Rezension

Baden – eine ganz spezielle Geschichte ist das

Eine Visualisierung der Bäder zur Römerzeit. zvg

Eine Visualisierung der Bäder zur Römerzeit. zvg

Die neue Stadtgeschichte Baden(s) hat zwei Väter und zwei Mütter. Das «Kind» überzeugt in Konzept, Inhalt und Darstellung.

Will ich ein Buch mit historischem Inhalt lesen? Das entscheidet sich bei vielen schon, wenn sie das Werk von aussen betrachten. «Stadtgeschichte Baden» aus dem Verlag «hier und jetzt» sieht nicht aus wie ein typisches Geschichtsbuch. Ungewohntes Format (ungefähr A4), gediegene blau-weisse Gestaltung, kein altes Bild auf dem Deckel, vertretbare Dicke – also rein ins Vergnügen.

Der zweite Eindruck: Anstelle einer erklärenden Einleitung, was man von dem Buch erwarten darf, steht ein «Prolog», eine Sequenz aus der Badener Geschichte (eine entscheidende, wie man bald merken wird). «Bruno Saft verkauft im April 1891 anderthalb Hektaren Matt- und Ackerland auf dem Haselfeld an Walter Boveri» – erwarten Sie einen solchen ersten Satz in einem Geschichtsbuch? Die erste Überraschung, das «Hineinziehen» des Lesers ist geglückt. Also weiter im Text.

Auftrag und Freiraum

Auftraggeber war die Stadt Baden. Die Autoren waren also in offizieller Mission unterwegs. Doch, dies ein dritter Eindruck: Das Buch strahlt keine schwere «Offizialität» aus. Den Verfassern blieb viel inhaltlicher und gestalterischer Freiraum. Das unkonventionelle Aussehen findet seine Fortsetzung in unkonventionellen Herangehensweisen an die Themen. Vermutlich rührt das daher, dass sich im Autorenteam auch der Verleger befindet: Bruno Meier, Partner bei «hier und jetzt» und Lokalhistoriker, der mit seiner Forschung das Lokale längst gesprengt hat. Wer, wenn nicht der Verleger, weiss, wie man es macht, damit sich Inhalt und Gestaltung optimal ergänzen.

Die Stadtgeschichte hat vier Autoren, alle mit längst bewiesenem Fachwissen und ausgeprägtem Bezug zu Baden. Neben Meier sind es: Andrea Schaer, sie ist bei der Kantonsarchäologie angestellt und hat die jüngste aufsehenerregende Grabung im Bäderquartier geleitet; Ruth Wiederkehr, Historikerin, Gymnasiallehrerin und Redaktorin der «Badener Neujahrsblätter»; schliesslich Fabian Furter, Architekturhistoriker und Partner im Badener Büro «im Raum». Eine gute Mischung also aus «Allgemeinhistorikern» und «Spezialhistorikern» in Gebieten, die für Baden wichtig sind.

Wir sind immer noch am Blättern. Wir sehen: Viele Visualisierungen, Porträts in Text und Bild von Badener Persönlichkeiten aus 2000 Jahren, Stadttopografien, welche eindrücklich die Entwicklung Badens von den Römern bis 1980 dokumentieren (manchmal sagt ein Bild mehr als tausend Worte), alles Elemente, welche das Gefühl «leicht und bekömmlich» bedienen. Man kann hier auch nur schmökern und hat bereits Wichtiges zu Baden begriffen.

Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt sodann: Hier wird nicht einfach chronologisch-historiografisch vorgegangen (zu Deutsch: geschichtliche Darstellung in zeitlicher Abfolge). Hier gibt es Handlungsstränge, die Geschichte wird sozusagen thematisch aufgedröselt und getrennt in die Gegenwart geführt: Bäder und Badekultur. Baden auf der politischen Bühne. Industriestadt. Konfessionen und Kulturen. Schliesslich die Stadt, die «wie eine Kröte in der Klus hockt».

Über Otto Mittler hinausgeführt

Aber bitte, wer rezensieren will, muss auch lesen. Ein paar Eindrücke: Die Geschichte des Bäderviertels wurde noch nie so umfassend und fundiert dargestellt. Die Autorin verbindet gekonnt Erkenntnisse aus ihrem Fachgebiet (Archäologie) mit Stimmungsbildern und politisch-wirtschaftlichen Nebengeräuschen. Man spürt, wie beschämend es wäre, wenn der Wiederaufschwung nicht gelänge (Anmerkung des Rezensenten, nicht der Autorin . . .). Oder: Das Erscheinungsjahr des Buches hat wohl nicht zufällig eine 15 hinten: Die Ereignisse um 1415, wie sich Baden weit tapferer gegen den Ansturm der Eidgenossen gewehrt hat als etwa Zofingen oder Aarau, kommt sehr gut zur Darstellung. Eindrücklich wird einem vor Augen geführt, wie bedeutend Baden über Jahrhunderte als Sitz der eidgenössischen Tagsatzung war.

Zu gefallen wissen auch die thematischen Schwerpunkte über die Juden oder über den Katholizismus. Oder die ganze Wirtschaftsgeschichte. Alles Dinge, die neu sind, weil Otto Mittler sie in seiner Stadtgeschichte von 1965 noch ausgeklammert hat. Kompetent abgehandelt sind auch Dinge, die zu Mittlers Zeit noch gar nicht passiert waren: etwa die Geschichte der (Badener) Jugendbewegung. Oder der städtebauliche Schub in Baden Nord nach dem Ende der (guten alten) BBC. Oder die Verkehrsplanung, die heute bereits wieder überholt ist. Hier berühren sich auf spannende Weise Geschichte und aktuellste Gegenwart.

Was fehlt: Ein Kurzabriss

Schliesslich: Wer glaubwürdig rezensieren will, muss auch kritisieren. Was hätte man besser machen können? Auftragsgemäss hat man mehr für Laien als für Fachleute geschrieben. Gerade Laien schätzen einen chronologischen Faktenordner, einen Kurzabriss, eine Übersicht über die wichtigsten Ereignisse von 2000 Jahren. Das fehlt.

Der Trend ist auch in modernen Lehrmitteln auszumachen: Schwerpunktsetzung statt Vollständigkeit, thematischer statt chronologischer Zugang, zusammennehmen, was zusammen gehört. Wohl entsteht, wenn man alle Puzzleteile zusammenfügt, ein Ganzes. Aber dieses Ganze erschliesst sich einem nicht auf Anhieb. Da wäre ein bisschen Hilfe gut gewesen.

Aber sonst: Impeccable. Chapeau.

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