistin Rahel Sohn.

«Am Anfang des Lockdown war ich blockiert», erzählt Pianistin Rahel Sohn. Monatelang hatte sie für die bevorstehenden Konzerte geprobt. Alles für die Katz. «Es ging eine Weile, bis ich wieder zu spielen anfing und die Stille, die mich umgab, als wohltuend empfand», erzählt die Tastenkünstlerin. «Ich fing an, Projekte in Angriff zu nehmen, die ich schon lange einmal machen wollte.» Zum einen ist das ein Abend mit Sascha Garzetti und Jonas Arnet, der Text und Musik von Schubert-Liedern neu beleuchtet und im April 2021 im ThiK Baden Premiere feiert. Zum anderen ein weiteres Chansonprogramm mit Paul-Burkhard-Liedern, das sie mit ihrer Schwester Noëmi Sohn auf die Bühne bringt. Dank ihres 30-Prozent-Engagements als Korrepetitorin an der Zürcher Hochschule der Künste geriet sie trotz vieler Konzertabsagen nicht in eine existenzielle Krise, doch: «Lange dürfte es nicht mehr so weitergehen.»

Autor Simon Libsig hat seine Liebe zum Zeichnen entdeckt.

Autor Simon Libsig hat seine Liebe zum Zeichnen entdeckt.

Autor und Poet Simon Libsig gesteht: «Vor dem Lockdown war ich völlig erschöpft und fühlte mich wie in einem Hamsterrad.» Nach der ersten Schockstarre, als er die Liste mit Auftrittsabsagen durchging, kam dann langsam die Erholung. «Für unser Familienleben war der Lockdown nur von Vorteil», erzählt der Vater von zwei kleinen Buben. Wortkünstler Libsig hat in der Coronakrise seine Liebe fürs Zeichnen entdeckt und die Figur der Piratenprinzessin «Haggetag» entworfen. Daraus soll ein Videoclip oder ein Kinderbuch entstehen. Zudem gibt er wieder Schreibworkshops in Schulen. Trotzdem: «Rein finanziell ist die Situation ziemlich bitter.» Libsig meint, er sei mit einem blauen Auge davongekommen. Das habe er auch seinem Vermieter zu verdanken. «Er hat uns eine Monatsmiete erlassen. Wir haben sehr viel Entgegenkommen erlebt.»

«Mir fehlten die Live-Auftritte enorm»: Patti Basler, Kabarettistin und Satirikerin.

«Mir fehlten die Live-Auftritte enorm»: Patti Basler, Kabarettistin und Satirikerin.

Auch die Badener Satirikerin, Autorin und Kabarettistin Patti Basler nutzte mit ihrem Bühnenpartner Philippe Kuhn das unfreiwillige Timeout, um neue Skills zu erlernen. «Ich fing an zu singen und wir drehten Videoclips, die wir unter dem Label Apocalypso TV auf die sozialen Netzwerke stellten.» Finanziell habe sie wegen guter Einnahmen im letzten Jahr nicht zu nagen. «Aber ich lebe vom Kontakt mit dem Publikum und mir fehlten die Liveauftritte enorm.»

Während des Lockdowns las unter anderem Bühnenpoetin Patti Basler aus der Isolation für die Leser:

«Zuerst waren es nur Kleinigkeiten ...»: Patti Baslers berührender Brief an ihr verstorbenes Grossmueti

«Zuerst waren es nur Kleinigkeiten ...»: Patti Baslers berührender Brief an ihr verstorbenes Grossmueti

  

Am 4. Juli 2020 steht sie mit Kuhn erstmals wieder auf einer Bühne. Im Casino Bern zeigt das Duo ein musikalisches Exklusivprogramm, das in der Coronazeit entstanden ist. Was nimmt sie sonst noch aus dieser schwierigen Phase mit? «10 Kilogramm mehr auf den Rippen», meint Basler trocken.

«Die Krise hat uns bestärkt in dem, was wir machen»

Gitarrist und Sänger Peter Finc: «Als freischaffender Musiker immer am Limit.»

Gitarrist und Sänger Peter Finc: «Als freischaffender Musiker immer am Limit.»

«Ich empfand die Entschleunigung als wohltuend. Langweilig war es mir nie», bekundet Gitarrist und Sänger Peter Finc. Er arbeitete mit Schlagzeuger Tim Frey im Duo Finrey und als Solokünstler gleich an zwei CDs. Ob wir es punkto Kosten schaffen, die Alben herauszugeben, weiss ich noch nicht. Im Moment ist das ganze Musikbusiness im Keller.» Trotzdem ist der Badener Hüne zuversichtlich: «Wir kämpfen alle. Aber die Krise hat uns auch bestärkt in dem, was wir machen. Die Musikszene in der Schweiz bietet enorm viel.» An den wenigen Konzerten, die er nach dem Lockdown spielen konnte, habe er gemerkt, wie hungrig die Leute wieder auf Livemusik sind. Er bezeichnet sich als Lebenskünstler. «Als freischaffender Musiker läuft man immer am Limit. Aber irgendwie habe ich immer meinen Weg gefunden.»

Musiker Adrian Stern: «Wichtig war für mich ein strukturierter Alltag.»

Musiker Adrian Stern: «Wichtig war für mich ein strukturierter Alltag.»

Der Aargauer Vorzeigemusiker Adrian Stern entwickelte sich während Corona zum Frühaufsteher. «Wichtig war für mich ein strukturierter Alltag. Ich ging morgens ins Studio, um an meiner neuen CD «Meer» zu arbeiten. Nachmittags war Family-Time mit meinen Töchtern Mina und Juno angesagt.» Im Juli wird er mit seiner Band in einem Hotel im Berner Oberland von einer Glasbox aus ein Konzert geben. Das Publikum wird über Kopfhörer von den Terrassen aus zugeschaltet. Ab Oktober 2020 geht es dann wieder auf Tournee. Obwohl er mit seiner Familie zurzeit vom Ersparten leben muss, findet Stern die Coronazeit wertvoll. «Der ganze Lifestyle wurde runtergefahren. Meine Frau und ich gingen mit den Kindern viel auf die Baldegg und genossen die gemeinsame Zeit bewusster denn je.»

Meistgesehen

Artboard 1