Wie ein Scheinwerfer wirft der Vollmond sein Licht auf den Theaterplatz, der dieser Tage für einmal seinem Namen voll und ganz gerecht wird. Reihe um Reihe füllt sich die Zuschauertribüne, während sich der rote Samtvorhang auf der Bühne unten sanft im Wind bewegt. Braut sich da etwa ein nächtliches Unwetter zusammen? Der Titel des Stücks jedenfalls lässt genau das erwarten: «Der Sturm» heisst das Drama von William Shakespeare, mit der das «enfant terrible» der Theaterszene, Stella Luna Palino, ihr 40-Jahre-Bühne-Jubiläum begeht.

Mit der Romanze aus Shakespeares Spätwerk hat die Interpretation des Teatro Palino jedoch nur am Rand zu tun – oder eigentlich doch im Kern. Denn das Theater ist ein Stück im Stück: Die Shakespear’sche Geschichte vom vertriebenen Herzog von Mailand, Prosperos, der mit seiner Tochter Miranda auf eine Insel geflüchtet ist, ist nämlich das Stück, welches Schauspieler des Teatro Palino erst noch proben. Und bei diesen Proben geht so einiges schief.

Politisches Theater – Theater der Politik

Es beginnt schon damit, dass einige der Schauspieler zu spät zur Probe kommen, weil sie noch ihrem Brotjob nachgehen müssen. Die prekäre finanzielle Lage der Theaterschaffenden ist ein wiederkehrendes Thema, und eines mit dem Stella während 40 Jahren immer wieder zu kämpfen hatte. Auf der Bühne verhandelt sie es mit viel Witz.

Vor dem Theater hält beispielsweise eine, wie sie sich selbst vorstellt, Vertreterin von Bundesrat Alain Berset eine feierliche Ansprache. Das Publikum begrüsst sie mit den Worten «Verehrte Debitoren und Kreditoren». Dass damit das Theater bereits begonnen hat, wird umso deutlicher, als sie kurzerhand die Abhängigkeit der Kulturschaffenden von Kulturämtern ad absurdum führt: «Haben Sie sich schon mal gefragt, weshalb das Bundeshaus eine Kuppel hat? Schon mal ein Zirkus mit Flachdach gesehen?»

Erschwert werden die Proben zusätzlich, weil ein paar launische Schauspielerinnen mit den ihnen zugewiesenen Rollen alles andere als zufrieden sind. Eine davon ist Stellas Tochter Senta Camille, die, wie sich im Laufe des Stücks zeigen wird, das Bühnentalent eindeutig von ihrem Vater geerbt hat.

Und dann wäre da noch Xavier Mestres Emilió, ein langjähriger Theaterfreund Stellas, mit dem sie 1977 die Theaterschule in Paris besuchte. Er soll im Stück Prosperos spielen. Leider spricht er kein Wort Deutsch und hat dementsprechend Mühe, seine Zeilen einzuüben – sehr zum Verzweifeln zu Stellas Regievertretung.

Von Geschlechterrollen auf und neben der Bühne

Richtig komisch wird es, als die Schauspielerin Isabelle Anne Küng die Bühne betritt und behauptet, der Wiedergänger William Shakespeares zu sein, oder besser gesagt: dessen Wiedergängerin. Denn der grossartige Dramatiker aus dem 17. Jahrhundert, so enthüllt sie ihren Schauspielerkolleginnen und -kollegen, sei eigentlich eine Frau gewesen. «Hätte ich denn als Frau überhaupt Zutritt zu den Theatern bekommen? Geschweige denn Theaterstücke veröffentlichen und zur Aufführung bringen können?», fragt sie rhetorisch in die Runde.

Auch das Thema des Geschlechts, der Aufführung von Geschlecht – nicht nur auf der Bühne, sondern auch im echten Leben – ist ein wiederkehrendes Element in Stella Luna Palinos Theaterbiografie. Zehn Jahre ist es her, seitdem die Theatermacherin auch abseits der Bühne als Frau lebt. Im Stück lässt es Stella über eine weibliche, pansexuelle Shakespeare auf den Punkt bringen: «Fleisch bleibt Fleisch.»

Natürlich rauscht zum Schluss auch noch der angekündigte Sturm über die Bühne und fegt in gewohnter Dramatik das Stück in einem Wisch in die Vergangenheit. Den Zuschauern dürfte davon weniger eine runde Shakespeare-Geschichte in Erinnerung bleiben, als einzelne Szenen und Episoden, die an Komik schwerlich überbietbar sind. Und einige Aussagen und Gedanken, die auch über das Theaterstück hinaus Gültigkeit haben.