Montagsporträt

«Auch in der Stadt herrscht Ärztemangel» – Ruedi Bosshardt blickt auf 30 Jahre als Hausarzt zurück

Ruedi Bosshardt zeigt ein Modell eines Lendenwirbels. Als Hausarzt behandelt er mehr als physische Gebrechen.

Ruedi Bosshardt zeigt ein Modell eines Lendenwirbels. Als Hausarzt behandelt er mehr als physische Gebrechen.

Hausarzt Ruedi Bosshardt aus Baden über Sonnen- und Schattenseiten seines Berufs und auf was er sich nach der Pensionierung freut.

Seit dreissig Jahren behandelt Hausarzt Ruedi Bosshardt seine Patienten an der Badstrasse 18 in Baden. Ende Oktober ist Schluss. Der 65-Jährige hat trotz langer und intensiver Suche keinen Nachfolger gefunden. Damit geht nicht nur eine Ära zu Ende, sondern die Stadt verliert auch einen Hausarzt, wie er im Buche steht. Bosshardt nimmt sich Zeit für seine Patienten, hört zu, wenn sie über mehr als nur ihre Rückenleiden klagen.

Oder rückt am 25. Dezember aus, wenn eine Patientin unter dem Christbaum feststeckt. Mit einem Schmunzeln erinnert sich Bosshardt an diese Anekdote, die ein paar Jahre zurückliegt. Die Frau kroch unter den Baum und erlitt dabei einen Hexenschuss. Es sei ihr zuerst etwas peinlich gewesen, aber am Schluss hätten alle darüber lachen können, sagt Bosshardt. Mit einer Spritze konnte er sie von ihrem Leiden befreien. Was sie unter dem Baum machte, das wisse er nicht. «Vielleicht hat sie Wasser nachgefüllt oder das Papier gerichtet.»

Ruedi Bosshardts Praxis im ersten Stock betritt man durch eine Holztür. Der sonst typische Geruch nach Desinfektionsmittel ist kaum wahrzunehmen. Im Sprechzimmer sind verschiedene Modelle von menschlichen Knochen auf dem Regal aufgereiht. Wer schon mal in diesem Zimmer Ruedi Bosshardt gegenübersass, der weiss: Nichts bringt ihn aus der Ruhe, und er gerät gerne ins Philosophieren.

So auch, wenn er über seine Arbeit spricht. «In meinem Beruf ist alles extrem menschlich. Als Arzt ist man mittendrin im realen Leben seiner Patienten.» Und das teilweise über Jahrzehnte hinweg. «Ich kenne ihre Persönlichkeiten und ihre Familiengeschichten», sagt Bosshardt. Denn für jede Diagnose müsse er zuerst intensiv zuhören. «Das hat etwas von Detektivarbeit.» Und wenn man sich dabei genau achte, könne man die Menschen eins zu eins kennen lernen. «Wie ein bezahlter Voyeur», ergänzt er schmunzelnd.

«Emotionale Nähe zu Patienten muss man aushalten können»

Wenn er über die Schattenseiten seines Berufs spricht, schlägt Bosshardt ernstere Töne an. Hausärzte seien emotional immer nah dran. «Das muss man aushalten können», sagt er. Man behandle nicht nur physische Gebrechen, sondern auch psychische Wunden. «Das Leben läuft nicht immer rund, Menschen fallen in Depressionen und hinterfragen das Leben.» Das könne auch für den Arzt sehr anstrengend sein. «Ich habe immer wieder Situationen erlebt, die mich im Hals würgten.»

Schwierig sei auch, wenn jemand seinem Lebensende entgegengehe. «Meine Patienten werden mit mir älter. Ich behandle immer mehr Demenzfälle. Auch die Todesfälle nehmen zu.» Die Beerdigungen seien wie eine Art Abschluss für ihn. Am schwierigsten seien die Suizidfälle, ergänzt er mit belegter Stimme. «Ich hatte die Not gehört und sie verstanden. Und trotzdem musste ich ohnmächtig zusehen.» Und die Angehörigen seien in solchen Fällen noch hilfloser.

