Die Haare sind mittlerweile kürzer, der Bart rasiert oder gestutzt. Wer Felix Bugmann, Hanspeter und Ueli Frey sieht, würde kaum erahnen, dass da drei vor einem sitzen, die sich früher keinen Deut um gesellschaftliche Normen und Regeln scherten. Vor knapp 50 Jahren waren Bugmann und die Frey-Brüder nämlich das, was man gemeinhin als «Hippies» bezeichnet. Nicht im urbanen Zürich, Basel oder Bern, nein, im beschaulichen Birmenstorf.

Das Leben der drei Männer ist derzeit Teil der Ausstellung «Love, Peace und Frauenstimmrecht», die noch bis Mitte März 2019 im Historischen Museum Baden zu sehen ist. Sie würdigt die Zeit rund ums Jahr 1968; eine Ära, die bedeutende gesellschaftliche Umbrüche einleitete.

Als Jugendliche hätten sie damals alles wie ein Schwamm aufgesogen, was aus den USA und von Grossbritannien nach Kontinentaleuropa schwappte, sagt Felix Bugmann (69). Angeregt durch die Klänge und Texte der Beatles, der Rolling Stones und vieler weiterer Bands sehnten sie sich nach Freiheit und Selbstbestimmung, nach einem Ausbruch aus dem starren Alltagsleben. «Wir haben die Bilder von der Londoner Carnaby Street gesehen und wahrgenommen, wie sich die Leute gekleidet haben. Das hat uns beeindruckt», erinnert sich Bugmann.

Die «Spiesserhölle» verlassen

Also wagten sie den Ausbruch aus der «Spiesserhölle». So bezeichnet es Hanspeter Frey (69), der nach der Lehre bei BBC in Baden in Hausen lebte. «Wir kannten da ein Bauernhaus in Birmenstorf, in dem Freunde von uns wohnten und in dem wir öfters zu Besuch waren.» Zwei ständige und mehrere wechselnde Bewohner lebten ab 1969 in diesem «offenen Haus» an der Badenerstrasse 165. Das sei für damalige Verhältnisse revolutionär gewesen, erklärt Frey: «Dass Menschen aus unterschiedlichen Familien miteinander lebten, war grundlegend neu.»

Einige Bewohner dieser ersten Phase zogen bis 1971 wieder aus. Deren Plätze in der Kommune nahmen unter anderem Hanspeter Frey und Felix Bugmann ein. «Weil das Bauernhaus zwischengenutzt wurde, war der Mietzins für uns erschwinglich», erklärt Bugmann. Weitere Bewohner waren die mittlerweile verstorbenen Hanspeter Ruesch und Werner Gaus, sowie Hanspeter Freys Ehefrau Ewa Jonsson. Freys fünf Jahre jüngerer Bruder Ueli sollte erst einige Zeit später dazustossen.

Der Schritt raus aus dem behüteten Leben im Elternhaus, rein in das ungewisse Dasein in der Wohngemeinschaft sei kein leichter gewesen, meint Bugmann, der in Döttingen aufwuchs. «Über Nacht haben wir alles, was uns bekannt und vertraut war, einfach zurückgelassen.»

Stoff für Lästereien

Die Lust, sich auf die Suche nach sich selbst zu begeben, habe diese Ängste aber überwunden. Fortan verfolgten die Hippies ihren alternativen Lebensentwurf und verschrieben sich dem rigorosen Verzicht auf teure Konsumgüter. Geregelter Arbeit gingen die Bewohner der Kommune nur nach, wenn das Geld zum Leben zu knapp wurde , wie Hanspeter Frey sagt: «Das waren meist dreckige Gelegenheitsjobs in Fabriken, die schnelles Geld einbrachten.»

Nebst der Freude am Zusammensein stand über allem aber die Liebe zum Musikmachen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit übten Bugmann, die beiden Freys und andere Mitglieder unter dem Bandnamen «Lovecraft» Songs ein – mit ersten Erfolgen: Konzerten in Wettingen, Baden und Zürich folgte ein selbst organisierter Auftritt an der Badenfahrt 1972 auf der Ruine Stein.

In den Songtexten auf Deutsch, Mundart oder Englisch spiegelte sich ihre Weltanschauung wider. Von den Schrecken des Vietnamkriegs sangen die bekennenden Pazifisten und Wehrdienstverweigerer, und sie bezogen später Stellung für die Anti-Atom-Bewegung. Doch der Durchbruch blieb «Lovecraft» verwehrt, der gewünschte kommerzielle Erfolg blieb aus. Die Band aber existiert noch immer: «Wir haben unsere Leidenschaft bis heute nicht aufgegeben», sagt Ueli Frey.

