Baden

Aquilana-Chef Dieter Boesch: «Ich habe die Firma geführt, als wäre es meine eigene»

© Sandra Ardizzone

Ein Vierteljahrhundert hat Dieter Boesch die Geschicke des Krankenversicherers gelenkt. Weshalb er gegen eine Einheitskasse ist und was er über steigende Prämien und seine Doppelrolle sagt.

Das Büro von Dieter Boesch (62) sieht aus, als sei es nicht mehr verändert worden, seit er 1991 die Geschäftsleitung und das VR-Präsidium der Aquilana Versicherungen übernommen hat. Immerhin korrespondiert das Türkis der Büromöbel mit den offiziellen Farben des Unternehmens.

Herr Boesch, beim Thema Krankenkasse interessiert den Leser vor allem eines: die ständig steigenden Krankenkassenprämien. Gemäss einer Studie werden die Prämien im Jahr 2030 bereits über elf Prozent des Einkommens ausmachen. Ein Grossteil könnte die Prämien der Obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) nicht mehr tragen, nur noch wenige Menschen könnten sich Zusatzversicherungen leisten. Ihr Kommentar zu diesem Befund?

Dieter Boesch: Da wird teilweise bewusst Schwarzmalerei betrieben, um Druck auf die Krankenversicherer und das Gesundheitssystem zu erzeugen. Was aber stimmt: Eine Nullrunde beim Prämienanstieg in der OKP werden wir nicht mehr erleben. Das Ziel kann – dank geeigneten, politischen Massnahmen – höchstens sein, die Kostensteigerung zu bremsen.

Woher Ihr Pessimismus?

In den letzten Jahren sind die OKP-Prämien um durchschnittlich 4,3 Prozent jährlich gestiegen, und das werden sie auch in Zukunft. Wir werden immer älter und der technische Fortschritt in der Medizin schreitet stetig voran, weshalb das ganze Gesundheitssystem immer teuerer wird. Und irgendwie ist es auch ein Teufelskreis: Wenn ich immer mehr Prämien bezahle, dann will ich auch etwas für mein Geld. Will heissen, ich gehe im Zweifelsfall lieber mal zu viel zum Arzt oder ich unterziehe mich lieber einmal zu viel einer aufwendigen und teuren – vielleicht sogar unnötigen – Untersuchung.

Aber irgendwann kommt das System doch zum Kollaps?

Am Ende ist dies eine Frage der Sozialpolitik beziehungsweise der Solidarität. Schon heute erhält jeder Dritte in diesem Land eine Prämienverbilligung. Für eine vierköpfige Familie kann das rund 5000 Franken pro Jahr ausmachen. Da kann man sich schon fragen, ob das noch das richtige System ist. Fakt ist aber auch, dass sich gerade Politiker extrem schwertun, heisse Eisen im Gesundheitswesen anzufassen. Welcher Politiker fordert schon die Schliessung eines nicht rentablen Spitals, wenn er wiedergewählt werden möchte?

Beim Thema steigende Prämien kommt immer auch wieder die Einheitskasse aufs Tapet, weil der Wettbewerb unter den Kassen als Kostentreiber angesehen wird. Selbst wenn dem nicht so ist, macht es wirklich Sinn, dass es im Bereich des Krankenkassenobligatoriums (KVG) verschiedene Kassen gibt?

Ich bin grundsätzlich ein liberal denkender Mensch und deshalb entschieden gegen eine Einheitskasse. Sie haben recht, der obligatorische KVG-Bereich ist zwar stark reguliert; der Leistungskatalog eigentlich austauschbar. Und doch gilt auch hier: Konkurrenz belebt den Markt – nebst der Prämie zählt vor allem auch die Servicequalität. Man darf nicht vergessen, dass wir Versicherer trotz klar definiertem Leistungskatalog Einfluss bei der Gestaltung der Prämien haben. Dies zum Beispiel aufgrund der Zusammenstellung all unserer Versicherten sowie aufgrund der finanziellen Ausgangslage

Unbestritten Wettbewerb finden wir im Bereich der Zusatzversicherungen vor. Besteht hier nicht die Gefahr einer Zweiklassengesellschaft. Vermögende werden innert kürzester Zeit von den besten Ärzten behandelt und logieren in Einzelzimmern, während solche, die nur grundversichert sind, auf den nächstbesten Arzt warten müssen und in Viererzimmer gepfercht werden.

Nein, ich sehe die Gefahr einer Zweiklassengesellschaft nicht. Grundsätzlich steht es jedem frei, wie und wofür was er sein Geld einsetzen will. Ein teures Auto, teure Ferien oder eben eine bessere Gesundheitsversorgung im Falle einer Krankheit oder eines Unfalls. Eines darf man in dieser Diskussion nicht vergessen. Wir verfügen in der Schweiz über ein super Gesundheitssystem, die Volksversorgung ist gewährleistet – was zwar wie oben erwähnt seinen Preis hat. Doch nur weil man nur obligatorisch nach KVG versichert ist, bedeutet das nicht, dass man eher stirbt. So ist die Sterberate auf der allgemeinen Abteilung nicht höher als in einer halbprivaten oder privaten Abteilung. Oder um es anders zu sagen: Auch ein Chefarzt kann mal einen schlechten Tag haben, während sie auf der anderen Seite von einem hervorragenden Assistenzarzt erfolgreich behandelt werden. Ein operativer, medizinischer Eingriff beinhaltet immer ein gewisses Restrisiko, und zwar ungeachtet des Aufenthaltsortes.

Also braucht es eigentlich gar keine Zusatzversicherung?

