Papa? Papa?» Mein vierjähriger Sohn weckt mich aufgeregt. Er hat seinen Stoffaffen dabei. Es ist mitten in der Nacht. «Gibt es noch Schwertfische?» Ich schlage die Bettdecke zurück. Er klettert über mich drüber und legt sich zwischen mich und den Einjährigen. Meine Frau am anderen Bettrand hebt kurz ihren Kopf. Alles gut. Wieder alle beieinander. Wie jede Nacht. Wie in einer Sardinenbüchse. Oder was war es? «Schwertfisch, Papa!» Ich bin schon fast wieder eingenickt. «Gibt es noch Schwertfische?» Vor dem Schlafengehen hatten wir noch ein Dinosaurierbuch angeschaut und Lino fand es schade, dass es Dinos nicht mehr gibt.

«Schwertfische gibt es noch», sage ich und bin dann plötzlich nicht mehr ganz sicher, «ich glaube, Schwertfische sind noch nicht ausgestorben.» Lino scheint fürs Erste beruhigt. Ich habe keine Ahnung, wie er auf Schwertfische kommt. Ich sinke wieder ins Kissen. «Ausgestorben», flüstert Lino, «also leben sie noch.» Ich könnte das so stehen lassen, schaffe es aber nicht. «Sie sind nicht ausgestorben, deshalb leben sie noch», korrigiere ich meinen Sohn, mitten in der Nacht. «Und jetzt schlafen wir.» Lino versucht es. Schafft es, keine Sekunde ruhig zu liegen. Dreht sich. Druckst sich. Tippt mich an. «Aber Papa. Wenn man doch ausgestorben ist. Dann lebt man doch.» Ich bin schon leicht genervt, weil sich das Karussell in meinem Kopf zu drehen beginnt. Wie viel Schlafenszeit bleibt mir noch?

Was muss ich morgen alles erledigen? Was müsste ich schon lange erledigen? Welche Rechnungen liegen auf dem Tisch? Wie viel kommt diesen Monat rein? Noch eine oder zwei Runden länger auf diesem Karussell und ich würde nicht mehr einschlafen können, sondern in einer sich steigernden Angst wachliegen, bis ich dann aufstehen muss. Fix und fertig. Ungefähr zwischen den Gedanken an die unerledigte Steuererklärung und dass man ja schon lange mal eine Patientenverfügung und einen Ausflug mit sämtlichen Göttikindern hätte machen wollen, dringt Linos Gedanke zu mir durch. Natürlich! Aus-gestorben! Wenn man ausgestorben ist, dann lebt man! Ich drehe mich zu Lino und küsse ihn.

Er habe völlig recht sage ich. Was er doch für ein aufgeweckter, ausgeschlafener Junge sei. Wenn jemand ausgeschlafen ist, dann ist er hellwach. Dann ist er gerade nicht am Schlafen. Und wenn jemand ausgestorben ist, oder ausgestorben hat, dann ist er aus dem Tod heraus, zurück ins Leben gekommen, man sagt ja auch ausgeträumt, wenn ein Traum ... ich bin richtig aufgeregt, möchte diesen Gedanken mit Lino weiterspinnen, möchte auch wissen, wie er auf Schwertfische kommt, aber da ist er schon wieder eingeschlafen. Und ich liege wach. Versuche mit dem Schwert des Schwertfisches gegen das Wachsein anzukämpfen, bis ich aufgebe und einschlafe. Und Lino mich kurz darauf aufgeregt weckt. «Papa, haben Schwertfische auch einen Schild?»

Der Spoken-Word-Poet Simon Libsig (41) hat zuletzt den Krimi «Der Velodieb, der unters Auto kam» geschrieben. Seine Kolumnen erscheinen immer am ersten Donnerstag im Monat.