Robert Sailer ist ein Detaillist, wie er im Bilderbuch steht: Seit 40 Jahren führt er die Papeterie Höchli in Baden. Erst an der Badstrasse, seit acht Jahren im Langhaus beim Bahnhof Baden. Dass der Gerwerbeverein City Com ihn deshalb vor 13 Jahren anfragte, ob er vorübergehend das Amt des Präsidenten übernehmen möchte, lag auf der Hand. Das Amt wurde frei, weil der damalige Präsident Lukas Voegele für das Amt des Badener Stadtammanns kandidierte. «Ich habe damals zugesagt, das Amt ad interim zu übernehmen. Aus ad interim sind jetzt halt 13 Jahre geworden», sagt Sailer mit einem Lachen.

Zum Gespräch empfängt der 75-Jährige den Journalisten in seinem Geschäft, wo er immer noch jeden Vormittag anzutreffen ist. An Rente denkt Sailer momentan noch nicht, «doch für mich war klar, dass ich das Präsidentenamt mit 75 Jahren abgeben will». Man habe zwar versucht, ihn zum Weitermachen zu überreden. «Aber irgendwann ist einfach Schluss. Ich merke das Alter langsam, sehe und höre nicht mehr so gut. Die Sitzungen und Termine wurden mir langsam zu viel.» Letzte Woche wurde er an der Generalversammlung ehrenvoll als Präsident verabschiedet.

Ärger über «Trittbrettfahrer»

Sailer blickt zufrieden auf seine Amtszeit zurück: «Unsere Hauptaufgabe ist es, die Attraktivität Badens als Einkaufsstadt zu erhalten oder noch besser zu stärken.» Sailer würde sich deshalb wünschen, dass sich dem Gewerbeverein noch mehr Geschäfte und Gewerbler anschliessen würden. Die City Com entstand im Jahr 2000 aus dem Zusammenschluss des Gewerbeverbandes und der Cityvereinigung. Heute zählt die City Com 220 Mitglieder, je ein Drittel aus dem Detailhandel, der Dienstleistungsbranche und dem Gewerbe. «Insbesondere würde ich es begrüssen, wenn sich noch mehr Lädeler anschliessen würden; es hat doch viel mehr Geschäfte als nur deren 70.» Sailer verhehlt dabei nicht, dass ihm die vielen «Trittbrettfahrer» ein Dorn im Auge sind. «Wir gehen aktiv auf alle neuen Geschäfte zu und fragen an, ob sie Mitglied werden wollen. Die Meisten zeigen leider kein Interesse. Dabei wäre eine starke und möglichst grosse Vereinigung, die sich für die Interessen der Lädeler einsetzt, doch im Interesse aller Geschäfte.»

Eines ist für Sailer klar: «Die City Com will immer auch politisch aktiv sein und sich für gute Rahmenbedingungen für das Gewerbe einsetzen.» Aktuell sei etwa die Städteinitiative, die zehn Prozent weniger motorisierten Individualverkehr anstrebt, ein grosses Thema. «Für mich ist eine Stadt tot, wenn es keine Läden und auch kein Handwerk mehr gibt.» Es sei deshalb falsch, zum Beispiel die Anzahl Parkplätze zu reglementieren, respektive zu reduzieren. «Wir wollen keine Schlafstadt sein.» Ein anderes schwieriges Thema seien die hohen Mieten in der Stadt. «Hier Lösungen zu finden, ist sehr schwierig. Zwar versuche man mit den Eigentümern –  nicht selten grosse Firmen –, zu sprechen, doch das bringe meistens nicht viel. «Ich glaube aber, dass die Eigentümer langsam merken, dass auch sie sich bewegen müssen. Denn leere Geschäftslokale schaden der Attraktivität als Ganzes.»

Hat denn die Attraktivität der Einkaufsstadt Baden in den letzten 13 Jahren unter Robert Sailer erhalten werden können? «Ich denke schon. Der Ladenmix ist allen Unkenrufen zum Trotz ganz gut und im Moment steht zum Glück nur ein Geschäft in der Weiten Gasse leer.» Zudem habe man in den letzten Jahren den «Winterzauber» oder den alle zwei Monate stattfindenden Stammtisch mit Gewerbe und Stadtvertretern ins Leben rufen können. «Überhaupt funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Standortmarketing sehr gut», sagt Sailer. «Es gibt keine vergleichbar grosse Stadt in der Schweiz, die ähnlich viel bietet wie wir», so Sailer selbstbewusst. So seien etwa das «Eier-Tütsche» am Ostersamstag oder «Baden wird zum Bauernhof» im Herbst sehr beliebt. «Und dieses Jahr führen wir am Samstag vor Muttertag zum ersten Mal den Muttertagsanlass mit der Spanischbrötlibahn durch. Natürlich habe auch das Badener Gewerbe mit dem Onlinehandel, Konjunkturschwankungen und dem Einkaufstourismus zu kämpfen. «Umso wichtiger ist es, dass das Einkaufen in der Stadt ein Erlebnis ist und bleibt», hält Robert Sailer fest.

Ein Nachfolger für Sailer wurde derweil noch nicht gefunden. City Com Geschäftsführer Michael Wicki hat ad interim übernommen. Werden es bei ihm auch 13 Jahre? «Nein, ganz bestimmt nicht. Die Suche läuft auf Hochtouren. Ich werde wohl bald alle Vorstandsmitglieder einmal ins Gebet nehmen müssen», sagt Wicki mit einem Lachen. «Vom Profil her wäre mir einer wie Röbi am liebsten, sprich eine Person, die dem Detailhandel nahe steht.»

«Die Grossen klemmen»

Dem pflichtet der abgetretene Präsident bei: «Wir wollen lieber einen Detaillisten und keinen Juristen, die sind auf der Geschäftsstelle besser aufgehoben», sagt Sailer mit einem Schmunzeln. Dass er «wir» sagt, ist kein Zufall, bleibt Sailer doch als Delegierter für besondere Aufgaben erhalten und wird vor allem dieses Jahr noch bei einigen Aktivitäten aushelfen. Doch wieso gestaltet sich die Suche nach einen Nachfolger derart schwer? «Ich glaube, das widerspiegelt den Zeitgeist», so Sailer. «Früher hatte man eher mal Zeit für ein Nebenamt.» Heute sei alles viel hektischer und schnelllebiger. Zudem würden die grossen Firmen wie Banken und Versicherungen oft klemmen, wenn ein Mitarbeiter ein solches Amt übernehmen wolle. Und die kleinen Detaillisten hätten schlicht nicht die Zeit dazu. «Und vor allem habe ich den Eindruck, dass es heute viel schwieriger ist, jemanden zu finden, der Verantwortung übernehmen will.»

Seinen idealen Nachfolger beschreibt Sailer, der in Wettingen wohnt, so: «Er sollte mit Baden vernetzt und verwurzelt sein sowie Freude haben, etwas zu bewegen.» Für den potenziellen Nachfolger sei dabei gut zu wissen, dass er im Rücken ein Sekretariat hat, das ihr oder ihm vieles abnimmt. «Aber klar, ein paar Stunden pro Woche nimmt das Amt schon in Anspruch.» Im Fall von Robert Sailer waren es in den letzten 13 Jahren Tausende von Stunden, die er für den Badener Detailhandel und das Gewerbe eingesetzt hat.