Das hängt von den persönlichen Bedürfnissen und den finanziellen Möglichkeiten ab. Letztlich geht es um die Frage, welchen Komfort man in einem Schadenfall will und welche Prämien man bereit ist, dafür zu bezahlen – diese sind einiges höher als in der Grundversicherung. Wichtig ist, dass man konsequent ist. Verzichtet man auf eine Zusatzversicherung, und spart dabei auch Geld, dann muss man das im Schadenfall akzeptieren. So hat mich neulich ein Kunde aus dem Spital angerufen, er werde bald operiert, ob er noch schnell eine Zusatzversicherung abschliessen könne. Das war natürlich nicht möglich.

Aber besteht in der heutigen Gesellschaft nicht der Trend, sich gegen alles Mögliche abzusichern beziehungsweise sich zu überversichern?

Das muss letztlich jeder für sich entscheiden. Ich war zum Beispiel mit meiner Familie viel auf Reisen und habe auch meinen Sohn deshalb immer privat versichert.

Dieter Boesch im Video-Interview.

Dieter Boesch im Video-Interview.

Man könnte etwas salopp entgegnen, bei Ihrem Salär von rund 300 000 Franken jährlich können Sie sich höhere Prämien auch mühelos leisten. Wie rechtfertigen Sie kritischen Stimmen gegenüber ein solch hohes Salär?

Ich kann verstehen, dass dieser Lohn als hoch empfunden werden kann. Ich glaube aber, der Lohn für das Doppelmandat von VR-Präsident und Geschäftsführer ist aus mehreren Gründen nicht überrissen. Erstens sind wir mit einem Verwaltungsaufwand von nur 5 Prozent der Prämien eine der günstigsten Krankenkassen der Schweiz. Will heissen, rund 95 Prozent der Prämien fliessen als Leistung zurück. Zweitens gibt es wie bei den Banken und Versicherern einen Markt für Kader und es ist immer der gesamte Verwaltungsrat, der die Saläre absegnet. Und drittens darf ich unbescheiden sagen, dass ich aufgrund der Aquilana-Erfolgsstory in den letzten 40 Jahren offensichtlich nicht alles falsch gemacht habe und mein Salär auch in Relation zur aktuellen Bilanzsumme von 273,3 Millionen Franken mit einem Anteil von lediglich 0,1 Prozent vernünftig erscheint.

Sie sagen, der gesamte VR legt die Saläre fest. Sie sind seit 26 Jahren VR-Präsident und zugleich der Geschäftsführer. Der Verwaltungsrat ist eigentlich als Aufsicht über die Geschäftsleitung vorgesehen. Ist diese Doppelrolle nicht problematisch?

Richtig, nach der modernen Lehre sollte man diese zwei Ebenen trennen. Doch als KMU haben wir mit dieser Doppel-Funktion seit der Gründung 1892 gute Erfahrungen gemacht. Die Doppelfunktion bringt auch Vorteile, da zudem die Schnittstelle zwischen Geschäftsleitung und VR entfällt. Aufgrund meiner langen Tätigkeit bei Aquilana und wahrscheinlich auch wegen der Doppelrolle kann man sagen, ich habe das Unternehmen geführt, als wäre es mein eigenes. Das neue Krankenversicherungsaufsichtsgesetz verlangt aber spätestens ab 2021, diese beiden Ebenen personell zu trennen. Da ich bis dann aber pensioniert sein werde, wird mich das nicht mehr betreffen. (lacht)

Mit rund 43 000 Versicherten ist die Aquilana eine vergleichsweise kleine Kasse. Mit welchen Argumenten locken sie neue Kunden zu Ihrer Kasse?

Wir sind sicher nicht die Allergünstigsten – das wollen wir auch gar nicht sein –, dafür stehen wir für die Werte in unserem Leitbild ein: Stabilität, Kontinuität, Glaubwürdigkeit und Qualität. Das mag abgedroschen klingen. Doch unser Ziel ist es, zu unseren Kunden ein langfristiges Vertrauensverhältnis aufzubauen. Wer uns kontaktieren will, kann dies persönlich tun und wird nicht mit irgendeinem Callcenter-Mitarbeiter verbunden. Bei uns besteht zudem eine grosse Wahlfreiheit. Will heissen, man kann sich bei uns sehr individuel,l nach den persönlichen Bedürfnissen ausgerichtet, versichern lassen – wir machen keine «Päckli», sondern bieten ein modulares Versicherungsangebot. Wir arbeiten auch nicht mit teuren Maklern oder Vermittlern zusammen. Zudem erhalten unsere Mitarbeitenden keine Provisionen auf verkauften Versicherungen, wodurch beim Beratungsgespräch auch keine falschen Anreize geschaffen werden.

Aquilana feiert dieses Jahr den 125. Geburtstag. Welches Geschenk machen Sie Ihren Kunden – einen 125-Franken-Rabatt auf die Prämie?

(lacht) . . . den sie ja am Ende doch wieder selber finanzieren müssten. Nein, wir laden auch dieses Jahr wieder zu unserer Generalversammlung im Sportzentrum Tägi, wo wir gegen 800 Kundinnen und Kunden, aber auch Ehrengäste aus Politik und Wirtschaft erwarten. Nebst dem offiziellen Teil erwartet unsere Gäste ein Apéro sowie ein feines Nachtessen mit Musik- und Unterhaltung; es soll ein unvergesslicher Anlass werden.

Jubiläums-GV. Freitag, 19. Mai, ab 15 Uhr im Sportzentrum Tägerhard in Wettingen.

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