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Analog auch während der Krise: In Bellikon gibt es Stift und Papier statt Schule per Video

Hausaufgaben korrigieren im Klassenzimmer und Lernen mit Heft und Buch: In Bellikon ist Technik im Fernunterricht nur Beilage.

Die Frühlingsferien sind vorbei. Am Montag fing an der Schule Bellikon das letzte Quartal an. Betritt man das Gebäude hoch oben am Hügel, fühlt es sich aber an, als schlummere die Schule noch immer vor sich hin. Keine Bälle, die durch Basketballkörbe rauschen, keine bunten Schultheks, kein Spielen und kein Gelächter. Die Schule ist geschlossen, erst am 11. Mai ist sie wieder offen. Bis dahin lernen rund 100 Schülerinnen und Schüler von daheim aus.

Claudia Brandt sitzt an einem Tisch im verwaisten Schulzimmer. Normalerweise tummeln sich in den Schulbänken 25 Knaben und Mädchen im Alter zwischen 10 und 13 Jahren, heute ist nur noch Lehrerkollege Jonas Hauenstein hier. Im Zimmer nebenan beugt sich eine Handvoll Schüler über ihre Arbeitsblätter. Sie dürfen ihre Aufgaben in der Schule lösen, weil ihnen zu Hause ein Platz zum Arbeiten fehlt oder ihre Eltern sie nicht genügend unterstützen können. Der vom Bund verordnete Fernunterricht ist nicht für alle ohne weiteres möglich.

Brandt und Hauenstein unterrichten gemeinsam die 4. und 6. Klasse. Die beiden haben heute Bürodienst, sie sind für ihre Schüler da, wenn Fragen, Probleme und Unsicherheiten auftauchen. Auf Brandts Laptop reihen sich die Tabs von Websites aneinander: «Whatsapp» für den Klassenchat, «Klapp» für den Austausch mit den Eltern – und «Schabi» für Schule am Bildschirm. Die Lehrpersonen haben die Seite aufgerüstet. Es gibt Blätter mit Theorie, interaktive Übungen, eigens hergestellte Erklärvideos. Ständig wird aktualisiert.

Auch Mami und Papi brauchen den Computer

«Schabi» aber soll in Bellikon lediglich eine Ergänzung bleiben. Der grösste Teil des Schulstoffs wird noch immer klassisch mit Arbeitsblättern, Heften und Büchern erarbeitet. Jeden Montag holen die Klassen ihr Unterrichtsmaterial in der Schule ab. Über mehrere Tage verteilt schicken die Schüler dann Fotos von ihren Lösungswegen und geben einzelne Aufgaben in der Folgewoche ab. Brandt und Hauenstein korrigieren so schnell sie können. Gefordert sind in dieser Zeit besonders auch die Eltern: Ohne ihre Hilfe würde das System nicht funktionieren.

Fixe Unterrichtsstunden per Videokonferenz wollten sie hier in Bellikon keine. «Es war der Wunsch vieler Eltern, dass ihre Kinder nicht den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzen», sagt Brandt. Man könne auch kaum erwarten, dass alle Schüler einen Computer hätten, den sie jederzeit benutzen könnten. Jetzt, da Mami und Papi so viel im Homeoffice seien, sowieso nicht.

Videodienste wie Zoom oder Microsoft Teams fände sie ausserdem für Primarschüler nicht benutzerfreundlich genug, sagt die 52-Jährige. Also einigte sich das rund zehnköpfige Lehrerteam auf eine Mischung aus analogem und digitalem Unterricht. In den Schulferien wurde alles aufgegleist: Logins wurden erstellt, Übungen gescannt und kopiert, Videos gedreht und hochgeladen.

«IT-technisch war das sehr aufwendig», sagt Jonas Hauenstein. «In den Frühlingsferien haben wir kräftig gerudert, jetzt sind wir aber durch die heftigsten Stromschnellen durch.» Sowohl Hauenstein als auch Brandt sind eigentlich zu je 55 Prozent angestellt, seit dem Beginn des Lockdown sei es aber eher ein Vollzeitjob, meint der 26-Jährige.

Dabei war lange nicht einmal klar, bis wann der Fernunterricht überhaupt dauern wird. «Wir hingen in der Luft», sagt Claudia Brandt. Erst vergangene Woche gab der Bundesrat schliesslich bekannt, dass die obligatorischen Schulen ihren Betrieb Mitte Mai wieder aufnehmen. Vom Kanton gibt es nach wie vor keine klaren Rahmenbedingungen. «Jede Schule musste das Rad ein Stück weit selber neu erfinden», sagt Brandt, die eine einheitliche Richtlinie befürwortet hätte. Doch andererseits wäre dann ein derart flexibler Fernunterricht wie in Bellikon wohl nicht möglich geworden. «Es hat Vor- und Nachteile», fügt Brandt an. «Wir haben jetzt eine Lösung gefunden, die zu unserer Schule passt. Viele Eltern finden es gut, was wir machen.»

Am 11. Mai kehrt ein Stück Normalität zurück

Ohnehin sind sie an der Schule Bellikon überzeugt, dass die Erfahrung der letzten Wochen sie näher zusammengebracht hat. Das betonen alle, auch Schulleiterin Kay Warden. Ob die Klassenzimmer ab dem 11. Mai wieder vollgepackt sind oder erst einmal in Kleingruppen gelernt wird, wissen Brandt und die anderen Lehrer nicht. Sicher ist sie sich, dass Unterricht ohne persönlichen Kontakt nicht das Modell der Zukunft sein kann. Brandt freut sich darauf, wenn bald wieder Normalität einkehrt. Und hofft, ihren Schülern geht es genauso.

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