Seit knapp 20 Jahren hält der Badener Karikaturist Silvan Wegmann das Weltgeschehen mit spitzer Feder fest. Der 44-Jährige zeichnet unter dem Pseudonym «Swen» regelmässig für seine beiden Hausblätter «Nordwestschweiz» und die «Schweiz am Sonntag» sowie für das Schweizer Satiremagazin «Nebelspalter».

Herr Wegmann, rund 24 Stunden sind seit dem Attentat auf das Pariser Satiremagazin «Charlie Hebdo» vergangen. Was hat das Attentat bei Ihnen ausgelöst?

Silvan Wegmann: Natürlich bin auch ich immer noch geschockt. Die Tat hat bei mir grosse Betroffenheit ausgelöst, zumal ich mit Georges Wolinski eines der getöteten Opfer kannte. 

Von Angriff auf die Demokratie und die Meinungs- und Pressfreiheit ist die Rede. Ihre Meinung?

Ich weiss nicht recht. Im Moment habe ich das Gefühl, dass eher zu viel in das Attentat hineininterpretiert wird. Für mich waren das in erster Linie ein paar Bescheuerte, die gezielt die Redaktion von «Charlie Hebdo» angegriffen haben, um ihren Propheten zu rächen.

Die Medienministerin Doris Leuthard sorgte gestern mit einem Tweet für grosses Kopfschütteln. Dessen erster Satz lautete: «Satire ist kein Freipass» . . .

. . . dieser erste Satz war in der Tat etwas ungeschickt.

Nur etwas ungeschickt? Sagen Sie damit, dass Sie Bundesrätin Doris Leuthard inhaltlich zustimmen?

Satire darf zwar prinzipiell schon alles. Es gibt für mich aber die Grenze des gesunden Menschenverstands. Und: Satire und Karikaturen sollten zudem intelligent sein und nicht zum alleinigen Zweck die Provokation haben.

Die Zeichner von «Charlie Hebdo» waren bekannt für ihre provokativen Mohammed-Zeichnungen. Haben sie diese Grenze überschritten?

Schwierige Frage: Ich würde sagen, die Zeichner haben diese Grenze immer mal wieder geritzt. Sie waren ein grosses Risiko eingegangen. Ich frage mich – da sie sich dessen bewusst waren –, ob genügend Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden. Ich persönlich finde, manchmal sind sie zu weit gegangen; manchmal empfand ich die Zeichnungen tatsächlich als ziemlich plump. Gerade die Mohammed-Karikaturen dienten in erster Linie der Provokation – das kanns nicht sein.

Auch Sie lieben doch die Provokation. Vor Weihnachten erschien in der «Nordwestschweiz» eine Jesus-Karikatur, die bei einigen Lesern für heftige Kritik sorgte, weil sie die Zeichnung als reine Provokation und einen ungeheuerlichen Angriff auf ihren Glauben empfanden.

Mit der Karikatur wollte ich einen kritischen Blick auf unsere Gesellschaft und den Konsumwahn in der Vorweihnachtszeit werfen. Einer der abertausend «Weihnachtsmänner» – Symbol für den Adventskaufrausch – gratuliert dem Geburtstagskind. Wenigstens einer! Wo ist das Problem?

An Aktualität hätte es gerade letztes Jahr mit dem Aufkommen der Terror-Organisation IS wahrlich nicht gefehlt. Trotzdem haben Sie noch nie eine Mohammed-Karikatur angefertigt. Aus welchem Grund? Weil Sie anders als bei einer Jesus-Karikatur um Leib und Leben fürchten müssten?

Nein – abgesehen davon, dass es überall Spinner gibt. Mohammed war für mich schlicht noch nie ein Thema. Hingegen habe ich selbstverständlich IS- oder al-Kaida-Karikaturen gezeichnet.

Mit anderen Worten: Sollte sich Mohammed dereinst als Thema aufdrängen, könnten Sie sich eine Mohammed-Zeichnung vorstellen?

Nein. Ich hab schon vor dem Attentat auf «Charlie Hebdo» keine Mohammed-Karikaturen gezeichnet. Und ich bin ganz ehrlich: Nach dieser Tat werde ich es noch viel weniger tun.

Das tönt nach Kapitulation. Ist das nicht ein Verrat an unseren Werten, an der Meinungsfreiheit, wenn nicht gar an der Aufklärung?

Nein, das hat nichts mit Kapitulation oder Angst vor möglichen Racheaktionen zu tun. Ganz abgesehen davon: Selbst wenn ich eine Mohammed-Karikatur anfertigen würde, keine Zeitung in der Schweiz würde diese abdrucken. Nein, ich habe vielmehr einen gewissen Respekt den Muslimen gegenüber, die Mohammed nicht dargestellt haben wollen. Ich finde, diesen Wunsch kann man akzeptieren. Alles andere bringt doch auch gar nichts.

Ist es Aufgabe von Satire, sich zu fragen, «ob es etwas bringt»?

Ich finde schon. Man sollte sich schon überlegen, was man mit Satire bezweckt. Wie gesagt: Nur provozieren kann nicht das Ziel einer Karikatur sein. Und wenn, dann würde ich einen intelligenten Weg finden, Mohammed zu thematisieren, ohne ihn zeichnen zu müssen.

Sind Sie selber schon einmal bedroht worden?

Nein, zum Glück nicht. So deftig waren meine Karikaturen wohl nie.

Wird das Attentat ihre Arbeit beeinflussen?

Klar, so ein Ereignis geht nicht spurlos an einem vorbei. Ich denke, es gibt nur eines, nämlich ganz normal weiterzuzeichnen. Von mir wird es jetzt keine Amok-Zeichnungen geben. Genauso wenig werde ich aber künftig mit einer Schere im Kopf zeichnen.

Müssen Karikaturisten nach dem Attentat in Paris um ihr Leben fürchten?