Region Baden

Ansichtssache: Diese freche fröhliche Göre

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In einer Serie denkt Autor Max Dohner in diesem Blog laut über Orte aus der Region Baden und ihre Auffälligkeiten nach. Dies jeweils aus subjektiver Sicht unter dem Titel «Ansichtssache». Ein neuer Beitrag folgt jeweils Anfang Woche.

Neulich wartete ich an der Brunnmatt auf den Zweier nach Neuenhof-Spreitenbach. Ich hasse es, Bus und Bahn zu erhetzen. Pausen sind Oasen. Betriebsamkeit trocknet aus und verwüstet, während im Warten verborgene Dinge aufblühen – diese Zeichnung zum Beispiel. Sie war nahezu verwaschen; für bessere Kenntlichkeit habe ich die Farben «umgedreht»; aus weisser wurde schwarze Kreide.

Staunenswert ist die Zeitlosigkeit des Motivs – diese freche fröhliche Göre. Vor sechzig Jahren porträtierten sich meine Gefährtinnen auf dem Abenteuerpfad zum Kindergarten schon genau so auf der Strasse. Und heute sind wir Opi und Omi. Die Art der Zeichnung aber altert nicht. Im Leben steckt ganz offensichtlich, und absolut unverwüstlich, eine Zuversicht, die zwar verwaschen, aber nie ganz gelöscht werden kann.

Nach einer «Party» liess irgendwelches Gesocks hier alles liegen

© CH Media

«Das neue Jahr mit altem Dreck beginnen? Nun, wenn der alte Dreck nie endet ... Müssiggang an Neujahr führte an der KV-Schule Baden vorbei – Pardon: Wirtschaftsschule Ost. Nach einer «Party» liess irgendwelches Gesocks hier alles liegen. Natürlich stehen Abfallzylinder rum ... drei, fünf, sieben? Zehn. Es ist der wohl am besten mit Abfalleimern bestückte Platz der Stadt. Zum nächsten Kübel muss man vom Tisch aus nur den Arm strecken. Alle anderen stehen so nah, dass man auch torkelnd delirierend hinfindet. Heisst: Den eigenen Dreck fortzuräumen, war hier gar nie Absicht gewesen. Das Gesocks überliess die Schweinerei bewusst den anderen.

Ein Statement: «Ich bin primitiv und ihr könnt Däumchen drehen» – so etwa. Oder trübte das Delirium den Anstand? «Ich war dicht, Mann, voll belämmert, kannte mich kaum mehr ...» Solches Gelaber erinnert an meine Schwiegermutter selig. «Ich habe manches Gesocks gesehen, wie es sich die Kante gab», erzählte sie. «Kein Einziger wäre je auf die Idee gekommen, im Suff seine eigene Kacke als Wurst zu fressen.» Heisst: Jeder kennt die Grenze. Jeder weiss genau, was er tut. Gerade dort, wo viele so gern anderen in den Garten pissen.

(4. Januar 2021)

Nun werden auch Christbäume in Quarantäne gehalten

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Gefährliche Mutanten tauchen offenbar nun auch unter Christbäumen auf. Diese aggressiven Bäume werden draussen aufgestellt, fernab der heimeligen Stube, und vorsichtshalber in Käfigen gehalten. Darauf scheint dieses Exemplar in Kirchdorf hinzudeuten. Eine Kuriosität; entsorgt wurde der Baum nicht – dafür stünde der Kübel links. Nein, der Baum hier wird mit Absicht in Quarantäne gehalten. Der Kontext zeigt, warum …, und es ist wie immer: Der Kontext sollte bei allen Dingen unbedingt einbezogen werden. Der Käfig steht vor einer Zoohandlung. In wärmeren Jahreszeiten leben darin Kaninchen, Meerschweinchen oder Vögel. Diese Erklärung – sorry – ist so real wie banal. Banale Erklärungen mögen ein Rätsel zwar auflösen. Die surreale Note darin, die Poesie, wird trotzdem keine Realität jemals ersticken.

