Nachdem sich die 13-jährige Sabrina (Name geändert) aus Spreitenbach Ende August das Leben genommen hatte, nahm die Jugendanwaltschaft Limmattal/Albis Ermittlungen auf, wie die «Schweiz am Wochenende» Anfang Oktober aufdeckte. Im Visier der Ermittlungen ist eine 16-jährige Dietikerin, die das Mädchen aus der Nachbargemeinde massiv geplagt haben soll. Es geht um Cyber-Mobbing. Denn nach dem Suizid hatte die Jugendliche kein Einsehen. Sie veröffentlichte in den sozialen Medien ein Video, wo sie ihrem nächsten Mobbing-Opfer damit drohte, dass es ihr ergehen werde wie dem Mädchen, das Suizid beging. Diese Drohung steht im Fokus der Ermittlungen der Jugendanwaltschaft.

Nun ist klar, dass auch gegen einen 15-jährigen Schüler aus Dietikon ermittelt wird: Er soll eine Zeit lang mit dem 13-jährigen Suizid-Opfer aus Spreitenbach zusammen gewesen sein und sie genötigt haben, wie der «Blick» am Mittwochberichtete. Sarah Reimann, Sprecherin der Zürcher Oberjugendanwaltschaft, bestätigte am Mittwoch auf Anfrage, dass die Jugendanwaltschaft Limmattal/Albis eine Strafuntersuchung betreffend Drohung gegen eine Jugendliche sowie eine Strafuntersuchung wegen Nötigung gegen einen Jugendlichen führt. «Die strafrechtlichen Untersuchungen laufen», teilt Reimann mit.

Ihm wird Nötigung vorgeworfen

Gemäss dem «Blick»-Bericht hat der 15-jährige Dietiker Schüler sein Handy abgeben müssen, da er darauf ein «privates Foto» von Sabrina hatte. Will heissen: ein Foto, das man nicht jedem zeigen würde, womöglich ein intimes Bild. Um dieses soll es beim Nötigungsvorwurf gehen – der Dietiker Jugendliche könnte es gegenüber Sabrina als Druckmittel benutzt haben. Deswegen hätten ihn die Eltern von Sabrina angezeigt, heisst es im Bericht, der sich auf die Aussagen von Verwandten von Sabrina beruft.

Die Mutter des nun beschuldigten Schülers wird hingegen damit zitiert, dass Sabrina das Foto drei Monate vor ihrem Suizid freiwillig geschickt habe. «Er ist unschuldig», sagt die Mutter. Unschuldig, aber offenbar nicht unverdächtig, wie die laufende Strafuntersuchung der Jugendanwaltschaft Limmattal/Albis zeigt. Deren Büros liegen in Dietikon nahe dem Bahnhof, gleich neben dem Bezirksgebäude. Die Ermittlungen werden zeigen, ob es stimmt, dass das wegen Drohung beschuldigte Mädchen aus Dietikon tatsächlich zuerst mit dem wegen Nötigung beschuldigten Jugendlichen zusammen war und eifersüchtig wurde, als dieser plötzlich ein Auge auf Sabrina geworfen hatte. Eifersucht als Mobbing-Motiv?

Kein Mobbing-Verfahren im Aargau

Sollten die beiden Untersuchungen der Jugendanwaltschaft Limmattal/Albis in Dietikon nicht eingestellt werden, sondern in Anklagen und damit in Gerichtsverfahren münden, wäre die Öffentlichkeit von den Verhandlungen ausgeschlossen. Dies ist eine Besonderheit des Jugendstrafrechts.

Ist damit zu rechnen, dass in diesem Cybermobbing-Fall, der in tragischer Weise alles Bisherige übertrifft, noch weitere Strafuntersuchungen eröffnet werden? Entsprechende Fragen lässt die Zürcher Oberjugendstaatsanwaltschaft unbeantwortet. Klar ist: Nur in Dietikon laufen derzeit Mobbing-Ermittlungen. Denn wie Fiona Strebel – die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Aargau – sagt, läuft weder bei der Aargauer Jugendanwaltschaft noch bei der Staatsanwaltschaft Baden ein Verfahren zu den Umständen, die das Mädchen zum Suizid bewegten. Es gibt zurzeit also keine Hinweise, dass auch Jugendliche aus Spreitenbach oder anderen nahen Orten sich derart am Mobbing beteiligt haben, dass es strafrechtlich relevant wäre.

Cyber-Mobbing bis zum Tod

TalkTäglich – Cyber-Mobbing bis zum Tod (10. Oktober 2017)

In Spreitenbach nahme sich eine Schülerin mutmasslich wegen Cybermobbing das Leben. Wie sollen Schulen und Eltern damit umgehen? Wie kann man solche Taten verhindern?