Das Leben der Hippies im alten Bauernhaus bot reichlich Stoff für Gerüchte und Lästereien in Birmenstorf. Viele betrachteten die Kommune mit Argwohn und sahen in ihr eine Abkehr von der Ordnung. «Die Leute hatten eine gewisse Vorstellung von uns. Sie bezeichneten uns als langhaariges Pack und sagten uns, dass wir einer richtigen Arbeit nachgehen sollten», sagt Hanspeter Frey. Beinahe wöchentlich seien sie von der Polizei kontrolliert worden, im Haus suchten die Polizisten nach Diebesgut, Drogen und weiteren illegalen Gegenständen. «Wir haben den Leuten nie etwas angetan, waren vollkommen friedlich und unvoreingenommen. Doch von einer grossen Mehrheit wurden wir nie akzeptiert», bedauert Bugmann.

«Mit dem Badener Tagblatt haben wir auch noch ein Hühnchen zu rupfen», sagt Ueli Frey mit einem Lachen in Richtung des Journalisten. In den Tenor der Ablehnung stieg nämlich auch die lokale Berichterstattung mit ein. So titelte das BT am 1. Oktober 1971 in knallroter Schrift «Wildwest-Terror in der Region» und schrieb den Hippies verschiedene Straftaten in Birmenstorf, Gebenstorf und Mülligen zu – eine Falschmeldung, wie sich herausstellen sollte: «Eine Rockerbande aus der Region war für die Verbrechen verantwortlich», erklärt Ueli Frey. Die Hippies wehrten sich gerichtlich gegen die Darstellung im BT und bekamen recht.

Ungeachtet dieser Darstellung wollten sich aber nicht alle der gängigen Meinung im Dorf anschliessen. So waren Kleidungsstil und Frisuren der Hippies etwa Inspirationsquelle für eine Darbietung des lokalen Turnvereins.

Bioläden in der Region

Weil das Haus, das sie lediglich zur Zwischennutzung mieteten, verkauft wurde, nahm die Birmenstorfer Episode für die Hippies im Frühjahr 1973 ein Ende. Nur wenig später fanden Felix Bugmann, Hanspeter und Ueli Frey eine neue Bleibe im sankt-gallischen Gähwil, wo sie zweieinhalb Jahre blieben. 1975 kehrten Bugmann und die Brüder Frey in die Region Baden und ins untere Aaretal zurück. Nach und nach gründeten sie eigene Familien, weshalb sie gezwungen waren, verstärkt an die Zukunft zu denken. «Wir mussten schnell nach einer Arbeit suchen, um an Geld zu kommen», sagt Hanspeter Frey. Die Lösung fanden sie schliesslich im Verkauf von gesunden Nahrungsmitteln. Bereits in Birmenstorf hatten sich die Hippies einer vegetarischen, naturbelassenen und makrobiotischen Ernährung verschrieben. «Wir waren fest entschlossen, ein gesünderes Leben zu führen», erzählt Bugmann.

Diesem Gedanken gaben sie sich vollends hin: Felix Bugmann eröffnete mit seiner Frau den Bioladen «Haldelädeli» in der Badener Unterstadt, Hanspeter Frey und seine Frau das «Rüssbrugglädeli» in Bremgarten. Ueli Frey betrieb mit seiner Frau eine Bäckerei in Tegerfelden, die sich auf Vollkornbackwaren spezialisierte. Diese lieferten sie an Bioläden und an Wochenmärkte in Baden und Zürich. 1979 zog es Felix Bugmann in den Kanton Bern: Er wohnte mit seiner Familie auf einem Bauernhof und verdiente sein Geld fortan als Biobauer. Hanspeter und Ueli Frey arbeiteten über die Jahre in verschiedenen handwerklichen Berufen. Heute leben alle wieder im Raum Baden.

War die Suche nach dem eigenen Glück erfolgreich? «Ja, auf jeden Fall», sagen die drei unisono. Das Meiste, was sie sich fürs Leben vorgenommen haben, hätten sie erreicht. Einiges sei ihnen aber nicht gelungen. «Wir waren in der WG nicht so aufgeklärt und emanzipiert, wie wir das von uns selbst erwartet hätten», merkt Hanspeter Frey selbstkritisch an. Was er damit unter anderem meint: «Nicht wir, sondern die Frauen haben gekocht und die Wäsche gewaschen. Wir Männer haben die ganze Zeit Musik gemacht.» Der Ausbruch aus den klassischen Geschlechterrollen sei schwierig gewesen. «Es war einfach noch stark in den Köpfen verankert. Diese Verhaltensweisen zu ändern, brauchte Zeit.» In einem nächsten Leben würden sie vielleicht nicht alles noch einmal genau so machen – aber sehr vieles.