(29.12.2020)

Weihnachten hat ja seit 2000 Jahren jede Unschuld verloren

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«Da hänge ich nun rum, weitgehend allein: Lockdown statt Gewusel. Okay – Warenhäuser waren nie mein bevorzugter Platz. Wir sind 22 insgesamt. Ad-hoc-Engel in Baden, regelmässig im Einsatz, sobald die Weihnachtslichter brennen. Unterm Jahr liegen wir – pscht, bleibt unter uns! – beim Wasserkraftwerk Kappelerhof. Jeder von uns ist verschieden. Dick aber sind wir alle – Kunststück: Uns formte ein Karikaturist; die ganze Verwandtschaft besteht aus Putten. Ich habe selten Schwein, hänge zu oft an Kommerztempeln. Kindergärten wären mir lieber. Aber wer zahlt, mahlt zuerst … gilt auch in unserem Metier. Weihnachten hat ja seit 2000 Jahren jede Unschuld verloren.»

(21.12.2020)

Beim «Meitli-Huus» hört man plötzlich Stimmen – Spott, Lachen, Fluch und Klage

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Da läuft man müssig einen Fluss entlang und verläuft sich unverhofft in Geschichte. Auch Geschichte erweckt Empfindungen wie ein Fluss. In Untersiggenthal baute der sogenannte Nähfaden-Pionier Emil Escher-Hotz im 19. Jahrhundert eine Färberei/Zwirnerei und nutzte wie damals üblich die Kraft im Fluss. Hier arbeiteten viele Frauen; die jungen nannte man «Meitli».

Das alles schwemmte der Fluss der Zeit fort: die Stumpen rauchenden Patrons, die verschwitzten Kopftücher der «Meitli», die Stechuhr und Sirene … Noch aber stehen Gebäude, denkmalgeschützt. Nicht weit davon auch das «Meitli-Huus», Wohnstatt damals hauptsächlich für Italienerinnen. Und der Müssiggänger hört plötzlich Stimmen: Spott, Lachen, Fluch und Klage.

Im Kopf laufen Schwarzweissfilme ab aus dem Neorealismo: Sophia Loren als Taglöhnerin, Anna Magnani im Film «Zum Teufel mit der Armut», die Reispflückerinnen in «Wilder Reis», dazu ihr Lied «Bella Ciao Ciao Ciao» … alles zu hören und zu sehen in Untersiggenthal, im Areal Stroppel. Ach, Sie meinen: nicht wirklich? Was aber wäre am Fluss der Zeit denn wirklicher?

(13.12.2020)

Hier im Nirgendwo übernahm ein junges Paar einen Bauernhof – dann kam der Bauboom

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Im Nirgendwo zwischen Bellikon und Widen bewohnte vor einem knappen halben Jahrhundert ein junges Paar diesen Kleinbauernhof, genannt «Kreuzweid». Man sage nicht vorschnell, das Foto sei schlecht; es wurde am Computer nachbehandelt für etwas mehr Effekt in Nostalgie. Warum Nostalgie? Ach, die «Kreuzweid» damals lag allein am Hang. Das Paar wusste beim Zuzug, dass alles Bauzone war.

Es hoffte aber auf sanfte Entwicklung, die das «Verhäuseln» der Natur verhinderte. Dann explodierte alles: Der Hügel war im Handumdrehen verkauft, verbaut, die «Kreuzweid» plattgewalzt. Vom Paar ging fortan jedes seiner Wege, nie kehrte ein Teil je zurück. Wohin «zurück»? Hier war die Jugend der beiden zu Ende gegangen. Nicht eine Spur davon war im leblosen Quartier-Chic wiederzufinden. Der Fotofilter also unterstreicht nicht Nostalgie, sondern nur Melancholie. 

