Der am Montag verstorbene deutsche Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat in Wettingen Spuren hinterlassen. Auch wenn sie zum Teil verwischt sind, spricht vieles dafür, dass Grass einige Zeit an der Nägelistrasse 5 verbrachte. Offenbar stammte sogar seine wichtigste Romanfigur aus Wettingen: Matthias Scheurer, der in dieser Gemeinde aufwuchs, bestätigt auf Anfrage, dass er wohl Inspiration war für den Romanhelden in der «Blechtrommel».

Scheurer (63), der heute in Basel lebt und für eine Gewerkschaft arbeitet, erzählt: «Zu meinem dritten Geburstag hatten mir meine Eltern eine Blechtrommel geschenkt, mit rot-weissen Zacken und einem Lederband, um sie um den Hals zu hängen. Ich trug sie mit mir, als ich zusammen mit meiner Mutter nach Lenzburg fuhr. Wir waren eingeladen bei der Familie Schwarz, mit deren Tochter Anna, einer Jugendfreundin meiner Mutter, auch Günter Grass befreundet war und die später seine Frau wurde. Wir trafen zu spät ein, und als wir das Zimmer betraten, trommelte ich, statt die Anwesenden zu grüssen. Das inspirierte Günter Grass offenbar zu seiner Romanfigur des Oskar Matzerath.»
Günter Grass mit 87 Jahren in Lübeck gestorben

Günter Grass mit 87 Jahren in Lübeck gestorben

Der Schriftsteller Günter Grass ist tot. Er starb mit 87 Jahren in einem Krankenhaus im norddeutschen Lübeck. In der Nähe von Lübeck, in Behlendorf, hatte er die letzten 25 Jahre gelebt; geboren war er im heute wieder polnischen Danzig oder Gdansk.

Grass beschrieb diese Szene – ohne den Namen des Knaben zu nennen – in seinem auotbiographischen Werk «Beim Häuten der Zwiebel»: «Der etwa dreijährige Knabe durchquerte den Raum, umrundete wiederholt die Tischgesellschaft, trommelte dabei unentwegt.»

In den folgenden Jahren traf Scheurer Günter Grass regelmässig. Grund: Der Schriftsteller und seine Frau Anna waren oft in Wettingen zu Gast. Annas Schwester Helen war verheiratet mit «Badener Tagblatt»-Redaktor Werner Geissberger, die beiden wohnten an der Nägelistrasse 5.

Auch die mit den Familien befreundeten Scheurers nahmen zuweilen an den Essen und Treffen in der sogenannten «Geissburg» teil. «Die Fischgerichte, die Günter nach kaschubischer Art kochte, waren für unsere Gaumen zum Teil etwas gewöhnungsbedürftig. Aber er war ein eindrucksvoller, wuchtiger Mann und vor allem ein begnadeter Vorleser, wie ich es vorher und nachher nie mehr erlebt habe.»

Scheurer bestätigt die Version, die auch 2007 im Artikel der «Schweizer Monatshefte - Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur» vertreten wird: Offenbar arbeitete Grass auch in Wettingen an seinem literarischen Werk, für das er 1999 den Nobelpreis erhielt. Im Artikel heisst es: «Als Hochzeitsgeschenk erhielt Grass von der Schwester seines Schwiegervaters eine Olivetti-Schreibmaschine.»

In diese Maschine soll er, als er zeitweise zur Miete im Haus seines Schwagers Werner Geissberger in Wettingen wohnte, Bogen um Bogen für die Blechtrommel eingespannt haben. In Wettingen soll Geissberger den Roman noch vor dem Abdruck gelesen haben.

Die Blechtrommel - DE/FR 1979 - Trailer

Die Blechtrommel - DE/FR 1979 - Trailer

"Die Blechtrommel" wurde verfilmt nach der Vorlage von Günter Grass und erzählt die Geschichte des jungen Oskar, der nach einem Sturz auf der Kellertreppe aus Protest gegen die Welt der Erwachsenen beschließt, sein Wachstum einzustellen. Die Blechtrommel wird dabei sein ständiger Begleiter und Mittel zum Ausdruck seines Protestes. Regie: Volker Schlöndorff http://volkerschloendorff.com/

Matthias Scheurer sagt dazu: «Grass hatte den Grossteil in Paris geschrieben, aber zusammen mit seinem guten Freund und bekannten Journalisten Werner Geissberger überarbeitete er viele Teile davon in Wettingen.» Das erste handsignierte Exemplar der 1959 gedruckten «Blechtrommel» erhielt Geissberger, das zweite Exemplar die Mutter von Matthias Scheurer. «Hier ist jener Oskar, der einst in Eurem erstgeborenen Sohn steckte», lautete die Widmung.

Matthias Scheurer besuchte die Bezirksschule in Wettingen und wenige Schritte von der Nägelistrasse entfernt die Kantonsschule in Baden, ehe er in Zürich Veterinärmedizin studierte und dann in die Region Basel zog. Er sah Grass noch regelmässig, zum Beispiel an Lesungen in Lenzburg oder Baden.

In Kontakt blieb er auch mit Grass’ Sohn Franz, der später bei einem befreunden Bauern im Kanton Basel-Landschaft das Landwirte-Handwerk erlernte. «Ich hätte Günter gerne noch einmal getroffen, aber er wohnte zuletzt in Lübeck, das liegt nicht gleich um die Ecke.»

Weitere Zeitgenossen erinnern sich daran, dass der Schriftsteller einige Zeit in Wettingen verbrachte. Im oben erwähnten Zeitschriften-Artikel kommt Hans Zbinden zu Wort, damals Student, später Aargauer Grossratspräsident und SP-Nationalrat.

Unweit von seiner Wohnung entfernt soll Grass in Wettingen im Haus von Werner und Helen Geissberger als Bildhauer gearbeitet und an der Blechtrommel geschrieben haben, liess sich Zbinden zitieren. Das Haus sei zum Schriftsteller- und Künstlertreff avanciert; legendär seien schon damals die Fischsuppen gewesen, die Grass seinen zahlreichen Gästen gekocht haben soll.

Schwarz auf weiss ist die Verbindung von Günter Grass zu Wettingen in einem Brief vom 27. April 1959 an seinen Autorenkollegen Paul Celan verbürgt, in dem er «Wettingen» vor das Datum schrieb. Das war ein halbes Jahr, bevor die Blechtrommel erschien.

Grass soll auch in der Badener Lokalpolitik einige wenige Spuren hinterlassen haben. Auf der Website der Partei «team baden» heisst es: «Schon im ersten Wahlkampf von 1967 zeichnete sich das ‹Team› durch unkonventionelle Methoden aus: So habe es einen Auftritt des mit einem führenden Mitglied verschwägerten deutschen Dichters Günter Grass gegeben. Scheurer: «Werner Geissberger war politisch aktiv, und Günter Grass war ihm politisch und intellektuell immer sehr verbunden.»