In psychotherapeutischen Beratungen holen sich Ärzte Hilfe

Um mit solchen schweren Momenten umgehen zu können, besucht Bosshardt regelmässig sogenannte Supervisionen, psychotherapeutische Beratungen, an denen auch andere Ärzte teilnehmen und von schwierigen Situationen aus ihrem Berufsleben erzählen. «Ohne diese Psychohygiene wäre ich ausgelaugt und gestrandet», ist er überzeugt. Und trotzdem: «Hausarzt zu sein ist eine schöne Arbeit, ich kann es nur empfehlen», sagt Ruedi Bosshardt, dem die Berufswahl in die Wiege gelegt wurde.

Die Eltern, beides Hausärzte, begleitete er schon als Kind auf Hausbesuche. Er wuchs in Baden und Ennetbaden auf. Wo heute im Bäderquartier die Baustellen dominieren, spielte er als kleiner Bub Versteckis. In den Wäldern der Region verbrachte er als Pfadfinder seine Jugend. An der Kanti Baden lernte er seine künftige Frau Rosmarie kennen, mit der er drei unterdessen erwachsene Söhne hat. Ein guter Schüler sei er nicht gewesen, sagt er über sich. «Dennoch konnte ich zum Glück an der Uni studieren.»

Lange war nicht klar, in welche Richtung er als Arzt gehen möchte. Erst, als ein Oberarzt am Kantonsspital Aarau ihm dazu riet, sich wie er auf das kleine und überschaubare Gebiet der Neurologie zu spezialisieren, wusste er: «Ich will genau das Gegenteil, mich nicht einengen. Deshalb entschied ich mich für die breit gefächerte Allgemeinmedizin.» Nach sechs Jahren Studium in Fribourg und Zürich und fast fünf Jahren als Assistenzarzt übernahm er verschiedene Vertretungsjobs. 1984 gaben seine Eltern ihre gemeinsame Praxis auf. Übernehmen wollte Ruedi Bosshardt aber nicht: «Ich war noch nicht bereit. Mein Rucksack war noch nicht gefüllt.» Drei Jahre später stiess er per Zufall auf die freien Räume an der Badstrasse 18. «Das war ein Glücksfall», sagt er rückblickend.

Trotz intensiver Suche: Er fand keinen Nachfolger

Im August vor dreissig Jahren konnte er seine Praxis eröffnen. «Es ist wahnsinnig, wie die Zeit vergeht.» Jetzt, mit 65 Jahren möchte er sich pensionieren lassen. Über ein Jahr suchte er nach einem Nachfolger, beanspruchte dafür auch professionelle Hilfe. Vergeblich. Die Patienten hätten Verständnis, dass sie sich jetzt einen anderen Hausarzt suchen müssten, sagt er. Er helfe zwar bei der Suche, aber vor allem für seine älteren Patienten sei es schwierig. Insbesondere, wenn sie sich bereits mit dem Thema Sterben auseinandersetzen. «Die Begleitung auf diesem letzten Weg braucht Vertrauen.»

Auch für die Stadt Baden hat die Schliessung von Ruedi Bosshardts Praxis Auswirkungen: Die Hausarzt-Situation werde noch prekärer, ist er überzeugt. «Nicht nur auf dem Land, sondern auch in den Städten herrscht Ärzte-Mangel», sagt Bosshardt. Das hätten die Stadt und der Kanton verschlafen. Er selbst habe gemischte Gefühle bei der Schliessung der Praxis. «Einerseits geht vieles zu Ende. Ich bin auch etwas enttäuscht, dass ich keinen Nachfolger gefunden habe, der diese schöne Arbeit übernehmen möchte.»

Andererseits habe er endlich mehr Zeit für seine Hobbys, Wandern und Singen, sagt er. Das Singen im gemischten Chor Dättwil habe etwas Soziales und auch etwas Befreiendes. «Ich muss für einmal keine Entscheidungen treffen.» Und vom Laufen könne er süchtig werden. «Man hat nichts anderes auf dem Rücken als das Notwendigste.» Wie beispielsweise 2006, als er mit den ehemaligen Gardisten einen Teil des Weges nach Rom zurücklegte. Sich dem Wandern vermehrt widmen zu können, darauf freut er sich. Auf die Freiheit, einfach loslaufen und gemeinsam mit anderen die Landschaft geniessen zu können.

Ruedi Bosshardt, hier in Monteriggioni in der Toskana, liebt das Wandern.

Ruedi Bosshardt, hier in Monteriggioni in der Toskana, liebt das Wandern.

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