(7.12.2020)

Das Virus platziert die Leute weit voneinander weg

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Das Virus bricht den «Dichtestress». Es platziert die Leute weit voneinander – wie hier, in einer Allzweckbeiz der Region. Wer stets eine gewisse Mühe hatte mit allzu rascher salopper Annäherung – die oder den dürfte der wiedergewonnene Abstand erleichtern.

Die Legende erzählt, Indianer hätten sich dem Tipi eines anderen bis auf einen Steinwurf genähert, sich erst minutenlang gemustert, ehe sie sich, auf ein Zeichen der Ermunterung hin, weiter vorwagten. Während der Massenmensch schubste, rempelte, sich am Nächsten stiess und ungefragt jeden duzte. Meist aber lebt der Einzelne im eigenen Terrarium; Plexiglas verdeutlicht es wieder. Traurig ist das nicht, nur natürlich. Wer sich dem Wesen darin sorgsam nähert, schafft Vertrauen – und öffnet nicht selten eine Schatulle.

(29. November 2020)

Aufgeräumt und sauber – wo steckt hier bloss das Leben?

Die Berufsfachschule BBB Martinsberg in Baden.

Die Berufsfachschule BBB Martinsberg in Baden.

Solche Ansichten von Schulhöfen hierzulande erregen Aufmerksamkeit im Ausland, vor allem in der südlichen Hemisphäre. Weshalb? Fällt es Ihnen nicht auf? Alles aufgeräumt, alles total sauber. Anderswo kaum zu glauben. Während uns flau wird jedes Mal, wenn wir durch «sanierte» Zonen streunen – wie hier, bei der Berufsfachschule Baden. Oder auch in downtown Ennetbaden.

Wo steckt bloss das Leben? Natürlich sollte man Schulhöfe nicht an Wochenenden besuchen, noch weniger im November. Versprayt will ich die Wände gewiss auch nicht sehen; zur Depression käme noch Ärger. Und doch wirkt es wie verhext: Hierzulande ist viel Geld vorhanden, um bedeutende Bauwerke erstklassig zu renovieren. Und dann endet das – fast ausnahmslos – im Sterilisieren.

(23. November 2020)

Hier wird der Geist wirklich eingeladen, ruhig zu schweifen

Wer Schlechtes anprangert, soll auch das Gute zeigen – oder? Ganz im Sinn der Schweizer Maxime: «Nicht nur lafern, auch liefern!» Kein schlechtes Motto übrigens in Zeiten, da Windmacher grassieren. Vor einer Woche hatten wir an dieser Stelle die lächerlichen Sitzbänke gerügt beim «Werkk» in Baden (siehe unten).

Nun ein schönes Beispiel: eine Bank bei der Propstei Wislikofen. Hier wird der Geist wirklich eingeladen, ruhig zu schweifen. Meinetwegen auch zu meditieren – oder sich, nach den Meditationskursen des Hauses, wieder zu sammeln. Sogar an ein Gerüst wurde gedacht für etwas Schatten bei Hitze. Das steht in Wahrheit nicht so schief wie auf dem Bild; das ist dem Weitwinkel des Objektivs geschuldet. 

(16. November 2020)

Welcher Arsch will hier sitzen? 

© Max Dohner

Welcher Arsch will hier sitzen? Uns vertreibt nicht das Regenwasser auf der Bank, uns irritiert ein Paradox: Weshalb lädt man mit «zeitgemässer Bespielung» des öffentlichen Raums die Willigen und Müden ein, zu verweilen – theoretisch –, indem man sie – praktisch – vergrault? Oder geht’s um den Schein, ums Design?

Am Schmiedeplatz Baden (eigentlich eine Strasse) haben uns beim «Werkk» diese Bänke abgeschreckt – sofern es welche sind, keine Sarkophage. Nein, nicht lustig, für niemanden. Vermutlich nennt die Branche das gleichwohl «originell»: Beton und Holzpalette «antworten spielerisch auf das einstige Industrie-Ambiente» und so weiter im Bla-bla. Tut was für den Menschen! Haltet ihn vor Augen, nicht euren Kick und Pfiff. 

(9. November 2020)

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